als Einhorn und Eintier und Einsiedler und Ungekannter! Aber könntest du dir wohl so lange Bedenkzeit dazu nehmen, als der Regierungkanzelist dorten braucht, seine Pfeife auszuschütteln, sobald ich dir sage, dass ich in der Welt kein Amt versehen kann (du aber herrlich jedes) als das eines Graciosos, und kein Rat in einem Kollegium werden als bloss ein kurzweiliger, weil ich mehr Kenntnisse besitze als einer, die ich aber nicht zum Praktizieren, sondern nur zum Satirisieren brauchen kann, weil meine Sprache eine farbige lingua franca, mein Kopf ein Proteus und ich eine schöne Kompilation vom Teufel und seiner Grossmutter bin? – Und könnt' ich, so möchte' ich nicht. – Wie? in meiner blühenden Jugend soll ich als ein Amtierer, als ein staates-Gefangner im Burgverliess und Notstall der Amtstube wiehern und stampfen, ohne eine schönere Aussicht als die auf den in meinem Stand und PferdeStand hängenden Sattel und Zeug, indes draussen die herrlichsten Parnasse und Tempetäler vergeblich für das Musenpferd offen ständen? Jetzt in den Jahren, wo meine Lebens-Milch einige Sahne aufwerfen will, soll ich, da ohnehin die Jahre bald kommen, wo man sauer wird und in Molkenwasser und Quark zerfährt, da soll ich mir das Kälber-Lab einer Bestallung in meine Morgenmilch werfen lassen?- Du aber musst anders pfeifen: denn du bist schon ein halber Amtmann und ein ganzer Ehe-Mann dazu. – Ach, es wird alle Bremische Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes, alle komische Romane und komische Opern übertreffen, wenn ich mit dir nach Kuhschnappel fahre und du da auslöschest und vorher testierest und nachher, wenn wir dir die letzte Ehre erwiesen haben, dich ein wenig hurtig aufmachst und der noch grösseren entgegenläufst, nicht sowohl um selig zu werden, als ein Inspektor; damit du nach deinem tod nicht sowohl vor einem strengen Richterstuhl erscheinst, als dich selber auf einen setzest! – Spass über Spass! Ich übersehe die Folgen gar noch nicht oder schlecht – die Leichenkasse muss deiner betrübten Witwe zahlen (du kannsts der Kasse wieder gut tun, wenn du zu Gelde kommst) – deine Ringfinger mit dem verschwollenen Trauring und voll Fingerwürmer schneidet der Tod ab – deine Witwe kann heiraten, wen sie will, sogar dich, du auch –"
Auf einmal schlug Leibgeber vierzigmal auf seine Schenkel und rief: "Ei, ei, ei, ei, ei, etc.! – Ich kanns kaum abwarten, dass du erblassest... Höre, dein Tod kann zwei Witwen geben... Ich berede Natalien, dass sie sich bei der Königl. preussischen allgemeinen Witwenverpfleganstalt auf deinen Tod eine Pension von 200 Tlr. jährlich versichern lässet117. Du kannst es der Kgl. preuss. allgemeinen Witwenverpfleganstalt wieder heimzahlen, sobald du das Nötige erringst. Du musst deiner künftigen Witwe, wenn sie dem Venner einen Korb gibt, heimlich ein Brot- und Fruchtkörbchen aufhängen. Könntest du nicht zahlen und stürbest wirklich dir selber nach: so wär' ich da, und keine Kasse verlöre, wenn ich wieder bei meiner wäre." Leibgeber lebte nämlich in einem geheimnisvollen, von ihm selber nicht erklärten Wechselfieber von Arm- und Reichwerden, oder wie er es nannte, von Aus- und Einatmen der Lebenluft (aura vitalis) des Geldes. Jeder andere – als dieser spiel-keck mit dem Leben umspringende Mensch, dessen Flammenfeuer für Recht und Wahrhaftigkeit und Uneigennützigkeit dem Advokaten schon seit Jahren wie von PharusHöhen herab geleuchtet – hätte unsern Siebenkäs besonders als Juristen stutzig machen, ja erzürnen, anstatt überwältigen müssen; – aber Leibgeber durchtränkte, ja durchbrannte ihn mit seinem äterischen Spielgeiste und riss ihn unaufhaltsam hin zu einem mimischen Täuschen ohne eigennützige Lug- und TrugZwecke.
Doch so viel Gewalt behielt Firmian über sich in seinem Geisterrausche, dass er, wenigstens auf die Gefahr, seinen Freund selber blosszustellen, Rücksicht nahm. "Wenn man aber – sagte er – meinen wahren Heinrich Leibgeber, dessen Namen ich mir anraube, irgend einmal antrifft neben mir Falschnamenmünzer: was wird?"
"Man trifft mich eben nicht an", sagte Heinrich; "denn sieh, sobald du deinen alten kanonischen, echten Namen Leibgeber wieder nimmst und meinen über einem bestürmten Taufbecken geschaffnen, Firmian Stanislaus, wieder fahren lässest, welches Gott gebe: so schnell' ich mich mit ganz unerhörten Namen (es kann sein, dass ich, um 365 Namentage zu begehen, von jedem Tage die Kalendernamen borge), schnelle mich, sag' ich, ins Welt-Meer aus dem festen land, treibe mich mit meinen rücken-, Bauch- und andern Flossfedern durch die Fluten und Sümpfe des Lebens und bis ans dicke Toten-Meer – und dann sehe' ich dich wohl spät wieder"... Er schaute starr in die hinter Baireut herrlich sinkende Sonne – seine festgehefteten Augen glänzten feuchter, und er fuhr langsamer fort: "Firmian, heute steht Stanislaus im Kalender – es ist dein, es ist mein Namentag und zugleich der Sterbetag dieses wandernden Namens, weil du ihn nach deinem Scheintode ablassen musst – Ich armer Teufel will doch einmal nach langen Jahren ernstaft sein heute. Gehe du allein durch das Dorf Johannis nach haus; ich will auf der Allee heimgehen; im Gastofe treffen wir uns wieder – Beim Himmel! hier ist alles so schön und so rot, als wenn die Eremitage ein Stück von der Sonne wäre. – bleibe freilich nicht lange!" – Aber ein scharfer Schmerz