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sogenannten Leichenlotterie einzutreten, damit er bei seinem Zug in die andere Welt doch das Abzuggeld entrichten könnte. Er sagte es ihr; aber sie nahm den Vorsatz für eine Anspielung auf das Trauerkleid. So neblig ging der erste Tag vorüber, und noch regnerischer die erste Woche. Es war das Einfassgewächs und der Zaun um Lenettens Liebe gegen Stiefel ausgerissen, und diese Liebe stand frei da. An jedem Abend, wo sonst der Rat gekommen war, grub sich der Ärger und Kummer tiefer in ihr junges Angesicht, das allmählich zur durchbrochnen Arbeit des Schmerzens einfiel. Sie fragte nach den Tagen, wo er zu predigen hatte, um ihn zu hören, und trat bei jedem Leichenzuge ans Fenster, um ihn zu sehen. Die Buchbinderin war ihr korrespondierendes Mitglied, und aus ihr holte sie neue Entdeckungen über den Schulrat heraus und repetierte mit ihr die ältesten. Wieviel Wärme musste nicht der Rat durch seinen Fokalabstand gewinnen, und der Mann durch seine Erdnähe verlieren. So wie die Erde gerade die kleinste Wärme von der Sonne bekömmt, wenn sie ihr am nächsten ist, im Winter! – – Zu diesem allen kam noch ein ganz neuer Grund zu Lenettens Abneigung. Es hatte nämlich der Heimlicher v. Blaise unter der Hand von ihrem mann bekannt gemacht, er sei ein Ateist, und kein Christ. Redliche alte Jungfern und Geistliche sind auf eine schöne Weise von rachsüchtigen Römern unter den Kaisern verschieden, die oft den unschuldigsten Menschen für einen Christen ausgaben, um ihm eine Märtererkrone zu flechten; besagte Jungfern und Geistliche nehmen vielmehr die Partei eines Menschen, der in solchem Verdachte ist, und leugnen es, dass er ein Christ ist. So unterscheiden sie sich sogar von den neuen Römern und Italienern, welche stets sagen: es sind vier Christen da, statt vier Menschen. Das tugendhafteste Mädchen bekam in St. Ferieux bei Besançon zum Preis einen Schleier zu 5 Livr.; und diesen schönen Preis der Tugend, nämlich einen moralischen Schleier von 6 Livr., werfen Menschen wie Blaise gern über gute Leute. Sie nennen daher gern Denker Ungläubige, und Heterodoxe Wölfe, deren Zähne glätten und zahnen helfen; so wird auch auf die besten Klingen ein Wolf eingezeichnet.

Als Siebenkäs seiner Frau zuerst die Blaisische Nachricht hinterbrachte, dass er kein Christ, wo nicht gar ein Unchrist sei: machte sie noch nichts Besonderes daraus, da sie sich dergleichen von einem mann, mit welchem sie ehelich kopuliert worden, gar nicht denken konnte. Nur später fiel ihr wieder ein, dass er in dem Monate, als das Wetter zu lange trocken war, nicht bloss die katolischen Umgänge, auf welche sie selber nichts hielt, sondern auch die protestantischen Wettergebete dagegen ohne Hehl verworfen habe, indem er gefragt: ob die meilenlangen Prozessionen, sogenannte Karawanen, in der arabischen Wüste mit allen ihren Wettergebeten je eine einzige Wolke zustande gebracht; oder warum die Geistlichen nur gegen Nässe und Trockenheit und nicht auch gegen einen grimmigen Winter Umgänge, die wenigstens für die Umgänger ihn mildern würden, veranstalteten, oder in Holland gegen Nebel, in Grönland gegen Nordscheine; auch wundere er sich am meisten, warum die Heidenbekehrer, die sich so oft mit solchem Erfolg die Sonne erbitten, wenn bloss die Wolken sie verdecken, nicht auch um den Sonnenkörper (was viel wichtiger wäre) anhalten, wenn er in Polarländern gar ganze Monate nicht einmal zum Vorschein komme bei hellem Himmel; oder warum wir, fragt' er endlich, gegen grosse für uns selten erfreuliche Sonnenfinsternisse nicht vorkehren, sondern hierin uns eigentlich von den Wilden übertreffen lassen, welche sie am Ende wegheulen und wegflehen. – Wie nehmen manche Worte, an sich anfangs unschuldig, ja süss, erst auf dem Lager der Zeit giftige Kräfte an, wie Zucker, der 30 Jahre in Magazinen gelegen99! Jene freien Worte griffen jetzt stark in Lenetten ein, wenn sie unter der aus lauter Aposteln gezimmerten Kanzel Stiefels sass und ihn ein Gebet nach dem andern verrichten hörte, bald für, bald wider Krankheit, Obrigkeit, Niederkunft, Saat u.s.w. Wie süss wurde' ihr nun auf der andern Seite der Pelzstiefel, und wie schön wurden dessen Predigten wahre Liebebriefe für ihr Herz! Und ohnehin steht ja Geistlichkeit in einem nahen Verhältnis mit dem weiblichen Herzen; daher bedeutet ursprünglich auf der deutschen Spielkarte das Herz die Geistlichkeit. –

Was tat und dachte nun Stanislaus Siebenkäs bei allem? Zweierlei, was sich widersprach. hatte' er gerade ein hartes Wort gesagt: so bejammerte er die verlassene, ohnmächtige Seele, deren ganzes Rosenparterre der Freuden ausgehauen war, deren erste Liebe gegen den Schulrat im Jammer und Darben verschmachtete, und die tausend schöne Reize ihres verschlossenen inneren würde vor einem geliebten Herzendenn seines war es nichtentfaltet haben; "und sehe' ich denn nicht", sagte er sich weiter, "wie ihr die Nadel oder der Nadelkopf auf keine Weise ein solcher spitzer Wetterableiter ihrer schwülen Blitzwolken sein kann als mir die spitze Feder? Wegschreiben kann man sich viel, aber nicht wegnähen. Und wenn ich vollends bedenke, was ichdie Sternkunde und die Seelenkunde nicht einmal zu rechnennoch besonders an Kaiser Antoninus' 'Selbbetrachtungen' und an Arrianus' Epiktet, die beide sie nicht einmal dem Namen und Einbande nach kennt, für Schwimmkleider und Korkwesten in den höchsten Fluten habe, und was für Spritzenleute an ihnen, wenn ich in Zornfeuer gerate, wie vorhin, sie aber ihren Zorn allein abbrennt: