Zerfliessung ihrer zwei Herzen, auf tausend heisse Wünsche, die er ihr vorstammeln wollte, auf ihr Aneinanderschliessen und auf das trunkne Verstummen der Lippen an Lippen..... O wie war alles so anders, so kalt, so tödlich kalt! – Ich muss es irgendwo anders – wo ich mehr Papier dazu vor mir habe – ausführen, warum und wienach – denn dem Anschein nach ist gerade das Widerspiel zu vermuten – seine satirische Ader ein Gärmittel oder eine Wässerung für sein empfindsames Herz abgab, dessen er sich zugleich freuete und schämte. Am meisten half dazu der – Reichsflekken Kuhschnappel, auf den, wie auf noch einige deutsche Ortschaften, der empfindsame Tau, wie auf Metalle, nicht gefallen war, und worin die Leute sich mit verknöcherten Herzen versehen hatten, denen, wie erfrornen Gliedmassen, oder wie Hexen voll Stigmen des Teufels, keine Wunde von Belang zu machen war. Unter solchen Kalten nun vergibt und sucht man übertriebene Wärme am ersten. Einer hingegen, der 1785 in Leipzig etc. wohnhaft war, wo die meisten Herzen und Schlagadern mit dem Tränen-Spiritus ausgesprützet waren, trieb leichter den witzigen Unwillen darüber zu weit; so wie die Köche in den nassen Jahrgängen mehr scharfe Gewürze an die wässerigen Gemüse reiben als in trocknen. – –
Lenette ging heute dreimal in die Kirche; es war aber ganz natürlich.... Beim Worte "dreimal" erschreck' ich nicht über die Kirchengänger, die dabei selig werden können, sondern über die armen Geistlichen, die an einem Tage so oft predigen müssen, dass es noch ein Glück ist, wenn sie dabei nichts werden als, statt heiser, verdammt. Ein Mensch, der das erstemal predigt, rührt gewiss niemand so sehr als sich selber und wird sein eigner Proselyt; aber wenn er die Moral zum millionenstenmal vorpredigt, so muss es ihm ergehen wie den egerischen Bauern, die den egerischen Brunnen alle Tage trinken, und die er daher nicht mehr purgiert, so viele sedes er auch Kurgästen macht.
Über dem Essen schwieg das traurige Ehepaar. Der Mann tat, da er ihre Vorkehrungen zu einem Besuche in der Nachmittagkirche gesehen, in welcher sie seit einiger Zeit nicht gewesen, bloss die Frage, wer predige. "Wohl der Hr. Schulrat Stiefel", sagte sie, "ob er gleich sonst nur vormittags die Kanzel besteigt, aber der Vesperprediger Schalaster kann nicht, Gott hat ihn gestraft, er hat sich das Schlüsselbein ausgerenkt." Zu einer andern Zeit hätte Siebenkäs manches über das letzte gesprochen; aber hier schlug er bloss mit dem einen Zacken der Gabel an den Teller und fuhr mit dieser Spielwelle schnell an das eine Ohr, indes er das andere verschloss: der Trommelbass des summenden Euphons zog seine gequälte Seele in die Wogen des Tons, und dieses brausende Schallbrett, dieser zitternde Klöppel tönte ihm am neuen Jahre gleichsam zu: "Vernimmst du nicht von weitem das Ausläuten der Messe deines kalten Lebens? Es ist die Frage, ob du am zweiten Neujahr noch hörest, ob du nicht schon liegest und auseinandergehst." –
Er sah nach dem Essen zum Fenster hinaus, weniger nach der Gasse als nach dem Himmel. Da fand er eben zwei Nebensonnen und fast im Zenit einen halben Regenbogen, den wieder ein entfärbter durchschnitt98. Wunderlich fingen die Farbengestirne über sein Herz zu regieren an und machten es so wehmütig, als säh' er droben sein halbfarbiges, bleiches, zerstücktes Leben nachgespielt oder nachgespiegelt. Denn dem bewegten Menschen ist die natur stets ein grosser Spiegel voll Bewegungen; nur dem satten und ausruhenden ist sie bloss ein kaltes totes Fenster für das Äussere.
Als er nachmittags einsam in der stube war, als der frohe Kirchengesang und der benachbarte frohe Kanarienvogelschlag gleichsam wie das Getöse und Poltern lebendig begrabener Jahre der Freude seine matte Seele überfiel – und als ein heller magischer Sonnenschein seine stube durchschnitt, und als dünne Wolkenschatten über den lichten Ausschnitt der Diele wegglitten und das kranke, stöhnende Herz mit tausend traurigen Ähnlichkeiten fragten: ist nicht alles so? entfliehen nicht deine Tage, wie Dünste durch einen kalten Himmel, über eine tote Erde und schwimmen hin in die Nacht: – – so musst' er sein schwellendes Herz mit der sanften Schneide der Tonkunst öffnen, damit die nächsten und grössten Tropfen des Schmerzens daraus flössen – er griff einen einzigen Dreiklang auf dem Klavier und griff ihn wieder und liess ihn verwogen – wie die Wölkchen flogen, starben die Töne aus, der Wohllaut schwang sich träger, zitterte nach und wurde starr, und die Stille stand da wie ein Grab – Im Horchen stockte sein Atmen und sein Herz, eine Ohnmacht griff nach seiner Seele – und nun, und nun warf in dieser schwärmerischen kranken Stunde der Strom des Herzens – so wie Überschwemmungen Begrabne aus Kirchen und Gräbern spülen – einen jungen Toten aus der Zukunft, aus der irdenen Decke unverschleiert heraus: sein Leib war es; er war gestorben. Er schaute zum Fenster hinaus ins tröstende Licht und Getümmel des Lebens; aber es rief doch in ihm fort: "Täusche dich nicht, ehe die Neujahrwünsche wiederkommen, bist du schon von dannen gezogen."
Wenn das schauernde Herz so entblättert ist und nackt da steht: so ist jedes Lüftchen ein kaltes. Wie warm und milde hätte Lenette seines berühren müssen, um es nicht zu erschrecken, wie Hellseherinnen Todesfrost in jeder Hand empfinden, die sie ausserhalb des magnetischen Kreises anrührt! –
Er setzte sich heute vor, in der