ich kein Wort von deinem Scherze verstehe."
Leibgeber zog mit einem unruhigen Gesicht, auf dem eine ganze künftige Weltistorie war, und das die grösste Erwartung sowohl verriet als verursachte, ein Schreiben aus der tasche und gab es schweigend hin. Es war ein Bestallungschreiben vom Grafen von Vaduz, das Leibgebern zum Inspektor des Vaduzer Ober-Amts erhob. Er reichte ihm dann ein durchsichtiges Handbriefchen vom Grafen. Während es Firmian las, brachte er seinen Taschenkalender heraus und murmelte kalt vor sich: "Vom Quatember – (lauter) nicht wahr, am Quatember nach Pfingsten soll ich einziehen? – Das ist von heute, als am Stanislaustag -höre, ach Stanislaustag! – eins – zwei – drei – vier – vier fünftalbe Woche." –
Als ihm es Firmian freudig wieder zulangte: schob er es zurück und sagte: "Ich hab' es eher gelesen als du – steck es wieder ein. schreibe aber dem Grafen heute lieber als morgen!"
Aber darauf kniete Heinrich in einer feierlichen, leidenschaftlichen und humoristischen Begeisterung, die der Wein höher trieb und weiter gab, mitten auf einen langen schmalen gang, der zwischen den hohen Bäumen des dicksten Lustains ein unterirdischer schien, und dessen weite Perspektive sich in Osten mit der vertieften Kirchturm-Fahne wie mit einem Drehkreuz schloss; er kniete nieder gegen Westen und sah durch den langen grünen Hohlweg starr bloss nach der auf die Erde wie eine glänzende Sternschnuppe fallenden Abendsonne, deren breites Licht wie vergoldetes Frühling-Waldwasser oben den langen grünen gang vom Himmel hereinschoss – er sah starr in sie und fing geblendet und umleuchtet an: "Ist jetzt ein guter Geist um mich oder ein Genius von mir oder von diesem da – oder lebt deine Seele über deiner Asche noch, du alter, tief eingeschlossener, guter Vater – so komme näher, alter, dunkler Geist, und tue deinem närrischen Sohne, der noch im Körper-Flatterhemd herumhinkt, heute einen, den ersten und letzten, Gefallen, und zieh in Firmians Herz und halte darin, indem du es recht auf und nieder bewegst, diese Rede: 'Stirb, Firmian, für meinen Sohn, obwohl zum Schein und zum Spasse – lege deinen Namen ab und komm unter seinem, der ja sonst deiner war, nach Vaduz als Inspektor und gib dich für ihn aus. Mein armer Sohn will gern, wie das runde Joujou de Normandie, worauf er sitzt, das an Strahlenfäden um die Sonne fliegt, seines Orts auch noch ein wenig auf dem Joujou herumflattern. Vor euch andern Papageien hangt doch der Ring der Ewigkeit, und ihr springt darauf und könnt euch darin wiegen. Er aber sieht keinen Ring – lass dem armen Sittich die Freude, auf der KäfichtStange der Erde herumzuhüpfen, bis die Weife, wenn sie seinen Lebenfaden sechzigmal herumgewunden hat zu einem Gebinde, klingelt und schnappt und der Faden abgerissen wird und sein Spass aus ist.' – O guter Geist meines Vaters, hebe heute das Herz meines Freundes und lenke seine Zunge, damit sie nicht nein sagt, wenn ich ihn frage: willst du?" Er griff im Abend-Glanze blind nach Firmians Hand herum und sagte: "Wo ist deine Hand, Lieber? Und sage nicht nein." Aber Firmian kniete hingerissen – denn in der Begeisterung des langverhaltenen Ernstes erfasste Leibgeber das Herz unwiderstehlich – und ohne Sprache und voll Tränen wie ein Abendschatten kniete er vor das Herz seines Freundes hin und fiel an seine Brust und drückte sie eng und hart an sich und sagt' es ihm, aus Unvermögen, nur leise: "Ich will für dich ja auf tausend Arten sterben, wie du willst, nenn sie nur – aber nenn es recht, was du wünschest – ich schwöre dir alles im voraus zu, bei der Seele deines toten Vaters, ich gebe dir gern mein Leben – und mehr hab' ich ohnehin nicht." –
Heinrich sagte mit einer ungewöhnlich-gedämpften stimme: "Wir wollen nur erst hinauf unter den Lärm und unter die Baireuter – Ich muss heute eine Brustwassersucht haben; oder einen ganzen heissen Gesundbrunnen, und meine Weste ist die Fassung um den Brunnen – in einem solchen Dampfbad sollte ein Herz einen ordentlichen Schwimmgürtel oder Skaphander umhaben."
Oben unter den gedeckten Tischen, unter den Bäumen, neben den Kirmesgästen der Frühling-Kirchweihe, unter Frohen war der Sieg über die Rührung nicht so schwer. Heinrich rollete oben den langen Bauriss seiner Luftschlösser und die Baubegnadigungen seines babylonischen Turmes eilig auf. Er hatte dem Grafen von Vaduz, dessen Ohren und dessen Herz sich nach ihm auftaten und hungernd öffneten, sein heiliges Ehrenwort zurückgelassen, wiederzukommen als sein Inspektor. Aber seine Absicht war, sich durch seinen teuern Koadjutor und Substituten cum spe succedendi, Firmian, repräsentieren zu lassen, der in Laune und Körper eine solche Tautologie von ihm war, dass der Graf und der Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden beide vergeblich untersucht und gemessen hätten, um einen davon auszuklauben. 1200 Tlr. warf die Inspektion jährlich in schlechten Jahren Einkünfte ab, also geradesoviel, als Siebenkäsens ganze mit dem Prozesse plombierte Erbschaftmasse betrug: Siebenkäs sollte, wenn er seinen abgelegten Namen "Leibgeber" wieder ergriff, eben das gewinnen, was er verlor, da er ihn veräusserte. – "Denn ertragen", fuhr Heinrich fort, "verwinden, verbeissen kann ichs nun, seitdem ich deine teuflische Auswahl gesehen, auf keine erdenkliche Weise mehr, dass du im vermaledeiten abgegriffnen Kuhschnappel noch länger brach fortsässest