1796_Jean_Paul_051_116.txt

Beweis seines Namens und seiner Mündelschaft recht gut mit einem andern, aber immatrikulierten Leipziger Notarius führenes fehlte ihm nichts als das Werkzeug oder die Waffe des Streites, die zugleich der Gegenstand desselben war, kurz das Geld. – In den zehn Tagen, innerhalb welcher die Appellation wie ein Fötus reifen muss, ging er kränklich und sinnend umher: jeder dieser Dezimaltage übte an ihm eine von den zehn Verfolgungen der ersten Christen aus und dezimierte seine frohen Stunden. Von seinem Leibgeber in Baireut Geld zu begehren, war die Zeit zu kurz, und der Weg zu lang, da Leibgeber, nach seinem Schweigen zu schliessen, vielleicht mit dem Springstab und Stegeisen seiner Silhouettenschere über mehrere Berge weggesprungen war. – Firmian tat auf alles Verzicht und ging zum alten Freund Stiefel, um sich zu trösten und alles zu erzählen: dieser ergrimmte über den sumpfigen, bodenlosen Weg Rechtens und drang dem Advokaten eine Stelze darin auf, nämlich die Gelder zum Appellieren. Ach, es war dem unbefriedigten, schmachtenden Rate so viel, als fassete er Lenettens geliebte, ziehende Hand, und sein redliches, an lauter eiskalten Tagen angerinnendes Blut fing wieder aufgetauet zu laufen an. Es war keine Täuschung des Ehrgefühls, dass Firmian, der lieber hungerte als borgte, gleichwohl von ihm jeden Taler als ein Steinchen annahm, um es in den morastigen Weg Rechtens zu pflastern und so unbesudelt darüber zu kommen. Aber die Hauptsache war sein Gedanke, er sterbe bald, und dann bleibe doch seiner hülflosen Witwe der Genuss der kleinen Erbschaft nach.

Er appellierte an die erste Appellationkammer und bestellte sich in Leipzig bei einer andern NotariatsSchmiedeesse ein neues Instrument, beim ZeugenBeichtiger Lobstein.

Diese neuen, vom Glück erhaltenen Realterritionen und Nägelmale auf der einen, und diese Güte und diese Renten des Rates auf der andern Seite häuften neuen Sauerstoff in Lenetten an; aber der Essig ihres Unwillens wurde, wie anderer, durch ein Frostwetter verdichtet, davon ich sogleich die Wetterbeobachtungen mitteilen kann.

Lenette war nämlich seit dem Zanke mit Stiefeln den ganzen Tag stumm; bloss bei Fremden genas sie von ihrer Zungenlähmung. Es muss geschickt physisch erkläret werden, warum eine Frau oft nicht sprechen kann, ausser mit Fremden; und man muss die entgegengesetzte Ursache von der entgegengesetzten Erscheinung aufspüren, dass eine Somnambüle nur mit dem Magnetiseur und seinen Bundgenossen redet. Auf St. Hilda husten alle Menschen, wenn ein fremder aussteigt; Husten ist aber, wenn nicht Sprechen selber, doch das vorhergehende Schnarren des Räderwerks in der Sprachmaschine. Diese periodische Stummheit, die vielleicht, wie oft die immerwährende, von der Zurücktreibung der Hautausschläge herkommt, ist den Ärzten etwas Altes: Wepfer100 erzählt von einer schlagflüssigen Frau, dass sie nichts mehr sagen konnte als das Vaterunser und den Glauben; und in den Ehen sind Stummheiten häufig, worin die Frau nichts zum mann sagen kann als das Allernötigste. Ein Wittenberger Fieberkranker101 konnte den ganzen Tag nicht sprechen, ausser von 12 bis 1 Uhr, und so findet man genug arme weibliche Stumme, die des tages nur eine Viertelstunde oder nur abends ein Wort hervorzubringen imstande sind und sich übrigens mit dem Stummenglöckchen behelfen, wozu sie Schlüssel, Teller und Türen nehmen. –

Diese Stummheit verhärtete endlich den armen Advokaten so sehr, dass er sie auch bekam. Er ahmte die Frau, wie ein Vater die Kinder, nach, um sie zu bessern. Sein satirischer Humor sah oft der satirischen Bosheit ähnlich; aber er hatte ihn nur, um sich gelassen und kalt zu erhalten. Wenn Kammerzofen ihn unter seiner schriftstellerischen Siederei und Brauerei gänzlich dadurch störten, dass sie mit Beihülfe Lenettens seine stube zu einer Heroldkanzlei und Rednerbühne erhoben: so zog er wenigstens seine Frau vom Rednerstuhl herab, indem erdas hatte' er vorher mit ihr ausgemacht- dreimal mit dem vergoldeten Vogelzepter auf sein Schreibpult schlugso nimmt ein Zepter leicht der Schwester Rednerin die Pressfreiheit. – Ja er war imstande, wenn er oft vor diesen aufgezognen redenden Cicerosköpfen sass, ohne einen Gedanken oder eine Zeile herauszubringen, und wenn er weniger seinen eignen Schaden als den andern so unzählig vieler Menschen vom höchsten Verstand und Stand beherzigte, die durch diese Sprechkundigen um tausend Ideen kamen, er war dann imstande, sag' ich, einen entsetzlichen Schlag mit dem Zepter, mit dem Lineal auf den Tisch zu tun, wie man auf einen Teich appliziert um das Quaken der Frösche zu stillen. Besonders kränkte ihn der Raub am meisten, der an der Nachwelt begangen wurde, wenn durch solches verfliegendes Geschwätz sein Buch geringhaltiger auf sie gelangte. Es ist schön, dass alle Schriftsteller, sogar die, welche die Unsterblichkeit ihrer Seele leugnen, doch die ihres Namens selten anzufechten wagen; und wie Cicero versicherte, er würde ein zweites Leben glauben, sogar wenn es keines gäbe: so wollen sie im Glauben an das zweite ewige Leben ihres Namens bleiben, täten auch die Rezensenten das Gegenteil entschieden dar.

Siebenkäs macht' es jetzt seiner Frau bekannt, dass er nichts mehr sprechen werde, nicht einmal vom Notwendigsten: und das bloss deshalb, um nicht durch lange zornige Reden über Reden, Waschen etc. sich im Schreiben zu stören und zu erkalten oder gegen sie sich zu erhitzen. Dieselbe gleichgültige Sache kann in zehn verschiedenen Tönen und Misstönen gesagt werden; um also der Frau die Unwissenheit und Neugierde des Tons, womit etwas gesagt werden konnte, zu lassen, sagt' er ihr, er werde nun nicht anders mit ihr sprechen als schriftlich.

Ich bin schon hier