so an: "Mein Siebenkäs! Deine Abendblätter und TeufelsPapiere habe richtig erhalten. Das übrige mündlich!
Nachschrift:
Höre indes! Wenn Du Dir aus dem Walzer meines Lebens und aus meiner Lust und aus meinen Sorgen und Absichten nur das geringste machst – wenn es Dir nicht im höchsten Grade gleichgültig ist, dass ich Dich mit Stations- und Diätengeldern bis nach Baireut frankiere, eines Planes wegen, dessen Spinnrokken die Spinnmaschinen der Zukunft entweder zu Fall– und Galgenstricken meines Lebens oder zu Treppenstricken und Ankerseilen desselben verspinnen müssen – wenn für Dich solche und noch wichtigere Dinge noch einen Reiz besitzen, Firmian: so zieh um des himmels willen Stiefel an und komm!" –
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"Bei deiner hl. Freundschaft!" sagte Siebenkäs, "ich ziehe ein Paar an, und sollte schon in Schwaben der Blitz des Schlagflusses aus dem blauen Himmel herabschlagen und mich unter einem Amarellenbaum voll Blüten treffen. Mich hält nichts mehr." –
Er hielt Wort: denn in sechs Tagen darauf sehen wir ihn nachts um 11 Uhr reisefertig – mit frischer Wäsche am leib und in den Taschen – mit einem Hutüberzug auf dem kopf, der sich heimlich wieder mit einem alten feinen hut geladen und gesättigt in neuesten Stiefeln (das vorsündflutige Paar lag, von seinem Posten unterdessen abgelöset, in Garnison) – mit einer vom Pelzstiefel entlehnten Turmuhr in der tasche – frischgewaschen, rasiert und aufgekämmt – neben seiner Frau und seinem Freunde stehen, die beide heute mit froher, höflicher Aufmerksamkeit niemand anschauen als den Reisefertigen; aber sich nicht. Er nimmt noch in der Nacht von beiden Wachenden Abschied, weil er nur im grossen Sorgenstuhl übernachten und, wenn Lenette schnarcht, um 3 Uhr sich hinausmachen will. Dem Schulrat übertrug er das Witwenkassenamt bei der hinterlassenen Strohwitwe und das Teaterdirektorat oder doch die Gastrollen in seinem kleinen Coventgarden voll Gays Bettleropern, wovon ich das Teaterjournal hier für die halbe Erde schreibe. "Lenette", sagt' er, "wenn du einen Rat brauchst, so wende dich an den Hrn. Rat; er tut mir die gefälligkeit und kommt öfters." Der Pelzstiefel gab die heiligsten Versicherungen, er komme täglich. Lenette half nicht, wie sonst, den Pelzstiefel die Treppe hinab begleiten: sondern blieb oben; zog die Hand aus der genährten Geldtasche, deren ausgehungerte Magenwände sich bisher gerieben hatten, und schnappte sie ab. Es ist nicht wichtig genug, wenn ichs anführe, dass Siebenkäs sie bat, das Licht ihn ausschneuzen zu lassen und sich nur niederzulegen, und dass er der reizenden Gestalt mit jener verdoppelten Liebe, womit die Menschen verreisen und ankommen, den langen Abschiedkuss und das gerührte Lebewohl und die gute Nacht beinahe unter der Edentüre der Träume gab.
Die Abdankung des Nachtwächters trieb ihn endlich aus dem Schlafsessel in den gestirnten, wehenden Morgen hinaus. Er schlich aber vorher noch einmal in die kammer an das heissträumende Rosenmädchen, drückte ein Fenster zu, dessen kalte Zugluft heimlich ihr wehrloses Herz anfiel, und hielt seine nahen Lippen vom weckenden Kusse ab und sah sie bloss so gut an, als es das Sternenlicht und das blasse Morgenrot erlaubten, bis er das zu dunkel werdende Auge beim Gedanken wegwandte: ich sehe sie vielleicht zum letztenmal.
Bei dem Durchgange durch die stube sah ihn ordentlich ihr Flachsrocken mit seinen breiten farbigen Papierbändern, womit sie ihn aus Mangel an Seidenband zierlich umwickelt hatte, und ihr stilles Spinnrad an, das sie gewöhnlich in dunkler Morgen- und Abendzeit, wo nicht gut zu nähen war, zu treten gepflegt und als er sich vorstellte, wie sie während seiner Abwesenheit ganz einsam das Rädchen und die Flöckchen so eifrig handhaben werde: so riefen alle Wünsche in ihm: es gehe der Armen doch gut, und immer, wenn ich sie auch wieder sehe.
Dieser Gedanke des letzten Mals wurde draussen noch lebhafter durch den kleinen Schwindel, den die Wallungen und der Abbruch des Schlummers ihm in den physischen Kopf setzten; und durch das wehmütige Zurückblicken auf sein weichendes Haus, auf die verdunkelte Stadt und auf die Verwandlung des Vorgrunds in einen Hintergrund und auf das Entfliehen der Spaziergänge und aller Höhen, auf denen er oft sein erstarrtes, in den vorigen Winter eingefrornes Herz warm getragen hatte. Hinter ihm fiel das Blatt, worauf er sich als Blattwickler und Minierraupe herumgekäuet hatte, als Blätterskelett herab.
Aber die erste fremde Erde, die er noch mit keinen Stationen seines Leidens bezeichnet hatte, sog schon, wie Schlangenstein, aus seinem Herzen einige scharfe Gifttropfen des Grams.
Nun schoss die Sonnenflamme immer näher herauf an die entzündeten Morgenwolken – endlich gingen am Himmel und in den Bächen und in den Teichen und in den blühenden Taukelchen hundert Sonnen miteinander auf, und über die Erde schwammen tausend Farben, und aus dem Himmel brach ein einziges lichtes Weiss.
Das Schicksal pflückte aus Firmians Seele, wie Gärtner im Frühling aus Blumen, die meisten alten, gelben, welken Blättchen aus. – Durch das Gehen nahm das Schwindeln mehr ab als zu. In der Seele stieg eine überirdische Sonne mit der zweiten am Himmel. In jedem Tal, in jedem Wäldchen, auf jeder Höhe warf er einige pressende Ringe von der engen Puppe des winterlichen Lebens und Kummers ab und faltete die nassen Ober- und Unterflügel auf und liess sich von den Mailüften mit vier ausgedehnten Schwingen in den Himmel unter tiefere Tagschmetterlinge und über höhere Blumen wehen.
Aber wie kräftig fing das bewegte Leben an, in ihm zu gären und zu brausen, da er aus der Diamantgrube eines Tales