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wie schimmernde, aus dem Äter gesunkne, festere Luft- und Zauberschlösser vor. Es war sonderbar; aber er konnte sich nicht entalten, von einigen heraushängenden Fenstervorhängen, mit denen die Strassen-Zugluft tändelte, sich einzubilden, als man sie hineinzog, die Unbekannte tu' es, da doch um diese Zeit weils erst 8 Uhr wareine Baireuterin so wenig ihren Blumenschlaf beschlossen haben konnte als der rote Hühnerdarm oder der Alpen-Pippau113.

Jede neue Strasse erhitzte sein klopfendes Herz; ein kleiner Irrweg gefiel ihm als Aufschub oder Zuwachs seiner Wonne. Endlich kam er vor den Gastof zur Sonne, in seine Sonnennähe, an die metallene Sonne, die diesen Irrstern, wie die astronomische, in sich riss. Er fragte unten nach der Zimmer-Nummer des Herrn Leibgebers. "Er logierte hinten hinaus Nr. 8", sagte man, "aber er ist heute ins Schwäbische verreiset, er müsste denn noch droben sein." Glücklicherweise kehrte jemand von der Gasse in den Gastof zurück, der die Sache bejahte und vor dem Advokaten wedelte; Leibgebers Saufinder tats.

Ein Treppensturmlaufenein Einbrechen der Jubelpforte ein Fall ans geliebte Herz... alles war eins. – Und nun zogen die öden Minuten des Lebens ungehört und ungesehen vor dem stummen, engen Bunde der zwei Sterblichen vorbeisie lagen ineinander geklammert auf den Fluten des Lebens, wie zwei gescheiterte Brüder, die in den kalten Wellen umschlingend und umschlungen schwimmen, und die nun nichts mehr halten als das Herz, an dem sie sterben...

Sie hatten sich noch kein Wort gesagtFirmian, den eine lange trübere Zeit weicher gemacht, weinte unverhohlen auf das wiedergefundne AngesichtHeinrich verzog seines, wie ein Schmerzbeide hatten reisefertig noch Hüte aufLeibgeber wusste sich verlegen an nichts zu halten als an die Klingelschnur. Der Kellner lief herzu. "Es ist nichts", sagt' er, "als dass ich nicht fortgehe." – "Gott gebe (setzt' er nachher hinzu), Siebenkäs, dass wir uns in ein Gespräch verwickeln! zieh mich in eines, Bruder!"

Er konnte' es recht schicklich bei der pragmatischen geschichte, Nouvelle du jourbesser de la nuitkurz bei der Stadt- oder vielmehr Land-Neuigkeit anfangen, die er gestern neben dem Flore der schönen Je ne sais quoi erlebet hatte.

"Ich kenne sie", versetzte Leibgeber, "wie meinen Puls; erzähl aber lieber jetzt nichtsich muss sonst so lange stille sitzen und aufpassen. Heb alles auf, bis wir im warmen Schoss Abrahams sitzen, in der Eremitage"; welches nach Fantaisie der zweite Himmel um Baireut ist, denn Fantaisie ist der erste, und die ganze Gegend der dritte. – Sie hielten nun eine Himmelfahrt durch alle Materien und Gassen, worein sie kamen. "Du sollst mir – (sagte Leibgeber, da Siebenkäs leider eine ebenso unregelmässige Lüsternheit nach dessen Geheimnis verriet, als ich am Leser bemerken muss) – eher den Kopf wegschlagen, wie von einem Mohnstengel, als dass ich dir schon heute oder morgen oder übermorgen meine Mysterien aus meinem in deinen setzte; nur so viel darf ich dir entdekken, dass deine Auswahl aus des Teufels Papieren (dein Abendblatt entält schon mehr von Krankheitmaterie) ganz göttlich ist und sehr himmlisch und recht gut und nicht ohne Schönheiten, sondern vielleicht passabel." Leibgeber deckte ihm nun seine ganze freudige Überraschung auf, dass er, der Advokat, in einem Kleinstädtchen, das nur Krämer- und Juristenseelen samt einiger darangehängter hoher Obrigkeit beleben, sich in seiner Satire zu solcher Kunstfreiheit und Reinheit habe erhöhen können; und in der Tat hab' ich wohl selber, wenn ich die Auswahl aus des Teufels Papieren las, zuweilen gesagt: ich hätte nicht einmal in Hof im Voigtland, wo ich sonst manches scherzend geschrieben, dergleichen machen können.

Leibgeber setzte dem Lorbeerkranze die Krone auf durch die Versicherung, er könne leichter laut und mit beiden Lippen lachen über sämtliche Welt als leise und mit der Feder und nach erprobten Kunstregeln. – Siebenkäs war über das Lob ausser sich vor Lust; aber es verdenke die Freude doch niemand dem Advokaten oder irgendeinem andern Schreiberwelcher einsam ohne Lobredner die redlich gewählte Kunstbahn ohne die Stütze der kleinsten Aufmunterung standhaft durchgeschritten –, wenn ihn nun am Ende des Ziels der Geruch einiger Lorbeerblätter aus Freundes Hand gewürzhaft durchdringt und kräftigt und lohnt. Bedarf ja der Berühmte, sogar der Anmassende der Nachwärmung durch fremde Meinung, wieviel mehr der Bescheidne und der Ungekannte! – Aber glücklicher Firmian! In welcher Ferne, tief in Süd-Süd-West, zogen jetzt die Strichgewitter deiner Tage! Und man konnte, da die Sonne darauf fiel, nichts als einen sanft niedersteigenden Regen daran sehen. –

Er nahm über der Wirtstafel an seinem Leibgeber mit Vergnügen wahr, wie sehr der ewige Tausch mit Menschen und Städten die Zunge löse und den Kopf öffnewiewohl dann oft statt der Mundsperre die Herzsperre eintritt –: Leibgeber machte sich nichts daraus (welches der eingesperrte Armenadvokat kaum nach einer grossen Flasche hätte wagen wollen), vor den grössten Regierräten und Kanzleiverwandten, die in der Sonne mit assen, von seinem Ich zu reden, und zwar ganz spasshaft. Ich will die Rede, weil sie dem Armenadvokaten auffiel, hereinmauern und auf sie die Überschrift setzen: Tischrede Leibgebers.

Tischrede Leibgebers

"Unter allen Herren Christen und Namen, die hier sitzen und anspiessen, wurde