1796_Jean_Paul_051_13.txt

warener stellte seinen linken Arm als Stäuber unter den rechten und erhielt diesen und die Fracht des plüschnen Ärmels waagrecht und schneuzte damit öffentlich das Licht, jedoch nicht ungelenk, sondern einem Gärtner ähnlich, der an einer Stange die Baumschere hinaufhält und unten durch leichtes Zuziehen oben alles beschneideter hielt geradezu bei Leibgebern um den Schattenschnitt Lenettens anund nachher beim Abschied versuchte er sogar (das war das einzige Unternehmen über seine Kräfte) ihre Hand zu fangen und solche zu küssen. – –

Endlich waren alle Freudenfeuer des kleinen frohen Bundes niedergebrannt wie die Lichter, und die Nacht grub einen Edenfluss um den andern ab. Der Gäste und Lichter wurden weniger; jetzt war nur noch ein Gast da, der Rat Stiefel (denn Leibgeber ist keiner), und ein langes Licht. Es ist eine schöne erweichende Minute, nach dem Aussummen eines brausenden Gastmahl-Geläutes noch mit einigen da zu sitzen und stiller, oft trüber, sich in den Nachklang der Freude zu verlieren. Endlich brach der Rat das vorletzte Zelt dieses Lustlagers ab und wich; aber er litt es nicht, dass Finger, an welche seine Lippen mit allem Schnappen nicht kommen konnten, sich um einen kalten Messingleuchter legen sollten, um ihn hinunterzuleuchten. Leibgeber musste zum Leuchter dienen. jetzt sass, Hand in Hand, das Brautpaar zum erstenmal allein im Finstern nebeneinander....

Schöne Stunde, worin in jeder Wolke ein lächelnder Engel stand und aus jeder statt der Regentropfen Blumen niederwarf, möge dein Widerschein bis auf mein Papier langen und da noch sichtbar sein!

Der Neuvermählte hatte noch nie seine Braut geküsst. Er wusste oder glaubte, sein Gesicht sei mehr geistreich, angespannt, eckig und scharf als glattschön; und da er noch dazu seine Gestalt immer selber lächerlich machte: so meinte er, sie komme auch andern so vor. Daher bracht' er, der sich sonst über die Augen und Zungen einer ganzen Gasse wegsetzte, doch nicht so viel Mut zusammen, um, ausser den zeiten der freundschaftlichen Dityramben, nur seinenLeibgeber zu küssen, geschweige seine Lenette. Er drückte ihre Hand jetzt heftiger und wandte kühn sein Gesicht gegen ihres, zumal da er nichts sehen konnte, und wünschte, die Treppe habe so viel Staffeln wie der Münsterturm, damit Leibgeber später mit dem Lichte erschiene. Auf einmal hüpfte ein gleitender bebender Kuss über seinen Mund undnun schlugen alle Flammen seiner Liebe aus der weggewehten Asche auf. Denn Lenette, so unschuldig wie ein Kind, glaubte, es sei die Pflicht der Braut, diesen Kuss zu geben. Er umfasste die zagende Geberin mit aufmerksamer schüchterner Kühnheit und glühte mit allem Feuer, das ihm Liebe, Wein und Freude gaben, auf ihren Lippen mit seinen; aber sie wandteso sonderbar ist dieses Geschlechtden gefesselten Mund von dem brennenden ab und kehrte den beglückten Lippen wieder die Wangen zu. – – Und hier blieb der bescheidene Gatte mit einem langen Kusse ruhen und drückte seine Wonne bloss durch unaussprechlichsüsse Tränen aus, die wie glimmende Naphtatropfen auf Lenettens Wangen fielen und darauf in ihr zitterndes Herz. Sie lehnte das Angesicht immer weiter zurück; aber im schönen Staunen über seine Liebe zog sie ihn doch enger an sich. – –

Er liess sie, eh' sein Liebling kam. Der auf den Bräutigam gefallene verräterische Puderschneedieser Schmetterlingstaub, der vom kleinsten Anfassen dieser weissen Schmetterlinge an den Fingern bleibt, daher Pitt mit Bedacht 1795, eine Taxe auf den Puder legteentdeckte ihm wenig; aber alles erzählten ihm die nassschimmernden Augen seines Freundes und der Braut. Beide Freunde sahen sich lange verlegen-lächelnd an, und Lenette blickte nieder. – Leibgeber sagte zweimal hm! hm! und bemerkte endlich aus Angst: "Unser Abend war ganz schön" – und stellte sich, um nicht angeschauet zu werden, hinter den Stuhl des Bräutigams und legte seine Hand auf dessen Achsel und drückte diese recht herzlich; aber jetzt konnte der glückliche sich nicht mehr bezwingen, er stand auf, entbehrte die Hand der Braut freiwillig, und nun ruhten zwei Freunde, von Engeln verknüpft, von Himmeln umgehen, nach der langen sehnsucht des ganzen Tages gleichsam den Augenblick des heutigen Wiedersehens nachfeiernd, in männlich-stiller Umarmung aneinander. Im steigenden Taumel wollte der Gatte, um das hohe Bündnis zu erweitern, seine Geliebte in das Umfassen seines Geliebten ziehen; aber Braut und Freund blieben geschieden auseinander und umfassten nur ihn allein. Und drei reine Himmel waren in drei reinen Herzen glänzend aufgetanund nichts war darin als Gott, Liebe und Freude und die kleine Erden-Träne, die an allen unsern Freudenblumen hängt. –

Die Seligen, von ungewohnten Rührungen überwunden und sich fast befremdet, hatten nicht den Mut, sich in die weinenden Augen zu sehen; und der Freund des Brautpaars verliess still das Zimmer und sagte weder Wunsch noch gute Nacht.

Zweites Kapitel

HausscherzeBesuchfahrender Zeitungartikel

verliebte Zänkerei samt einigen Injurien

antipatetische Dinte an der WandFreundschaft der SatirikerRegierung der Reichsstadt Kuhschnappel Manches Leben ist eben so angenehm zu schreiben als zu führen; besonders verbreitet der Stoff des gegenwärtigen, gleich dem gedrechselten Rosenholz, den anmutigsten Geruch noch auf meiner Drechselbank. Siebenkäs stand zwar am Mittwoch auf, aber erst am Sonntag wollt' er seiner emsigen Huldin, die heute ihren Haubenstock noch früher als sich unter die Haube brachte, die Silberstangen der Vormundschaftkassa, in Löschpapier eingerollt, als Sturmpfähle des Lebens in die hände