Gelehrte, wenigstens zwei Advokaten, mit so ungelehrten Plebejern und Ignoranten und leeren Köpfen, als hier sich auf die Ellenbogen stützten, ganz ernstaft zu lachen vermochten, ja zu reden über ihre wahren Lappalien. Mehr als einmal knüpfte er Fäden gelehrterer Unterhaltung an über die neuesten gefeiltesten Schulreden und über so viele parteiische Rezensionen davon; aber die Advokaten machten sich aus den Fäden nichts, sondern liessen sich vom Buchbinder die Gesellenrede hersagen, die er vor dem Meisterwerden gehalten, an welche der Schuster von selber noch die Schuhknechtrede annähte und anschuhte.
Siebenkäs merkte überhaupt vor der ganzen Tafel an, die vornehmen Zirkel seien viel ernstafter und langweiliger und leerer als die gemeinen; dort spreche man wochenlang davon, wenn einmal ein fest ohne verdammte Langeweile zum Umkommen ausgefallen, hier aber trage jeder zum frohen Reden-Pickenick so viel zu, dass es selten an etwas anderem fehle als an Bier. "O!" fuhr er fort, "bedächte doch jeder aus unserem stand, um den tiefern wahrhaft zu beneiden, wie so sehr im figürlichen Sinne das zutrifft, was im eigentlichen längst wahr ist, dass grobe Leinwand besser warm hält als feine oder gar Seidenzeug, so wie ein hölzernes Haus mehr heizt als ein steinernes – im Sommer kühlt es wieder weniger als dieses –, oder so wie das schwarze grobe Roggenmehl nach allen Ärzten ungleich nahrhafter ist als das weisse feine. – So will es mir nicht einleuchten, dass in Paris Damen, welche diamantne Haarnadeln tragen, nur halb so reinheitere Jahre erleben als die Weiber, die sich dort davon erhalten, dass sie schlechte Haarnadeln aus dem Gassenkehricht auflesen; ferner mancher, der bloss mit dürren Tannenzapfen heizt, die er als Tannen-Surrogat vorher selber eingetragen" (hier dachte die holzsparende Tischgesellschaft sehr an sich) "kann oft ebensogut fahren als mancher, der grüne in Zucker einmachen und verspeisen kann."
"Freund Armen-Advokat", versetzte Leibgeber, "wie trefft Ihrs! In Kneip' und Krug kriegt jeder seine noch so schwere Not zum Glück auf einmal, er bekommt seine Prügel, seine Fusstritte, seine Schimpfworte sofort plötzlich; die Lust aber steigt schön allmählich mit der Rechnung. Anders gehts in Palästen; in einem Palais für den palais bekommen die Lust alle auf einmal und zu gleicher Zeit ins Maul (so wie die Blattläuse alle zu gleicher Zeit die Steisse heben und den Honig ausspritzen5) – hier wird er nämlich ebenso gleichzeitig und gesellig aufgefasst; – Langeweile hingegen, Überdruss und Ekel sind Sachen, welche erst allmählich, geschickt unter die mannigfachen Freuden verteilt, von einem ganzen langen Festin beigebracht und mitgeteilt werden, so wie man den Hund mit einem Brechmittel ganz überstreicht, damit er es langsam ablecke und so in sich bringe zum Vonsichgeben."
Und mehr dergleichen Reden wurden vorgebracht. Ist einmal eine Lust gross: so wird sie natürlicherweise noch grösser. Viele Gemeine aus der Sitzung machten vom Vorrechte des Trunks und der Spezialinquisition, nämlich du zu sagen, untereinander Gebrauch. Ja der Herr im Rotplüschrock (der Rat trug ihn gerne in Hundstagferien) spitzte das Maul und lächelte schmelzend, wie betagte Jungfern vor betagten Junggesellen, und gab Winke, er verwahre daheim zwei echte horazische Flaschen Champagner. – "Also gewiss Non-mousseux?" versetzte fragweise Leibgeber. – Der Schulrat, der grade den bessern Champagnerwein für den schlechtern ansah, antwortete mit einigem Selber-Bewusstsein: "Moussiert er nicht, nun gut, so schwör' ich, dass ich ihn allein austrinken will." – Die Flaschen erschienen. Mit Vorsicht feilte Leibgeber an der ersten die Sperrkette der Fruchtsperre ab und zog ihr den Stechhelm aus und öffnete sie wie ein – Testament.... Ich bleibe dabei, wenn einmal die zwei Balsampappeln des Lebens, der Witz und die Menschenliebe, abgedorret sind bis an den Wipfel: so ist ihnen noch nachzuhelfen durch einen rechten Guss aus dem Sprengkrug besagter Flaschen – in drei Minuten werden die Storzeln treiben. – Als die Folie des Getränks, der silberne Schaum, in den Köpfen zu auflaufenden Luftschlössern geschlagen wurde: wie blinkte und gischte da jedes Gehirn! Welche bunte fliegende Blasen warfen nicht alle Ideen des Schulrats Stiefel, die einfachen sowohl als die zusammengesetzten, desgleichen die angebornen und die fixen! – Kann es denn je vergessen werden, dass er keine gelehrten Anzeigen mehr machte als die von Lenettens Reizen, und dass er Siebenkäsen anvertrauete, er wünsche sich zu beweiben, freilich nicht sowohl mit der zehnten Muse oder vierten Grazie oder zweiten Venus – denn er wisse wohl, wer diese schon habe –, aber so etwa mit einer Stiefgöttin und weitläuftigen Verwandten davon. Während der ganzen Fahrt, sagte er, sei er auf dem Kutschkasten ordentlich wie auf einem Predigtstuhle gesessen und habe der Braut das Glück des Ehestandes mit allen möglichen Farben vorgehalten und es ihr so lebhaft vorgeschildert, dass er sich ordentlich selber darnach gesehnt; und der Bräutigam würde ihm gedankt haben, dass sie ihn so dankbar dafür angesehen. – Und in der Tat stand der Braut alles, besonders der Abend, unbeschreiblich schön, am meisten dieses, dass sie an einem solchen Ehrentage mehr diente als bedient wurde – dass sie sich leicht gemacht und in die Hauskleidung geworfen hatte – dass sie so spät Privatstunden über die Küche bei ihren weiblichen Gästen nahm, die ihr nach eigenen Diktaten lasen – und dass sie schon auf morgen Vorsorge traf. – In der Begeisterung machte Stiefel sich an Dinge, die fast unmöglich