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, wie der Mantelfisch, mit seiner dunkeln erstickenden Hülle. Er drückte Lenettens nasses Schnupftuch hart an seine Augäpfel und vernahm nur dunkel: "Hin ist hin, tot ist tot." Da floss plötzlich sein ganzes Innere aufgelöset bei dem Gedanken auseinander, dass sein stockendes Herz ihm vielleicht kein neues Jahr mehr ausser dem morgendlichen zu erleben gönneund er dachte sich scheidend, und das kalte Tuch lag mit doppelten Tränen kühlend am heissen Angesichtund die Töne zählten wie Glocken alle Punkte der Zeit, und man vernahm das Vergehen der Zeitund er sah sich in der stillen Höhle schlafend, wie in der Schlangengrotte, und statt der Schlangen leckten nur die Würmer die heissen, scharfen Gifte des Lebens ab97.

Die Musik war vorüber. Er hörte Lenetten in der stube gehen und Licht anzünden. Er ging hinaus und reichte ihr das Schnupftuch hin. Aber sein innerer Mensch war so verblutet und zerdrückt, dass er irgendeinen äussern, wer es nur sei, umarmen wollte; er musste, wenn auch nicht seine jetzige, doch seine vorige, wenn auch nicht seine liebende, doch seine leidende Lenette an diese darbende Brust andrücken. Gleichwohl vermochte und verlangte er nicht ein Wort der Liebe zu sagen. Er legte langsam und ungebückt die arme um sie und schloss sie an sein Herz; aber sie warf den Kopf kalt und voreilig vor einem unangebotene Kusse zurück. – Das schmerzte ihn sehr, und er sagte: "bin ich denn glücklicher wie du?" – und legte sein gebücktes Angesicht auf ihr weggebogenes Haupt und presste sie wieder an sich und entliess sie dann – – Und als die vergebliche Umarmung vorüber war, rief sein ganzes Herz: "Hin ist hin, tot ist tot."

Die stumme stube, in der die Musik und die Worte aufgehöret hatten, glich einem unglücklichen dorf, aus dem der harte Feind alle Glocken mitgenommen, und worin es still ist den ganzen Tag und die ganze Nacht und stumm im Turm, als wäre die Zeit vorbei.

Als sich Firmian niederlegte, dachte' er: ein Schlaf beschliesset das alte Jahr wie ein letztes, und beginnt das neue wie ein Leben, und ich schlummere einer bangen, ungestalten, tiefbehangnen Zukunft entgegen. So schläft der Mensch an der Pforte der versperrten Träume ein, aber er weiss nicht voraus, obgleich seine Träume nur einige Minuten und Schritte von der Pforte abliegen, welche, wenn sie aufgeht, hinter ihr warten, ob ihn auflauernde, funkelnde Raubtiere oder sitzende, lächelnde, spielende Kinder in der kleinen sinnlosen Nacht umringen, und ob ihn der fest geformte Dunst erwürge oder umarme.

Zehntes Kapitel

Der einsame Neujahrtagder gelehrte Schalaster

hölzernes Bein der AppellationBriefpost in der

stubeder elfte Februar und Geburttag 1786

Ich kann wahrhaftig meinem Helden zu keinem Neuen Jahres-Morgen Glück wünschen, worin er die verquollenen Augen in den heissen Augenhöhlen schwer nach der Morgenröte dreht und sich mit dem ausgepressten, betäubten Gehirne wieder an das Kissen schmiegt. Einen Menschen, der selten weinet, fallen neben den moralischen Schmerzen allezeit solche körperliche an. Er blieb über die alte Stunde im Bette, um nachzudenken, was er getan habe, und was er tun müsse. Er erwachte viel kälter gegen Lenetten, als er eingeschlafen war. Wenn die gegenseitige Rührung zwei Menschen nicht verknüpft, wenn die Glut des Entusiasmus kein Bindmittel zwischen zwei Herzen wird: so mischen sie sich erkaltet und spröder noch minder zusammen. Es gibt einen misslichen Zustand der unvollendeten, halben Versöhnung, worin die steilrechte Zunge der Juwelierwaage im Glaskästchen vor dem leichtesten Lüftchen einer andern Zunge überschlägt: ach heute senkte sich schon bei Firmian die Waage ein wenig, und bei Lenetten ganz. Er bereitete sich aber doch und fürchtete sich zugleich, einen Neujahrwunsch zu geben und zu beantworten. Er ermannte sich und trat mit dem alten herzhaften Schritt, als wäre gar nichts geschehen, ins Zimmer. Sie hatte, um ihn nicht zu rufen, lieber die Kaffeekanne zu einem Kühlfass werden lassen und stand, mit dem rücken gegen ihn, an der herausgezognen Kommodeschublade und zerreteHerzen auseinander, um zu sehen, was hinter ihnen sei. Es waren nämlich gedruckte, in Verse gebrachte Neujahrwünsche, die sie aus der schönern Zeit in Augsburg von Freunden und Freundinnen herübergebracht hatte; der freundliche Wunsch wurde von einer Gruppe ausgeschnittener, in einer Spirallinie ineinander zurücklaufender Herzen bedeckt. Wie die Hl. Jungfrau mit wächsernen, so werden die andern Jungfrauen mit papiernen Assignatenherzen umhangen; denn bei diesen holden führt alle Glut und Freundschaft den Namen Herz, wie die Landkartenmacher den Umriss des heissen Afrika auch einem Herzen ähnlich finden. –

Firmian erriet leicht alle sehnsüchtige Seufzer, die in der Verarmten über so viele zertrümmerte Wünsche aufstiegen, und alle trübe Vergleichungen der jetzigen Zeit mit der lachenden, und was der Schmerz und die Vergangenheit einem weichen Herzen miteinander sagen: ach, wenn am Neujahrtag schon der glückliche seufzet, so muss ja wohl der Unglückliche weinen dürfen? Er sagte seinen guten Morgen sanft und wollte nach einer sanften Antwort seine Wünsche an die gedruckten schliessen. Aber Lenette, viel tiefer und öfter gestern verwundet als er, murrete ihm eine kalte, schnelle zurück. – – Nun konnte' er nichts wünschen; sie tat es auch nicht; und so unglücklich und so hart drängten sie sich miteinander durch die Pforte eines neuen Jahrs.

Ich muss sagen, er hatte sich schon vor acht Wochen auf diesen Morgen gefreuet, auf die süsse