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sucht, als ich weiss, und mehr, als ich sage. Denn der Mensch und der Meerrettig sind zerrieben am beissendsten, und der Satiriker ist aus demselben grund trauriger als der Spassmacher, weswegen der Urang-Utang schwermütiger ist als der Affe, weil er nämlich edler ist. – Gelangt freilich dieses Blatt in deine Hand, mein Heinrich, mein Geliebter, und du willst vom Hagel, der immer höher und grösser auf meine Aussaat fiel, etwas hören: so zähle nicht die zerflossenen Hagelkörner, sondern die zerschlagnen Halmen. Ich habe nichts mehr, was mich freuetals deine Liebe, – und nichts mehr, was aufrecht steht, als eben diese. Da ich dich aus mehr als einer Ursache108 schwerlich in Baireut besuchen werde: so wollen wir auf diesem Blatte scheiden wie Geister und uns die hände aus Luft geben. Ich hasse die Empfindelei, aber das Schicksal hat sie mir fast endlich eingepfropft, und das satirische Glaubersalz, das man sonst mit Nutzen dagegen nimmtwie Schafe, die von nassen Wiesen Lungenfäule haben, durch Salzlecken aufleben –, nehm' ich aus Vorleglöffeln, so gross wie meiner aus dem Vogelschiessen, aber ohne merklichen Vorteil ein. Im ganzen tuts auch wenig; das Schicksal wartet nicht, wie die peinlichen Schöppenstühle, mit der Hinrichtung von uns Inkulpaten auf unsere Genesung. Mein Schwindel und andere Schlagfluss-Vorboten sagen mir zu, dass man mir gegen das Nasenbluten dieses Lebens bald die gute galenische Aderlass109 verordnen werde. Ich will es deswegen nicht gerade haben; mich kann im Gegenteil einer ärgern, der verlangt, das Schicksal soll ihn, wie eine Mutter das Kind da wir in Leiber eingewindelt und die Nerven und Adern die Wickelbänder sindsofort aufbinden, weil es schreiet und einiges Leibreissen hat. Ich würde noch gern einige Zeit ein Wickelkind unter Strickkindern110 bleiben, zumal da ich besorgen muss, dass ich in der zweiten Welt von meinem satirischen Humor geringen oder keinen Gebrauch werde machen können; aber ich werde fort müssen. Wenn aber dies geschehen ist: so möchte' ich dich wohl bitten, Heinrich, dass du einmal hieher in den Reichsflecken reisetest und dir das stille Gesicht deines Freundes, der kaum das hippokratische111 mehr wird machen können, aufdecken liessest. Dann, mein Heinrich, wenn du das fleckige graue Neumondgesicht lange ansiehst und dabei erwägst, dass nicht viel Sonnenschein darauf fiel, nicht der Sonnenschein der Liebe, nicht des Glücks, nicht des Ruhms: so wirst du nicht gegen Himmel blicken und zu Gott sagen können: 'und ganz zuletzt, nach allen seinen Bekümmernissen hast du ihn, lieber Gott, gar vernichtetund hast ihn, als er im tod die arme nach dir und deiner Welt ausstreckte, so breit entzwei gedrückt, als er noch hier liegt; der arme.' Nein, Heinrich, wenn ich sterbe, so musst du eine Unsterblichkeit glauben.

Ich will jetzt, wenn ich dieses Abendblatt ausgeschrieben, das Licht auslöschen, weil der Vollmond breite, weisse Imperialbogen voll Licht in der stube aufbreitet. Ich will alsdannweil kein Mensch mehr im haus auf istmich in der dämmernden Stille hersetzen, und indes ich die weisse Magie des Mondes in der schwarzen der Nacht anschaue, und während ich draussen ganze Flüge von Zugvögeln in der hellen blauen Mondnacht aus wärmern Ländern kommen höre, in deren verwandtes Land ich abreise, da will ich ungestört gleichsam meine Fühlhörner aus dem Schneckengehäuse, eh' es der letzte Frost zuspündet, noch einmal hervorstreckenHeinrich, ich will mir heute alles deutlich malen, was vergangen istden Mai unserer Freundschaftjeden Abend, wo wir zu sehr gerührt wurden und uns umarmen musstenmeine grauen alten Hoffnungen, die ich kaum mehr weiss fünf alte, aber helle, warme Frühlinge, die mir noch im kopf sindmeine verstorbene Mutter, die mir eine Zitrone, von der sie im Sterben dachte, sie werde sie in den Sarg bekommen, in die hände legte und sagte: ich sollte die Zitrone lieber in meinen Blumenstrauss steckenund jene künftige Minute meines Sterbens will ich mir denken, in welcher mir dein Bild zum letztenmal auf der Erde vor die gebrochnen Seelen-Augen tritt, und worin ich von dir scheide und mit einem dunkeln inneren Schmerz, der keine Tränen mehr in die erkalteten, zerstörten Augen treiben kann, vor deiner beschatteten Gestalt schwindend und verfinstert niederfalle und aus dem dicken Nebel des Todes nur noch dumpf zu dir aufrufe: 'Heinrich, gute Nacht! gute Nacht.' –

Ach, lebe wohl. Ich kann nichts mehr sagen."

Ende des Abendblattes

Zwölftes Kapitel

Auszug aus Ägyptender Glanz des Reisensdie

UnbekannteBaireutTaufhandlung im Sturm

Natalie und Eremitagedas wichtigste Gespräch in

diesem Werkder Abend der Freundschaft

Als Firmian in der Osterwoche einmal von einer halbstündigen Lustreise voll Gewaltmärsche heimkam, fragte Lenette: warum er nicht eher gekommender Briefträger wäre mit einem breiten buch dagewesen; aber er hätte gesagt, der Mann müsse selber den Empfang des Päckels einschreiben. – In einem kleinen Haushalten gehöret so etwas unter die grossen Weltbegebenheiten und Hauptrevolutionen in der geschichte. Die Minuten des Wartens lagen nun als Ziehgläser und Zugpflaster auf der Seele. Endlich machte der gelbe Postbote dem bittersüssen Hanfklopfen aller Schlagadern ein Ende. Firmian bescheinigte den Empfang von 50 Tlr., während Lenette die Frage an den Boten tat: wer es schicke, und aus welcher Stadt. Der Brief fing