wohl keiner mit solcher Mühe dazu gemacht als ich selber. Meine Mutter, aus Gascogne gebürtig, ging nämlich ohne meinen Vater, der in London blieb als Diözesan der deutschen Gemeinde in London, von da aus zu Schiff nach Holland. Inzwischen tobte und insurgierte das deutsche Meer nie so entsetzlich – solang es einen Reichshofrat gibt – als damals, wo es meine Mutter traf, darüber zu fahren. Schütten Sie die Hölle mit ihrem zischenden Schwefelpfuhl, geschmolzenen Kupfer und ihren plätschernden Teufeln in die kalte See und bemerken das Knastern das Brausen – das Aufschlagen der Höllenflammen und der Meeres-Wellen, bis eines von den zwei feindlichen Elementen das andere verschluckt oder niederschlägt: so haben Sie einen schwachen, aber doch unter dem Essen hinreichenden Begriff von dem verdammten Sturm, in dem ich auf die See und zur – Welt kam. Sie können sich vorstellen, wenn der Bauchgürtel – der Dempgürtel – der Nordgürtel des grossen Bramsegels (wiewohl es mit den Schoten des Schönfahrsegels noch schlechter stand) – wenn ferner die grosse Stengestag, der grosse Laufer, Takel und Mantel – gar nicht zu gedenken der Brassen der Bovenblindenree – wenn solche des Seewesens gewohnte Dinge, sag' ich, halb ums Leben kamen: so war es ein ordentliches Meer-Wunder, wenn ein so zartes Wesen, wie ich damals war, seines darin anzufangen vermochte. Ich hatte damals nicht so viel Fleisch auf dem leib als gegenwärtig Fett und mochte in allem vier Nürnberger Pfund mit Ausschlag wiegen, welches jetzt, wenn wir den besten anatomischen Teatern glauben dürfen, das Gewicht meines blossen Gehirns allein ist. Ich war noch dazu ein blutjunger Anfänger, der noch nichts von der Welt gesehen als diesen teuflischen Sturm – ein Mensch von wenig Jahren nicht sowohl als von gar keinen, wiewohl alle Leute ihr Leben um neun Monate höher bringen, als das Kirchenbuch besagt – weichlich und gegen alle medizinische Regeln gerade in den ersten neun Monaten meines Lebens zu warm und eingewindelt gehalten, anstatt dass man mich auf die kalte Luft in der Welt hätte vorbereiten sollen – so viertelwüchsig, als ein solcher zarter Blütenknopf, und weichflüssig wie die erste Liebe, erregte ich in einem solchen Wetter keine grösseren Erwartungen (ich quäkte mit Mühe ein- oder zweimal in den Sturm), als dass ich auslöschen und ausleben würde, noch eh' es sich aushellete. Man wollte mich nicht gern ohne ehrlichen Namen und ohne alles Christentum aus der Welt lassen, aus der man ohnehin noch weniger mitnimmt, als man mitbringt. Nun war nichts schwerer, als zu Gevatter zu – stehen auf einem schwankenden Schiff, das alles umwarf, was nicht angebunden war. Der Schiffprediger lag zum Glück in einer Hangematte und taufte herab. Mein Dot oder Taufpate war der Hochbootsmann, der mich fünf Minuten lang hielt – ihn hielt, weil er nicht allein so fest stehen konnte, dass der Täufer den Kopf des Täuflings mit dem wasser treffen konnte, wieder der Unterbarbier – der war an einen Büchsenschisser befestigt – dieser an den Schiemann – der an den Profos – und dieser sass auf einem alten Matrosen, der ihn grimmig umschlang.
Inzwischen ging, wie ich nachher vernahm, weder das Schiff noch das Kind unter. Sie sehen aber sämtlich, dass, so sauer es auch irgendeinem Menschen in den Stürmen des Lebens werden mag, ein Christ zu werden und zu bleiben oder sich einen Namen zu erwerben, es sei nun in einem Adresskalender oder in einer Literaturzeitung oder in einer Heroldkanzlei oder auf einer Schaumünze – es doch keinem (als eben mir) so hart ging, bis er nur die Anfanggründe eines Namens, die Grundierung und binomische Wurzel eines Taufnamens, worauf nachher der andere grosse Name aufgetragen wurde, und einiges Christentum überkam, soviel ein Konfirmand und Katechumen, der noch saugt und dumm ist, fassen kann. – Es gibt nur eine Sache, die noch schwerer zu machen ist, die der grösste Held und Fürst nur einmal in seinem Leben, die aber alle Genies – und selber die drei geistlichen Kurfürsten, der deutsche Kaiser – mit vereinigten Kräften nicht zuwege bringen, und wenn sie jahrelang in der Münzstätte sässen und prägten mit den neuesten Rändel- oder Kräuselwerken."
Die Wirts-Tafel drang in ihn, das zu nennen, was so schwer zu modellieren wäre. "Ein Kronprinz ist es", versetzte er kalt, "schon apanagierte Prinzen werden einem Regenten nicht leicht zu geben – von einem Kronprinzen aber kann er (er mag es anstellen, wie er will) in seinen besten Jahren nicht mehr liefern (weil ein solcher Seminarist kein Spielwerk, sondern vielmehr das Hauptwerk, die Mühl-, Sprach- und Spielwalze eines ganzen Volkes ist), nicht mehr, sag' ich, als ein einziges Exemplar. Grafen hingegen, meine Herren, Barone, Kammerherren, Regimentstäbe und besonders ganz gemeine Leute und Untertanen, kurz Schorfmoose dieser Art werden von einem Fürsten als eine generatio aequivoca so ausserordentlich leicht gezeugt, dass er dergleichen lusus naturae und VorSchwärme oder Protoplasmata spielend zu beträchtlichen Quantitäten schon in seiner frühesten Jugend von dem Poussierstuhle springen lässt, indes er es doch in reifern Jahren nicht so weit bringt, dass er einen Tronfolger erbauet. Man hätte nach so vielen Probeschüssen und Waffenübungen aufs Gegenteil geschworen."
Ende der Tischrede Leibgebers Nachmittags bezogen beide das grünende Lustlager der Eremitage; und die Allee dahin schien ihren frohen Herzen ein durch einen Lustwald gehauener gang zu sein; auf die Ebene um sie hatte sich der junge Zugvogel,