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ging über Heinrichs Angesicht mit schwellenden Falten, und er kehrte das erhobne Bildwerk des Grams und die blinden Augen voll Glanz und wasser ab und eilte schief mit einem wegschauenden gesicht, das den Schein einer andern Aufmerksamkeit annahm, vor den Zuschauern vorbei und verschwand in den Laubengängen.

Firmian stand allein mit nassen Augen vor der sanften Sonne, die sich über der grünen Welt in Farben auflöste. Die tiefe Goldgrube einer Abendwolke tropfte unter dem nahen Sonnenfeuer aus dem Äter auf die nächsten Hügel, und das umherrinnende Abendgold hing durchsichtig an den gelbgrünen Knospen und an den weissroten Gipfeln, und ein unermesslicher Rauch wie von einem Altare trug spielend einen unbekannten Zauber-Widerschein und flüssige, durchsichtige, entfernte Farben um die Berge, und die Berge und die glückliche Erde schien die herunterfallende Sonne widerscheinend aufzufassen.... Aber als die Sonne hinter die Erde sank – – so flog in die leuchtende Welt, die hinter den zwei wasservollen Augen Firmians wie eine ausgedehnte, flackernde, feurige Lufterscheinung zitterte, plötzlich der Engel eines höhern Lichts, und er trat blitzend wie ein Tag mitten in den nächtlichen Fackeltanz der hüpfenden Lebendigen, und sie erblichen und standen alle. – – Als er seine Augen abtrocknete, war die Sonne hinunter und die Erde stiller und bleicher, und die Nacht zog tauend und winterlich aus den Wäldern.

Aber das zerflossene Menschenherz schmachtete nun nach seinen Verwandten und nach allen Menschen, die es liebte und kannte, und es schlug unersättlich in diesem einsamen Kerker des Lebens und wollte alle Menschen lieben. O an einem solchen Abend ist die Seele zu unglücklich, die viel entbehret oder viel verloren hat! –

Firmian ging mit süsser Betäubung durch die hängenden Gärten des Blütengeruchs, durch die amerikanischen Blumen, die sich vor unserem Nachtimmel auftun, durch den Schlafsaal zugeschlossener Fluren und unter tropfenden Blüten, und der halbe Mond stand auf der Zinne des himmlischen Tempels im Mittagglanz, den die Sonne aus der Tiefe zu ihm hinaufwarf über die Erde und ihre Abendröte hinüber. – Als Firmian durch das überlaubte Dorf Johannis kam, dessen Häuser in einen Baumgarten verstreuet waren: so wiegten die Abendglocken aus den fernen Dörfern mit Wiegenliedern den schlummernden Frühling ein, und angewehte Äolsharfen schienen aus dem Abendrot zu spielen, und ihre Melodien flossen leise in den weiten Schlaf und wurden darin Träume. Sein überschüttetes Herz drängte sich nach Liebe, und er musste vor sehnsucht einem schönen kind in Johannis, das mit einem Wasserreiser tändelte, seine Blumen eilend in die zwei weissen hände drücken, um nur Menschenhände zu berühren.

Guter Firmian! geh zu deinem gerührten Freunde mit deiner gerührten Seele, sein innerer Mensch streckt auch die arme nach einem Ebenbilde aus, und ihr seid heute nirgends glücklich als aneinander! – Und als Firmian ins gemeinschaftliche, nur von der roten Dämmerung helle Zimmer trat: so wandte sich sein Heinrich um, und sie fielen einander stumm in die arme und vergossen mit gebückten Häuptern alle Tränen, die in ihnen brannten; aber die der Freude auch, und sie endigten die Umarmung, aber das Verstummen nicht. Heinrich warf sich in Kleidern in sein Bette und hüllte sich ein. Firmian sank in das zweite daneben und weinte beglückt aus verschlossenen Augen. Nach einigen trunknen, von Phantasien, Träumen und Schmerzen erhitzten Stunden fuhr ein leichter Schein über seine heissen Augenliderer schlug sie aufder Mond hing weissglühend neben dem Fensterund er richtete sich auf.... Aber da er seinen Freund still und blass, wie einen Schatten des Monds an der Wand, am Fenster lehnen sah, und da jetzt aus einem nahen Garten Rusts Melodie des Liedes: "Nicht für diese Unterwelt schlingt sich der Freundschaft Band etc." wie eine schlagende Nachtigall aufflog: so sank er unter dem Drucke einer schweren Erinnerung und einer zu grossen Rührung zurück, und die trüben Augen verschloss ein Krampf, und er sagte nur dumpf: "Heinrich, glaube an die Unsterblichkeit! Wie wollen wir uns denn lieben, wenn wir verwesen?" –

"Still, still!" sagte Heinrich; "heute feier' ich meinen Namentag, und der ist genug; einen Geburttag hat ja der Mensch nicht und mitin einen Sterbetag desfalls nicht."

Dreizehntes Kapitel

Die Uhr aus MenschenKorbflechterinder Venner Als ich im vorigen Kapitel von Kurzschläferinnen sprach, die um sechs Stunden früher erwachen als ihre Gegenfüsslerinnen: so tat ich, glaube' ich, wohl, dass ich das Modell einer von mir längst erfundenen Uhr aus Menschen, das ich im 12ten Kapitel nicht unter die eng aneinander stehenden begebenheiten schieben wollte, auf das 13te aufsparte; in das trag' ichs herein und stell' es auf. Ich glaube, Linnés Blumenuhr in Upsal (horologium florae), deren Räder die Sonne und Erde, und deren Zeiger Blumen sind, wovon immer eine später erwacht und aufbricht als die andere, gab die geheime Veranlassung, dass ich auf meine Menschen-Uhr verfiel. Ich wohnte sonst in Scheerau, mitten auf dem Markt, in zwei Zimmern; in mein vorderes schaute der ganze Marktplatz und die fürstlichen Gebäude hinein, in mein hinteres der botanische Garten. Wer jetzt in beiden wohnt, hat eine herrliche vorherbestimmte Harmonie zwischen der Blumenuhr im Garten und der Menschenuhr auf dem Markt.

Es ist 3 Uhr, wenn sich der gelbe Wiesenbocksbart aufschliesset, ferner die Bräute, und wenn der Stallknecht unter dem Zimmer-Mietmann zu rasseln und zu füttern anfängt. – Um 4 Uhr erwachen (wenn