es Sonntag ist) das kleine Habichtkraut und die heiligen Kommunikantinnen, welche Sing-Uhren sind, und die Bäcker. – Um 5 Uhr erwachen die Küchen- und Viehmägde und Butterblumen – Um 6 Uhr die Gansdisteln und Köchinnen – Um 7 Uhr sind schon viele Garderobejungfern im schloss und der zahme Salat in meinem botanischen Garten wach, auch viele Kauffrauen – Um 8 Uhr machen alle ihre Töchter, das gelbe Mausöhrlein, die sämtlichen Kollegien die Blumen-, Kuchen- und Aktenblätter auf – Um 9 Uhr regt sich schon der weibliche Adel und die Ringelblume; ja viele Landfräulein, die zum Besuche kamen, sehen schon halb zum Fenster heraus – Um 10, 11 Uhr reissen sich Hofdamen und der ganze Kammerherrenstab und der Rainkohl und der Alpenpippau und der Vorleser der Fürstin aus dem Morgenschlafe, und das ganze Schloss bricht sich, weil die Morgensonne so schön vom hohen Himmel durch die bunte Seide glimmt, heute etwas Schlummer ab – Um 12 Uhr hat der Fürst, um 1 Uhr seine Frau und die Nelke in ihrer Blumen-Urne die Augen offen. – Was noch spät abends um 4 Uhr sich aufmacht, ist bloss das rote Habichtkraut und der Nachtwächter als Kuckuckuhr, die beide nur als Abenduhren und Monduhren zeigen. Von den heissen Augen des armen Teufels, der sie erst um 5 Uhr aufschliesset, wie die Jalape, wollen wir unsere Augen traurig wegwenden; es ist ein Kranker, der solche eingenommen, und der die mit glühenden Zangen zwickenden Fieberbilder bloss mit wachen Stichen vertauscht. – –
wenn es 2 Uhr war, konnte' ich nie wissen, weil da ich (samt tausend dicken Männern) und das gelbe Mausöhrlein miteinander einschliefen; aber um 3 nachmittags und um 3 am Morgen erwacht' ich als eine richtige Repetieruhr.
So können wir Menschen für höhere Wesen Blumen-Uhren abgeben, wenn auf unserem letzten Bette unsere Blumenblätter zufallen – oder Sand-Uhren, wenn die unsers Lebens so rein ausgelaufen ist, dass sie in der andern Welt umgekehrt wird – oder BilderUhren, weil in jene zweite, wenn hier unten unsere Totenglocke läutet und schlägt, unser Bild aus dem Gehäuse tritt – sie können in allen solchen Fällen, wo 70 Menschenjahre vorüber sind, sagen: "Schon wieder eine Stunde vorbei! Lieber Gott, wie doch die Zeit verläuft!" –
Das sehe' ich an dieser Abschweifung. – Firmian und Heinrich traten heiter in den benachbarten lauten Morgen, aber jener konnte den ganzen Vormittag auf keinem Sessel und Stubenbrette einwurzeln; die opera buffa e seria seines Lug-Todes zog immer vor seiner Seele ihren Vorhang auf und zeigte ihre burlesken Auftritte. Er war nun, wie allemal, humoristischer durch Leibgebers Gegenwart und Vorbild geworden, der über ihn durch seine innere Ähnlichkeit regierte. Leibgeber, der schon vor vielen Wochen alle Kulissen und Bühnenverschiebungen des Vexier-Sterbens mit der Phantasie erschöpfend ausgewandert hatte, dachte jetzt wenig daran; sein Neues war der Vorsatz, aus Rosas Brautfackel, die schon gegossen und angestrichen war, den dachte herauszuziehen, die Braut. Heinrich war überall ungestüm, frei, kühn, ergrimmend und unversöhnlich gegen Ungerechtigkeiten; und dieser moralische Ingrimm nahm, wie hier in Rosas und Blaisens Sache, zuweilen zuviel vom Schein der Rachsucht an. Firmian war milder und schonte und vergab, oft sogar auf scheinbare Kosten seiner Ehre; er wäre nicht imstande gewesen, der schönen Natalie den brieflichen Geliebten mit Heinrichs englischem Schlüssel oder Pelikan aus der blutenden Seele zu ziehen. Sein Freund musste, als er heute in Fantaisie zu ihr ging, das Versprechen der weichsten Behandlung und des vorläufigen Schweigens über die Kgl. preuss. Witwenverpfleganstalt zurücklassen. Allerdings hätt' es Nataliens Ehrgefühl blutig versehret, wenn man ihre moralische Trennung vom unmoralischen Venner auch nur von weitem in irgendeine Zusammenstellung mit einem metallischen Ersatze einer geistigen Einbusse hätte bringen wollen; sie verdiente und vermochte zu siegen, bei der Aussicht, zu verarmen.
Spät kam Heinrich wieder, ein wenig mit verworrenem Gesicht, aber doch mit einem erfreueten. Rosa war verworfen – und Natalie verwundet. Die Engländerin war in Ansbach bei der Lady Craven und ass die Butter mit, die die letztere noch ausser den Büchern machte. Als er dieser Römerin – so hiess die Britin Natalien gewöhnlich – das ganze schwarze Brett und Sündenregister des Venners vorgelesen hatte, zwar ernstaft, aber ein wenig laut und treu: so stand sie in dem grossen Anstand, den die aufopfernde Begeisterung annimmt, auf und sagte: "Wenn Sie hierin so wenig getäuscht wurden, als Sie täuschen können; und wenn ich Ihrem Freunde so viel glauben darf als Ihnen: so geb' ich Ihnen mein heiliges Wort, dass ich mich zu nichts zwingen oder bereden lasse. Aber in einigen Tagen kommt der Gegenstand ja selber, dem ich so gut wie meiner Ehre schuldig bin, ihn zu hören, da ich meine Briefe in seine hände gegeben. Aber wie hart ist es, dass ich so kalt sprechen muss!" Von Minute zu Minute erlosch auf ihrem glühenden Gesicht das Rosenrot immer mehr in Rosenweiss; sie stützte es auf ihre Hand, und als die Augen voller wurden und endlich tropften, sagte sie fest und stark: "Kehren Sie sich daran nicht; ich halte Wort Dann reisse ich mich, was es mir auch koste, von meiner Freundin ab und kehre nach Schraplau in meine arme Verwandtenwelt zurück. Ich habe ohnehin in der vornehmen Welt lange genug gelebt, doch nicht zu lange."
Heinrichs seltner