wahrlich ich sollte noch zehnmal milder als wilder sein." – Traf es sich freilich aber zweitens, dass er gerade harte Worte nicht ausgestossen hatte, sondern erduldet: so malte er sich auf der einen Seite das starke Sehnen nach dem Schulrat vor, das sie leicht unter der kopflosen Näharbeit heimlich so sehr vergrössern konnte als sie nur wollte, und auf der andern die unablässige Nachgiebigkeit seines zu weichen Herzens, für welche sein Kraftfreund Leibgeber ohne weiteres ihn schelten würde, aber noch mehr die Frau wegen des Gegenteils; und welche sie schwerlich bei ihrem starren Stiefel anträfe, wenn aus dessen neulicher greller Aufkündigung des Kapitals der Liebe etwas zu schliessen sei.
In dieser Laune tat er an einem Sonntage, wo sie wieder in die Vesperpredigt des Schulrats ging, mit zornschwerem Gemüt die leichte Frage, warum sie sonst so selten in die Abendpredigt gegangen, und nun so häufig. Sie versetzte: sie hab' es getan, weil der Vesperprediger Schalaster sonst gepredigt, für welchen seit der Ausrenkung des Schlüsselbeins der Schulrat die Kanzel besteige; werde aber das Bein wiederhergestellt, so solle sie Gott bewahren, in seine Andacht zu gehen. Nach und nach bracht' er heraus, dass sie den jungen Schalaster für einen falschen gefährlichen Irrlehrer halte, der von der heiligen Schrift Luteri abweiche, weil er an Mascheh, an Jäsos Christos, Petros, Paulos glaube und alle Apostel bei ihm sich "ossen", so dass sich alle christlichen Seelen ärgern, und das himmlische Jerusalem hab' er gar auf eine Art genannt, die sie nicht einmal nachsprechen könne; er habe nun seitdem sich am Schlüsselbeine einen Schaden getan, aber sie wolle nicht richten. – "Dies tu auch nicht, liebe Lenette", sagte Siebenkäs; "der junge Mann hat eben entweder ein schwaches Gesicht, oder ist im griechischen Testament schlecht bewandert, denn da sieht das u wie ein o aus. O, wie manche Schalaster sagen nicht in so verschiedenen Wissenschaften und Glaubenlehren Petros statt Petrus und bringen ohne Not und ohne Eckstein durch blutverwandte Selblauter die Menschen auseinander."
Nur aber diesesmal brachte Schalaster sie ein wenig zusammen. Dem Armenadvokaten tat es wohl, dass er sich bisher geirrt, und dass Lenetten nicht bloss Liebe zu Stiefel, sondern auch Liebe für reine Religion in die Abendkirche hinein gesetzt. Schwach war freilich der Unterschied; aber in der Not nimmt man jeden Trost mit; Siebenkäs freute sich demnach heimlich, dass seine Frau den Schulrat nicht in dem hohen Grade liebe, als er gemeint. Sprecht hier nichts gegen das dünne Spinnengewebe, das uns und unser Glück trägt; haben wir es aus unserem inneren gesponnen und herausgezogen wie die Spinne ihres, so hält es uns auch ziemlich, und gleich dieser hangen wir sicher mitten darin, und der Sturmwind weht uns und das Gewebe unbeschädigt hin und her.
Von diesem Tage an ging Siebenkäs geradezu wieder zum einzigen Freund im Orte, zum Schulrat, dem er den kleinen Fehltritt schon längst – ich glaube eine halbe Stunde darnach von Herzen vergeben hatte. Er wusste, seine Erscheinung war ein Trost für den verwiesenen Evangelisten im Stuben-Patmos; und für die Frau war es auch einer. Ja er trug Grüsse, die nie anbefohlen waren, zwischen beiden hin und her.
Abends waren bei Lenetten kleine hingeworfne Berichte vom Rat die grüne Saat, die das scharrende Rebhuhn unter dem tiefen Schnee aufkratzt. Ich versteck' es inzwischen nicht, mich dauert er und sie; und ich kann kein elender Parteigänger sein, der nicht zwei Personen, die einander missverstehen und befehden, zugleich Anteil und Liebe geben kann. – –
Aus diesem grauen schwülen Himmel, dessen Elektrisiermaschinen alle Stunden luden und häuften, fiel endlich der erste grelle Donnerschlag herab: Firmian verlor seinen Prozess. Der Heimlicher war das reibende Katzenfell und der stäupende Fuchsschwanz gewesen, der die Erbschaftkammer oder den Pechkuchen der Justiz mit kleinen Taschenblitzen gefüllet hatte. Es wurde dem Advokaten aber von Rechts wegen der Verlust des Prozesses zuerkannt, weil der junge Notarius Giegold, mit dessen Notariatinstrumenten er sich bewaffnen wollen, noch nicht immatrikulieret war. Es kann wenig Menschen geben, die nicht wissen, dass in Sachsen nur ein Instrument gilt, das ein immatrikulierter Notar gemacht, und dass mitin die Beweiskraft eines Dokumentes in einem fremden land nicht stärker sein kann, als sie in dem war, worin man es fertigte. Firmian verlor zwar den Prozess und für jetzt die Erbschaft; aber sie blieb ihm doch unter jedem Rechtstreite unversehrt dastehen. Nichts sichert wohl ein Vermögen besser vor Dieben und Klienten und Advokaten, als wenn es ein Depositum oder ein Streitgegenstand (objectum litis) geworden; niemand darf es mehr angreifen, weil die Summe in den Akten deutlich spezifizieret ist (es müssten denn die Akten selber noch eher als ihr Gegenstand abhanden kommen); so freuet sich der Hausvater, wenn der Kornwurm den Kornschober gänzlich übersponnen und weiss papillotieret hat, weil dann die übrigen Körner, die der Spinner nicht ausgekernet hat, vor allen andern Kornwürmern ganz gedecket sind. –
Niemals ist ein Prozess leichter zu gewinnen, als wenn man ihn verloren hat; denn man appellieret. – Nach der Abtragung der in- und aussergerichtlichen Kosten und nach der Ablösung der Akten bieten die gesetz das beneficium appellationis (Wohltat der Berufung an einen höhern Richter) jedem an, wie wohl bei dieser Benefizkomödie und Rechtswohltat noch andere, aussergerichtliche Wohltaten nötig sind, um von der gerichtlichen Gebrauch zu machen.
Siebenkäs durfte berufen – er konnte den