1796_Jean_Paul_051_126.txt

voll Schatten und Tropfen herausstieg, einige Stufen unter dem Himmeltore des Frühlings. – Wie aus dem Meere, und noch nass, hatte ein allmächtiges Erdbeben eine unübersehliche, neugeschaffne, in Blüte stehende Ebene mit jungen Trieben und Kräften heraufgedrängtdas Feuer der Erde loderte unter den Wurzeln des weiten hangenden Gartens, und das Feuer des himmels flammte herab und brannte den Gipfeln und Blumen die Farben einzwischen den Porzellantürmen weisser Berge standen die gefärbten blühenden Höhen als Trongerüste der Fruchtgöttinnenüber das weite Lustlager zogen sich Blütenkelche und schwüle Tropfen als bevölkerte Zelte hinauf und hinab, der Boden war mit wimmelnden Bruttafeln von Gräsern und kleinen Herzen belegt, und ein Herz ums andere riss sich geflügelt oder mit Flossfedern oder mit Fühlfäden aus den heissen Brutzellen der natur empor und sumste und sog und schnalzte und sang, und für jeden Honigrüssel war schon lange der Freudenkelch aufgetan. – Nur das Schosskind der unendlichen Mutter, der Mensch, stand allein mit hellen frohen Augen auf dem Marktplatz der lebendigen Sonnenstadt voll Glanz und Lärm und schaute trunken rund herum in alle unzählige Gassen. – Aber seine ewige Mutter ruhte verhüllt in der Unermesslichkeit, und nur an der Wärme, die an sein Herz ging, fühlte er, dass er an ihrem liege....

Firmian ruhte in einer Bauerhütte von diesem zweistündigen Rausch des Herzens aus. Der brausende Geist dieses Freudenkelchs stieg einem Kranken wie ihm leichter in das Herz, wie andern Kranken in den Kopf.

Als er wieder ins Freie trat, lösete sich der Glanz in Helle auf, die Begeisterung in Heiterkeit. Jeder rote hängende Maikäfer und jedes rote Kirchendach und jeder schillernde Strom, der Funken und Sterne sprühte, warf fröhliche Lichter und hohe Farben in seine Seele. Wenn er in den laut atmenden und schnaubenden Waldungen das Schreien der Köhler und das Widerhallen der Peitschen und das Krachen fallender Bäume vernahmwenn er dann hinaustrat und die weissen Schlösser anschauete und die weissen Strassen, die wie Sternbilder und Milchstrassen den tiefen Grund aus Grün durchschnitten, und die glänzenden Wolkenflocken im tiefen Blauund wenn die Funkenblitze bald von Bäumen tropften, bald aus Bächen stäubten, bald über ferne Sägen glitten; – so konnte ja wohl kein dunstiger Winkel seiner Seele, keine umstellte Ecke mehr ohne Sonnenschein und Frühling bleiben, das nur im feuchten Schatten wachsende Moos der nagenden zehrenden sorge fiel im Freien von seinen Brot- und Freiheitbäumen ab, und seine Seele musste ja in die tausend um ihn fliegenden und sumsenden Singstimmen einfallen und mitsingen: das Leben ist schön, und die Jugend ist noch schöner, und der Frühling ist am allerschönsten.

Der vorige Winter lag hinter ihm wie der düstere zugefrorne Südpol, und der Reichsmarktflecken lag unter ihm wie ein dumpfiges tiefes Schulkarzer mit triefendem Gemäuer. Bloss über seine stube kreuzten heitere breite Sonnenstreife; und noch dazu dachte er sich seine Lenette darin als Alleinherrscherin, die heute kochen, waschen und reden durfte, was sie wollte, und die überdies den ganzen Tag den Kopf (und die hände) davon voll hatte, was abends liebes komme. Er gönnt' ihr heute in ihrer engen Eierschale, Schwefelhütte und Kartause recht von Herzen den herumfliessenden Glanz, den in ihr Petrus-Gefängnis der eintretende Engel mitbrachte, der Pelzstiefel. "Ach, in Gottes Namen", dachte' er, "soll sie so freudig sein wie ich, und noch mehr, wenn es möglich ist."

Je mehre Dörfer vor ihm mit ihren wandernden Teatertruppen vorüberliefen: desto teatralischer kam ihm das Leben vor112seine Bürden wurden Gastrollen und aristotelische Knotenseine Kleider Opernkleiderseine neuen Stiefeln Koturnesein Geldbeutel eine Teaterkasseund eine der schönsten Erkennungen auf dem Teater bereitete sich ihm an dem Busen seines Lieblinges zu...

Nachmittags um 3 1/2 Uhr wurde auf einmal in einem noch schwäbischen dorf, nach dessen Namen er nicht gefragt, in seiner Seele alles zu wasser, zu Tränen, so dass er sich selber über die Erweichung verwunderte. Die Nachbarschaft um ihn liess eher das Widerspiel vermuten: er stand an einem alten, ein wenig gesenkten Maienbaum mit dürrem Gipfeldie Bauerweiber begossen die im Sonnenlicht glänzende Leinwand auf dem Gemeindeangerund warfen den gelbwollichten Gänsen die zerhackten Eier und Nesseln als Futter vorHecken wurden von einem adeligen Gärtner beschoren, und die Schafe, die es schon waren, wurden vom Schweizerhorn des Hirten um den Maienbaum versammelt. – Alles war so jugendlich, so hold, so italienischder schöne Mai hatte alles halb oder ganz entkleidet, die Schafe, die Gänse, die Weiber, den Hornisten, den Heckenscherer und seine Hecken...

Warum wurde' er in einer so lachenden Umgebung zu weich? Im grund weniger darum, weil er heute den ganzen Tag zu froh gewesen war, als hauptsächlich, weil der Schaf-Fagottist durch seine Komödienpfeife seine truppe unter den Maienbaum rief. Firmian hatte in seiner Kindheit hundertmal den Schafstall seines Vaters dem blasenden Prager und Schäfer unter den Hirtenstab getriebenund dieser AlpenKuhreigen weckte auf einmal seine rosenrote Kindheit, und sie richtete sich aus ihrem Morgentau und aus ihrer Laube von Blütenknospen und eingeschlafnen Blumen auf und trat himmlisch vor ihn und lächelte ihn unschuldig und mit ihren tausend Hoffnungen an und sagte: "Schau mich an, wie schön ich binwir haben zusammen gespieltich habe dir sonst viel geschenkt, grosse Reiche und Wiesen und Gold und ein schönes, langes Paradies hinter dem Bergaber du hast ja gar nichts mehr