dass du an meinen schlechten Geburttag denken würdest." – Seine männlich-schöne Seele, die nicht, wie eine weibliche, ihren Entusiasmus bewacht, sagt' ihr alles heraus und seinen Eintritt in die Leichenlotterie, den er gestern getan, damit sie ihn wohlfeiler unter die Erde brächte. Ihre Rührung wurde so gross und sichtbar wie seine. "Nein, nein", sagte sie endlich, "Gott wird dich behüten – aber den heutigen Tag, wenn wir den nur überleben. Was sagt denn der Hr. Rat zum Erdbeben?" – "Das lasse gut sein – dass keines kommt, sagt' er", sagte Firmian.
Er liess sie ungern los vom erwärmten Herzen. Solang er nicht im Freien ging – denn Schreiben war ihm unmöglich –, schaute er ihr unaufhörlich ins helle Angesicht, aus dem sich alle Wolken verzogen. Er brauchte einen alten Kunstgriff gegen sich – den ich ihm abgelernt –, dass er, um einem guten Menschen recht sehr gut zu sein und alles zu vergeben, ihm lange ins Angesicht schaute. Denn auf einem Menschenangesicht finden wir, ich und er, wenn es alt ist, das Griffund Zählbrett harter Schmerzen, die so rauh darüber gingen; und wenn es jung ist, so kommt es uns als ein blühendes Beet am Abhange eines Vulkanes vor, dessen nächste Erschütterungen das Beet zerreissen. – Ach, entweder die Zukunft oder die Vergangenheit stehen in jedem Gesicht und machen uns, wenn nicht wehmütig, doch sanftmütig.
Firmian hätte gern den ganzen Tag – zumal eh' der Abend kam – seine wiedergefundne Lenette am Herzen, und seine frohen Tränen im Auge behalten; aber bei ihr waren Geschäfte Pausen, und die Tränendrüsen samt dem Herzen Hungerquellen. übrigens hatte sie nicht einmal den Mut, ihn über die metallische Quelle dieses goldführenden Baches zu fragen, auf dessen sanfter Wiege sie heute schwankte. Aber der Mann entdeckte ihr gern das Geheimnis der verkauften Uhr. – – Heute war die Ehe, was die Vor-Ehe ist, ein Cembal d'Amour, das zwei Sangböden umgeben, die statt der saiten deren Wohllaut verdoppeln. Der ganze Tag war als ein Ausschnitt aus dem klaren Mond gehoben, den kein Dunstkreis überschleiert; oder aus der zweiten Welt, worein sogar aus jenem die Mondeinwohner ziehen. Lenette wurde durch ihre Morgenwärme einem sogenannten bemoosten Veilchensteinchen gleich, das die Düfte eines verkleinerten Blumenbeets austeilt, wenn man es nur wärmer reibt.
Abends erschien endlich der Rat, verlegen-zitternd, ein wenig stolz-aussehend, aber unvermögend, als er Lenetten gratulieren wollte, es zu tun vor Tränen, die ebensosehr in seiner Kehle als in seinen Augen standen. Seine Verwirrung verbarg die fremde. Endlich verging der undurchsichtige Nebel zwischen ihnen, und sie konnten sich sehen. Dann wurde man recht froh: Firmian nötigte sich die Zufriedenheit ab, und den beiden andern flog sie frei in die Brust.
Über drei besänftigte, getröstete Herzen zogen die gefüllten Gewitterwolken nicht mehr so tief wie sonst – der weichende drohende Komet der Zukunft hatte sein Schwert verloren und floh schon heller und weisser ins Blaue hinaus, vor lichtern Sternbildern vorbei. – Abends schickte noch Leibgeber einen kurzen Brief, dessen beglückende Zeilen den Abend unsers Lieblings und das nächste Kapitel schmücken. –
Und so wurden an den Gehirnkammern des dreifachen Bundes – wie noch eben jetzt an des Lesern seinen – die eiligen, laufenden, zitternden Blumenstücke der Phantasie zu wachsenden, regen Freudenblumen, wie der Fieberkranke die wankenden Bett-Blumen seines Vorhangs für beseelte Gestalten nimmt. Wahrlich, die Winternacht wollte, gleich einer Sommernacht, kaum erlöschen und erkalten an ihrem Horizont, und als sie um 12 Uhr voneinander schieden, sagten sie: "Wir waren doch alle recht herzlich vergnügt."
Elftes Kapitel
Leibgebers Schreiben über den Ruhm – Firmians
Abendblatt
Ich habe den Leser im vorigen Kapitel aus wahrer Liebe betrogen: gleichwohl muss man ihn noch so lange im Betruge sitzen lassen, bis er folgendes Briefchen von Leibgeber durchgelesen:
Vaduz, d. 2. Febr. 1786
Mein Firmian Stanislaus!
Im Mai bin ich in Baireut; und Du musst auch dahin. Weiter hab' ich Dir jetzt nichts Wichtiges zu schreiben; aber das ist ja wichtig genug, dass ich Dir am 1ten Tag des Wonnemonats in Baireut anzulangen anbefehle, weil ich etwas ungemein Tolles und Erhebliches und Unerhörtes mit dir vorhabe, so wahr Gott lebt. Meine Freude und Dein Glück hängt an Deiner Reise; ich würde Dir das Geheimnis schon in diesem Briefe offenbaren, wenn er aus meiner Hand in keine ginge als sogleich in Deine. Komm! – Du könntest ja mit einem gewissen Kuhschnappler Rosa reisen, der aus Baireut seine Braut holen will. Sollte aber der Kuhschnappler, was Gott verhüte, jener Meiern sein, wovon Du mir geschrieben, und käme dieser Goldfisch angeschwommen, um seiner schönen Braut mit seinen dürren, dünnen Armen mehr Kälte zu geben als Wärme, wie man in Spanien ähnliche ordentliche Schlangen um die Bouteillen zum Kühlen legt, so will ich ihr, wenn ich nach Baireut komme, die besten Begriffe von ihm beibringen und darauf beharren, dass er zehntausendmal besser sei als der Häresiarch Bellarmin, der in seinem Leben viel öfter, nämlich 2236mal die Ehe gebrochen. Du weisst, dass dieser Vorfechter der Katoliken mit 1624 Weibern einen verbotnen Umgang gepflogen; er wollte als Kardinal zugleich die Möglichkeit des katolischen Zölibats und die Möglichkeit der päpstlichen Beschreibung einer Hure zeigen, welche die Glossa zu einer