mit der besten Erörterung bei der Hand.
Der ernstschwere, bedachtsame Buchbinder ärgerte sich nämlich das ganze Kirchenjahr über niemand so sehr als über seinen Schliffel, wie er sich ausdrückte, über seinen luftigen Sohn, der die besten Bücher besser las als band, der sie schief und schmal beschnitt, und der dadurch, dass er die Buchbinderpresse zu einer Buchdruckerpresse einschraubte, das nasse Werk zugleich verdoppelte und verdünnte. Dies konnte nun der Vater nicht ansehen: er erboste sich so, dass er zu dem Teufels-Reichs-kind kein Wort mehr sagen wollte. Seine Prachtgesetze und güldnen Regeln, die er dem Sohne über Einbände zuzufertigen hatte, diese gab er seiner Frau als Reichspostreiterin mit, die (mit der Nadel als Botenspiess) aus der fernsten Ecke aufstand und die Befehle dem Sohne, der nicht weit vom Vater planierte, überbrachte. Dem Sohn, der seine Antworten und fragen wieder der Eilbotenfrau miteinhändigte, war ganz wohl bei der Sache zu Mute: der Vater konnte weniger keifen. Dieser bekam es weg und wollte nichts mehr mündlich verhandeln. Er suchte zwar seine Empfindung gegen den Sohn durch Mienenspiele auszudrücken und beschoss, wie ein Verliebter, diesen, der ihm gegenüber sass, mit warmen Blicken; aber ein Auge voll Blicke ist, ob wir gleich nicht bloss Gaumen-, Zahn- und Zungen-, sondern auch Augenbuchstaben haben, immer ein verwirrter Schriftkasten voll Perlschrift. Allein da zum Glücke die Schrift- und Posterfindung einem Menschen, der auf einer nördlichen Eisscholle den Nordpol umfährt, Mittel an die Hand gibt, mit einem, der auf einem Palmbaum unter Papageien in der heissen Zone sitzt, zu kommunizieren: so fanden hier Vater und Sohn, wenn sie, voneinander getrennt, sich am Arbeittisch gegenüber sassen, in der Erfindung des schreibe- und Postwesens Mittel, sich ihre Entfernung durch einen Briefwechsel, worein sie sich miteinander über den Tisch weg einliessen, zu versüssen und zu erleichtern; die wichtigsten Geschäftbriefe wurden unversiegelt, aber sicher – da zwei Finger bei dieser Pennypost das Felleisen und Postschiff waren – hin- und hergeschoben: der Brief- und Kurierwechsel ging auf so glatten Wegen und bei so guter poste aux ânes zwischen beiden stummen Mächten häufig und ungehindert, und der Vater konnte bei so freier Mitteilung leicht in einer Minute auf die wichtigsten Berichte schon Antwort haben von seinem Korrespondenten; ja sie waren so wenig getrennt, als wohnten sie Haus bei Haus aneinander. Sollte ein Reisender etwa noch vor mir nach Kuhschnappel kommen: so bitte' ich ihn, die zwei Tisch-Ecken, wovon das eine das Intelligenzkontor des andern war, sich abzusägen und die beiden Büros einzustecken und in irgendeiner grossen Stadt und Gesellschaft den Neugierigen vorzuzeigen, oder mir in Hof. – –
Siebenkäs tats halb nach. Er schnitt kleine Dekretalbriefe zurecht und voraus für die nötigsten Fälle. Tat Lenette eine unvorhergesehene Frage an ihn, worauf seine Brieftasche noch keine Antwort entielt, so schrieb er drei Zeilen und langte das Reskript über den Tisch hin. Allerhöchste Handbillets oder Ratsverordnungen, die täglich wiederholt werden mussten, liess er sich abends durch ein stehendes Requisitorialschreiben zur Ersparung des Briefpapiers wiedergeben, um den andern Tag den schriftlichen Bescheid nicht von neuem zu schreiben: er langte das Abschnitzel bloss hin. Was sagte aber Lenette dazu? –
Ich werde besser antworten, wenn ich vorher nachfolgendes erzähle: ein einzigesmal sprach er in dieser Stummenanstalt, als er aus einer irdenen Schüssel, in der ausser eingebranntem Blumenwerk auch poetisches war, Krautsalat speisete. Er hob mit der Gabel den Salat weg, der das kleine Rand-Karmen überdeckte, das hiess: Fried' ernährt, Unfried' verzehrt. Sooft er eine Gabel voll weghob, so konnte' er einen oder etliche Füsse dieses didaktischen Gedichtes weiter lesen, und er tats laut. – "Was sagte nun Lenette dazu?" – fragten wir oben; kein Wort, sag' ich, sie liess durch sein Schweigen und Zürnen sich ihres nicht nehmen, denn er schien ihr zuletzt zur Bosheit sich zu verstocken und da wollte sie auch nicht weit zurückbleiben. – In der Tat ging er täglich weiter und schob ganz neue zerbrochne Gesetztäfelchen über seinen Tisch bis zur Ecke oder trug sie auf ihren. Ich nenne nicht alle, sondern nur einige, z.B. das Kartaunenpapierchen des Inhalts (denn er erfand sich zu Liebe immer neue Überschriften): "Stopfe der langen NähBestie den überlaufenden Mund, die da sieht, dass ich schreibe, oder ich fasse sie bei der Kehle, womit sie mir so zusetzt" – das Amtblättchen: "Wasche mir ein wenig unreines wasser ab, ich will meine Waschbärpfoten von Dinte rein machen". – Das Hirtenbriefchen: "Ich wünsche jetzt wohl in einer oder der andern Ruhe den Epiktet über das Ertragen aller Menschen flüchtig durchzugehen; stör mich folglich nicht" – Der Nadelbrief: "Ich sitze eben über einer der schwersten und bittersten Satiren gegen die Weiber102; führe die schreiende Buchbinderin hinunter zur Friseurin und sprecht da zusammen aufgeweckt" – Marter-Bank-Zettel, auch Marter-Bank-Folium: "Ich habe heute vormittags vieles mögliche ausgehalten und habe mich durchgerungen durch Besen und Flederwische und durch Haubenköpfe und durch Zungenköpfe: könnt' ich nicht so etwa gegen Abend die hier vorliegenden peinlichen Akten ein Stündchen lang ungepeinigt und friedlich zur Einsicht durchlaufen?" – – Es wird mich niemand bereden, dass er diesen Besuchkarten, die er bei ihr abgab, ihr Stechendes und Nadelbriefliches sehr dadurch benahm