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, dass sie Blaisens Nichte gewesen, sondern in ihrem Schraplau115 in Gottesnamen verhungern.

Aber als ehrlicher Mann zu sprechen, ich habe nicht mehr als drei kaum der besten Briefe Rosas eine Minute in Händen gehabt, und eine Stunde in der tasche; aber sie waren in der Tat nicht schlecht, sondern viel moralischer als ihr Verfasser. –

Gerade als Leibgeber gesagt hatte, er wolle das Vor-Konsistorium bei Natalien machen und sie von Rosa noch vor der Trauung scheiden: kam sie mit einigen Freundinnen gefahren und stieg aus, aber ohne sie zu dem Sammelorte der Gesellschaft zu begleiten, und begab sich allein in einen einsamen Seitenlaubgang hinauf, in den sogenannten Tempel. Sie hatte in ihrer Hastigkeit ihren Freund Leibgeber nicht sitzen sehen den Pferdeställen gegenüber. Die Baireuter Gäste der Eremitage sitzen nämlich in einem kleinen, durch Schatten und Zugluft stets abgekühlten Wäldchen seit langen und markgräflichen zeiten bloss dem langgestreckten Wirtschaftgebäude gegenüber und dessen Stallungen, haben aber nahe die schönsten Aussichten hinter ihrem rücken, welche sie leicht gegen die kahle Futtermauer des Auges eintauschen, wenn sie aufstehen und über das Wäldchen auf beiden Seiten hinaus spazieren.

Leibgeber sagte zum Advokaten, er könne ihn sogleich zu ihr bringen, da sie, wie gewöhnlich, oben im Tempel sitzen werde, wo sie die Zauberaussichten über die Kunstwäldchen hinüber nach den Stadttürmen und Abendbergen unter der scheidenden Abendsonne geniesse. Er setzte hinzu, sie kümmere sich leiderdaher sie allein ins Häuschen hinaufgelaufenwenig um den schönsten spröden Anschein und ärgere dadurch ihre Engländerin stark, die, wie ihre Landsmänninnen, ungern allein gehe und ohne eine Versicherung-Anstalt oder Bibelgesellschaft von Weibern sich nicht einmal einem männlichen Kleiderschranke zu nahen getraue. Er hab' es von guter Hand, sagte er, dass eine Britin sich nie einen Mann in ihrem Kopf vorstelle, ohne ihn zugleich mit den nötigen Vorstellungen von Frauen zu umringen, die ihn zügeln und festalten, wenn er in ihren vier Gehirnkammern sich so frei benehmen will, als sei er da zu haus.

Beide fanden Natalie oben im offenen Tempelchen mit einigen Papieren in der Hand. "Hier bring' ich", sagte Leibgeber, "unsern Verfasser der Auswahl aus des Teufels Papierendie Sie ja gerade, wie ich sehe, lesenund stell' ihn hier vor." – Nach einem flüchtigen Erröten über ihre Verwechslung Firmians mit Leibgeber in Fantaisie sagte sie recht freundlich zu Siebenkäs: "Es fehlt nicht viel, Hr. Advokat, so verwechsle ich Sie wieder, und zwar geistlicherweise mit Ihrem Freunde; Ihre Satiren klingen oft ganz wie seine; nur die ernstaften Anhänge116, die ich eben lese und die mir recht gefallen, schien er mir nicht gemacht zu haben."

Ich habe jetzt nicht Zeit, Leibgebers eigenmächtige Mitteilung fremder Papiere an eine Freundin mit langen Druck-Seiten gegen Leser zu verteidigen, welche in dergleichen ausserordentliche Delikatesse begehren und beobachten; es sei genug, wenn ich sage, dass Leibgeber jedem, der ihn lieben wollte, zumutete, er müsste ihm auch seine andern Freunde mit lieben helfen, und dass Siebenkäs, ja sogar Natalie in seinem kühnen Mitteilen nichts fanden als ein freundschaftliches Rundschreiben und seine Voraussetzung dreiseitiger Wahlverwandtschaft.

Natalie sah beide, besonders Leibgeberndessen grossen Hund sie streicheltefreundlich-aufmerksam und vergleichend an, als ob sie Ungleichheiten suche; denn in der Tat stand Siebenkäs nicht ganz ähnlich genug vor ihr, der länger und schlanker und gesichtjünger erschien; was aber davon kam, dass Leibgeber, mit seiner etwas stärkeren Schulter und Brust, das seltsame ernstere Gesicht mehr vorbückte, wenn er sprach, gleichsam als rede er in die Erde hinein. Jung (sagt' er selber) habe er nie recht ausgesehen, sogar als Täuflingseine Taufzeugen seien die Zeugen –, und er werde sich auch schwerlich früher wieder verjüngen als im Spätalter bei dem zweiten Kindischwerden. Richtete sich aber Leibgeber auf und neigte sich Siebenkäs ein wenig: so sahen beide einander ähnlich genug; doch sind dies mehr Winke für ihre Passschreiber.

Man wünsche dem Kuhschnappler Advokaten Glück zu Sprechminuten mit einem weiblichen Wesen von stand und von so vielseitiger Ausbildung, sogar für Satiren; und er selber wünschte für sich nur, dass ein solcher Phönix, von welchem er nur einige Asche im Leben oder ein paar Phönixfedern in Büchern fliegen sehen, nicht sogleich davonflattern, sondern dass er ein recht langes Gespräch mit Leibgeber vernehmen und eigenhändig mit fortspinnen könnte: als ihre Baireuter Freundinnen gelaufen kamen und ankündigten, den Augenblick sprängen die wasser und sie hätten alle nichts zu versäumen. Sämtliche Gesellschaft machte sich auf den Weg zu den Wasserkünsten hinab, und Siebenkäs suchte nichts als der edelsten Zuschauerin so nahe als möglich zu bleiben.

Unten stellten sie sich auf den Steinrand des Wasserbeckens und sahen den schönen Wasserkünsten zu, welche längst vor dem Leser werden gesprungen haben an Ort und Stelle oder auf dem Papiere der verschiedenen Reisebeschreiber, welche darüber sich hinlänglich ausgedrückt und verwundert haben. Alles mytologische halbgöttliche Halbvieh spie, und aus der bevölkerten Wassergötterwelt wuchs eine kristallene Waldung empor, die mit ihren niedersteigenden Strahlen wieder wie Lianenzweige in die Tiefe einwurzelte. Man erfrischte sich lange an der geschwätzigen, durcheinander fliegenden Wasserwelt. Endlich liess das Umflattern und Wachsen nach, und die durchsichtigen Lilienstengel kürzten sich zusehends vor dem Blicke ab. "Woher kommt es aber?" sagte Natalie zu Siebenkäs, "– ein Wasserfall erhebt jedem das Herz, aber dieses sichtliche Einsinken des Steigens, dieses Sterben der Wasserstrahlen von oben herab beklemmt mich