1796_Jean_Paul_051_119.txt

in alles. Dem kranken Rat, den Abwesenheit oder Liebe, wie der Kalk die Schattenpartien der Freskobilder, bleicher genaget hatte, diesem wurde warmer LebensOdem eingehaucht, dass morgen wieder die lang entbehrte stimme (Lenette hörte doch seine in der Kirche) den ganzen Saitenbezug seines Ich bewegen sollte.

Ich muss hier eine Verteidigung und eine Anklage

einschichten. Jene geht meinen Helden an, der seinen Adelbrief der Ehre fast durch die Bitte an Stiefeln zu zerknüllen scheint; aber er will damit seiner gekränkten Gattin einen grossen Gefallen tun, und sich einen kleinen. Es hälts nämlich der stärkste, wildeste Mann gegen das ewige weibliche Zürnen und Untergraben in die Länge nicht aus; um nur Ruhe und Frieden zu haben, lässt ein solcher, der vor der Ehe tausend Schwüre tat, er wollte darin seinen Willen durchsetzen, am Ende gern der Herrin ihren. Das übrige in Firmians Betragen brauch' ich nicht zu verteidigen, weils nicht möglich ist, sondern nur nötig. – Die Anklage, die ich verhiess, betrifft meine Mitarbeiter: darum nämlich, dass sie in ihren Romanen so weit von dieser Lebensbeschreibung oder von der natur abweichen und die Trennungen und Vereinigungen der Menschen in so kurzen zeiten möglich und wirklich machen, dass man mit einer Tertienuhr dabeistehen und es nachzählen kann. Aber ein Mensch reisset nicht auf einmal von einem teuern Menschen ab, sondern die Risse wechseln mit kleinen Bast- und Blumenankettungen, bis sich der lange Tausch zwischen Suchen und Fliehen mit gänzlicher Entfernung schliesset, und erst so werden wir arme Menschenam ärmsten. Mit dem Vereinen der Seelen ist es im ganzen ebenso. Wo auch zuweilen gleichsam ein unsichtbarer, unendlicher Arm uns plötzlich einem neuen Herzen entgegendrückt: da hatten wir doch dieses Herz schon lange unter den Heiligenbildern unserer sehnsucht vertraulich gekannt und das Bild oft verhangen, und oft aufgedeckt und angebetet. Unserem Firmian wurde' es später abends wieder im einsamen Sorgestuhl unmöglich, mit aller seiner Liebe bis auf morgen zu warten: die Einsperrung selber machte sie immer wärmer, und als ihn seine alte Besorgnis, er sterbe noch vor der Tag- und Nachtgleiche am Schlage, befiel, erschrak er ungewöhnlichnicht über den Tod, sondern über Lenettens Verlegenheit, wie sie für diese letzte probe des Menschen, für die Ankerprobe104, die Stolgebühren erschwinge. Er hatte gerade Geld im Überfluss unter den Fingern; er sprang auf und lief noch nachts zum Vorstehen der Leichenlotterie, damit doch seine Frau bei seinem Tod 50 fl. erbte als Eingebrachtes, um damit seinen körperlichen Senkreiser hübsch mit Erde zu überlegen. Es ist mir nicht bewusst, wieviel er zahlte; ich bin aber dieser Verlegenheit schon gewohnt, die ein Romanschreiber, der jede beliebige Summe erdichten kann, gar nicht kennt, die aber einen wahrhaften Lebenbeschreiber ungemein belastet und aufhält, weil ein solcher Mann nichts hinschreiben darf, als was er mit Instrumenten und Briefgewölben befestigen kann.

Morgens am 11. Febr. oder am Sonnabend trat Firmian weich in die stube, weil uns jede Erkrankung und Entkräftung, z.B. durch Blutverlust und Schmerzen, erweicht, und noch weicher, weil er einem sanften Tag' entgegenging. Man liebt viel stärker, wenn man eine Freude zu machen vorhat, als eine Stunde darauf, wenn man sie gemacht hat. Es war an diesem Morgen so windig, als hielten die Stürme ein Ringrennen und Ritterturnier, oder als verschickte der Äolus seine Winde aus Windbüchsen: viele dachten daher, entweder das Erdbeben hebe schon an, oder einer und der andere habe sich aus Furcht davor erhenkt. – Firmian traf in Lenettens Angesicht zwei Augen an, aus denen schon in dieser Frühe der warme Blutregen der Tränen auf den ersten Tag gefallen war. Sie hatte seine Liebe und seine Entschlüsse nicht im geringsten erraten, sie hatte gar nicht daran gedacht, sondern nur an folgendes: "Ach! seit meine Eltern verwesen, fraget niemand mehr nach dem Tage meiner Geburt." Ihm schien es, als habe sie etwas im Sinne. Sie blickte ihm einigemal ausforschend ins Auge und schien etwas vorzuhaben; er verschob also die Ergiessung seiner vollen Brust und die Entschleierung der kleinen Doppelgabe. Endlich trat sie langsam und errötend zu ihm und suchte verwirrt seine Hand in ihre zu bringen und sagte mit niedergeschlagnen Augen, in denen noch keine ganze Träne war: "Wir wollen uns heute versöhnen. Wenn du mir etwas zu Leide getan hast, so will ich dir von Herzen vergeben, und tu mir auch dergleichen." Diese Anrede zerriss sein warmes Herz, und er konnte anfangs nur stocken und sie an den beklommenen Busen reissen und spät endlich sagen: "Vergib du nurach ich liebe dich doch mehr als du mich!" Und hier quollen, von tausend Erinnerungen der vorigen Tage gepresset, schwere heisse Tropfen aus dem vollen tiefen Herzen, wie tiefe Ströme träger ziehen. Verwundert blickte sie ihn an und sagte: "Wir söhnen uns also heute aus und mein Geburttag ist heute auch, aber ich habe einen sehr betrübten Geburttag." jetzt erst hörte seine Vergessenheit des Angebindes auf, das er bringen wollteer lief weg und brachte es, nämlich das Nähkissen, den Kattun und die Nachricht, dass Stiefel abends komme. Nun erst fing sie an zu weinen und fragte: "Ach, das hast du schon gestern getan? und meinen Geburttag gewusst? – Recht von ganzem Herzen dank' ich dir, besonders für das schöneNähkissen. Ich dachte nicht,