Ernst hatte sie überwältigt. Sie setzte in seine Rechtschaffenheit ein unerschütterliches Vertrauen, bloss weil er – ein sonderbarer Grund! – bisher sich nicht in sie verliebet, sondern nur mit ihr befreundet hatte, ohne mitin ihre Foderungen ans Herz durch seine – einzuschränken. Sie würde vielleicht auf den verheirateten Fiskal ihres Bräutigams, auf Firmian, gezürnet haben, wären ihm drei oder vier der besten Entschuldigungen abgegangen – nämlich seine geistige Ähnlichkeit mit Leibgeber überhaupt, dann seine physiognomische, welche sich vollends durch die Blässe so sehr verklärte, ferner sein rührendes Abendblatt und endlich sein ganzes mildes liebevolles Wesen. Die gestrige Bitte, ihn abends mitzubringen, tat sie nun zu Leibgebers grösster Freude zum zweiten Male, so weh es ihr auch um das ganze Herz herum war. – Niemand nehme ihr aber die Halbtrauer über den untersinkenden Venner übel oder ihren Irrtum über ihn, da wir alle wissen, dass die lieben Mädchen so oft Empfindsamkeit mit Rechtschaffenheit, Briefe mit Taten und Dinten-Tränen mit einem ehrlichen warmen Blute verwechseln.
Nachmittags brachte Leibgeber den Advokaten zu ihr, gleichsam als seinen Beweis zum ewigen Gedächtnis, als seine syllogistische Figur, als seine rationes decidendi, da der Venner aus rationibus dubitandi bestand. Aquiliana empfing den Advokaten mit einem fliehenden Erröten und dann mit einem kleinen Stolze aus Scham, aber doch mit der Zuneigung, die sie seiner Teilnahme an ihrer Zukunft schuldig war. Sie wohnte in den Zimmern der Engländerin; das blühende Lusttal lag draussen davor, wie eine Welt vor einer Sonne. Ein solcher voller Lustgarten hat den Nutzen, dass ein fremder Advokat den Spinnen-Faden der Rede an seine Äste leichter anzuknüpfen weiss, bis der Faden, zu einem schimmernden Kunstgewebe herumgesponnen, im Freien hangt. Firmian konnte nie jene Weltleute erreichen, die nichts brauchen, um ein Gespräch anzuspinnen, als einen Zuhörer; die wie Laubfrösche an den glättesten Dingen festzukleben wissen, worauf sie hüpfen; ja die sogar, was die Laubfrösche nicht einmal können, im luft- und sachleeren raum sich anhalten. Aber eine freie Seele wie Siebenkäs könnte sogar an einem hof nicht lange von der Unbekanntschaft mit den Verhältnissen verworren bleiben, sondern sie müsste bald ihre Freiheit in ihrer angebornen Erhebung über alle Zufälligkeiten wiederfinden und durch anspruchlose Einfachheit die kunst- und anspruchvolle der Welt leicht ersetzen.
Gestern hatte' er diese Natalie im heitersten Genusse ihrer Kräfte und der natur und der Freundschaft lächeln und zaubern und sie den schönen Abend noch mit einer Opferkühnheit krönen sehen; doch heute war so wenig von den zarten hellen Freuden übrig! In keiner Stunde ist ein schönes Gesicht schöner als in der, welche auf die bittere folgt, worin die Tränen über den Verlust eines Herzens auf ihm vorübergezogen; denn in der bittern selber würde uns die jammernde Schönheit vielleicht zu sehr betrüben und schmerzen. Firmian wäre mit Freuden für diese holde Gestalt, die das in ihr Herz getriebene Opfermesser bedeckte und gern es darin glühen liess, um nur das Bluten zu verzögern, er wäre mit Freuden für sie auf eine ernstere Art als er vorhatte, gestorben, wenn er ihr mehr damit hätte helfen können. Kann man es denn da so ausserordentlich finden, dass das Bindwerk zwischen beiden zugleich mit dem fallenden Sand im Stundenglas immer höher und dichter wuchs, sobald man nur erwägen will, dass bei einem ungewöhnlichen dreifachen Ernste – denn sogar Leibgeber geriet darein – sich jede Brust vor der Gala-natur des Frühlings mit sanften Wünschen füllte – dass Firmian heute, mit seiner bleichen, kränklichen, von alten Kümmernissen bezeichneten Gestalt, gefällig und wie Abendsonnenschein in ein halbverweintes wundes Auge fiel – dass ihr das (sonderbare) Verdienst ihn anempfohl, ihrem Treulosen wenigstens einige Untreuen vergället und verbauet zu haben – dass er alle seine Töne aus der Molltonleiter eines sanften Herzens aussuchte, weil er es vergüten und verdecken wollte, dass er dieser Unschuldigen und Unbekannten so viele Hoffnungen und Freuden auf einmal hatte verheeren müssen – und dass sogar der grössere Grad von ehrender, scheuer Zurückhaltung ihn durch den Kontrast, den er mit seinem Ebenbilde, dem vertraulichen Heinrich, machte, verschönerte? – Diese Reize des Verhältnisses, die der weiblichen Welt mehr abgewinnen und abnötigen als die verkörperten beleibten, hatte der Advokat sämtlich in Nataliens Augen. Sie hatte in den seinigen noch grössere und lauter neue: ihre Kenntnisse – ihre männliche Begeisterung – ihren feinern Ton – und ihre schmeichelhafte Behandlung, mit der ihn vorher noch keine Schöne verherrlicht hatte, ein Reiz, der viele eines weiblichen Umgangs ungewohnte Mannspersonen nicht bloss bis zum Entzücken, sondern bis zur Ehe hinreisset – und noch die zwei letzten und grössten Schönheiten, dass die ganze Sache zufällig und ungewöhnlich war, und dass Lenette überall davon die Gegenfüsslerin war. –
Darbender Firmian! An deinem Lebenflüsschen steht, wenn es auch zu einem Perlenbach wird, immer eine Galgen- und eine Warntafel! – In einer solchen warmen Temperatur, wie deine jetzt war, musste dir der Ehering zu eng anliegen und dich kneipen, wie überhaupt alle Ringe in warmen Bädern pressen, und in kalten schlottern.
Aber irgendeine teuflische Najade oder ein ränksüchtiger Meergott hatte die grösste Freude, Firmians Lebens-Meer, wenn es gerade von einigen phosphoreszierenden Seetieren oder von einer unschädlichen elektrischen Materie reizend leuchtete, und wenn sein Schiff darin eine schimmernde Strasse hinzog, umzurühren und zu trüben und zu verfinstern; denn eben als das Vergnügen und die äussere Gartenpracht immer höher wurde – und die Verlegenheit kleiner – die schmerzlichen Erinnerungen an den neuen Verlust versteckter – als schon das Fortepiano