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, dass er zuweilen Schrift in Sprache umsetzte, und wenn andere da waren, mit diesen über Ähnliches mündlich scherzte. So sagte er einmal zum Haarkräusler Merbitzer in Lenettens Gegenwart: "Monsieur Merbitzer, es ist unglaublich, was mein Haushalten jährlich frisst; meine Frau, wie sie da steht allein verzehrt jedes Jahr zehn Zentner Nahrung und – (als sie und der Friseur die hände über dem kopf zusammenschlugen) ich desfalls." Freilich wies er Merbitzern in Schlözern gedruckt auf, dass jeder Mensch jährlich so viel Nahrung verbrauche; aber wer hielt es in der stube für möglich?

Grollen oder Schmollen ist eine geistige Starrsucht, worin, wie in der körperlichen, jedes Glied in der steifen Haltung verharrt, wo es der Anfall ergriff, und die geistige hat auch dies mit der leiblichen gemein, dass sie öfter Weiber als Männer befällt103. Nach allem diesem konnte Siebenkäs gerade durch den scheinbarboshaften Scherz, womit er sich selber bloss gelassner erhalten wollte, nur das Erstarren der Gattin verdoppeln; und doch wäre manches hingegangen, hätte sie nur in jeder Woche einmal den Pelzstiefel gesehen, und hätten nicht die Nahrungsorgen, die alles Zinngeschirr der Vogelstange aufzehrten und einschmelzten, in ihrem unglücklichen Herzen gleichsam den letzten frohen warmen Bluttropfen zersetzt und aufgetrocknet! – Die Leidtragende! Aber so gabs keine hülfe für sieund für den, den sie verkannte! – Armut ist die einzige Last, die schwerer wird, je mehre Geliebte daran tragen. Firmian, wenn er allein gewesen wäre, hätte auf diese Lücken und Löcher unserer Lebenstrasse kaum hingesehen, da das Schicksal schon alle 30 Schritte ein Häufchen Steine zum Ausfüllen der Löcher hingestellt. Und in dem grössten Sturm stand ihm immer ausser der herrlichsten Philosophie noch ein Seehafen oder eine Täucherglocke offen, seineDutzenduhr, nämlich deren Kaufschilling. Aber die Frauund ihre Trauermusiken und Kyrie Eleisonund 1000 andere Dinge und Leibgebers unbegreifliches Verstummenund sein wachsendes Erkranken, alles das machte aus seiner Lebenluft durch so viele Verunreinigungen einen schwülen entnervenden Schirokkowind, der im Menschen einen trocknen, heissen, kranken Durst entzündet, gegen den er oft das, was der Soldat gegen den physischen zum Löschen und Kühlen in den Mund legt, in die Brust nimmt, kaltes Blei und Schiesspulver. – –

Am 11ten Februar suchte sich Firmian zu helfen.

Am 11ten Februar, am Euphrosynenstag, 1767 war Lenette geboren.

Sie hatte' es ihm oft, und ihren Nähkunden noch öfter gesagt; aber es wär' ihm doch entfallen ohne den Generalsuperintendenten Ziehen, der ein Buch drukken liess und ihn darin an den eilften erinnerte. Der Superintendent hatte nämlich vorausgesagt, dass an diesem 11ten Hornung 1786 ein Stück vom südlichen Deutschland sich durch das Erdbeben wie Lagerkorn in die Unterwelt senken werde. Mitin würden am herabgelassenen Sargseil oder an der herabgelassenen Fallbrücke des sinkenden Bodens die Kuhschnappler in ganzen Körperschaften in die Hölle gefahren sein, in der sie vorher als einzelne Abgesandte ankamen; es wurde aber aus allem nichts.

Am Tage vor dem Erdbeben und vor Lenettens Geburt ging Firmian nachmittags auf die Hebemaschine und das Schwungbrett seiner Seele, auf die alte Anhöhe, wo sein Heinrich ihn verlassen hatte. Sein Freund und seine Frau standen in bewölkten Bildern um seine Seele, er dachte daran, dass von Heinrichs Abschied bis jetzt ebenso viele Hauptspaltungen in seiner Ehe vorgefallen waren, als deren Moreri in der Kirche von den Aposteln bis zu Lutern aufzählt, nämlich 124. Harmlose, stille, frohe Arbeiter bahnten dem Frühling den Weg. Er war vor Gärten vorbeigegangen, deren Bäume man vom Moos und Herbstlaube entledigte, vor Bienen- und Weinstöcken, die man versetzte und ausreinigte, und vor den Abschnitzeln der Weiden. Die Sonne glänzte warm über die knospenvolle Gegend. Plötzlich war ihm und Menschen von Phantasie begegnet es oft, und sie werden daher leichter schwärmerischals wohne sein Leben, statt in einem festen Herzen, in einer warmen, weichen Zähre, und sein beschwerter Geist dränge sich schwellend durch eine Kerker-Fuge hinaus und zerlaufe zu einem Tone, zu einer blauen Äterwelle: "Ich will ihr an ihrem Geburttage vergeben (rief sein ganzes zergangenes Ich) – ich habe ihr wohl bisher zuviel getan." Er beschloss, den Schulrat wieder ins Haus zu führen und den grillierten Kattun vorher und ihr mit beiden und mit einem neuen Nähkissen ein Geburttagangebinde zu machen. Er fassete seine Uhrkette an, und an ihr zog er das Mittel, den Elias- und Fausts-Mantel heraus, der ihn über alle Übel tragen konnte, nämlich wenn er den Mantel verkaufte. Er ging voll lauter Sonnenlicht in allen Ecken des Herzens nach haus und gab der Uhr einen künstlichen Stillestand und sagte zu Lenetten, sie müsse zum Uhrmacher zur Reparatur. Sie war in der Tat bisher wie die obern Planeten am Anfange ihres Uhr-Tages rechtläufig, dann stehend, dann rückläufig gewesen. Er verdeckte ihr damit seine Projekte. Er trug sie selber auf einen Handelplatz, schlug sie losso gewiss er wusste, er könne ohne ihr Pickern auf seinem Schreibtische nicht recht schreiben; wie nach Locke ein Edelmann nur in einem Zimmer tanzen konnte, worin ein alter Kasten stand –; und abends wurde das ausgelösete grillierte Blutemd und Säetuch des Unkrauts ungesehen ins Haus geschafft. Firmian ging noch abends zum Schulrat und verkündigte ihm mit der neuen Wärme seines beredten Herzens alles, seinen Entschlussden Geburttagdie Wiederkehr des Kattunsdie Bitte um einen Besuchein nahes Sterben und seine Ergebung