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erfahren sollennun ist es vorbei." Sie antwortete nicht. Der Hornissenstachel, der eine dreifache Wunde sticht, oder der wie von einem rachsüchtigen Italiener in sie geworfne Dolch steckte noch in der Wunde fest, die daher nicht bluten konnte. Du arme! du hast dich um recht viel gebracht! – Aber Firmian bereute doch nichts; er, der mildeste, nachgiebigste Mann unter der Sonne, spreizte gegen jeden Zwang, zumal gegen einen auf Kosten seiner Ehre, das ganze weiche Gefieder brausend auf. Geschenke nahm er an, aber nur von seinem Leibgeber oder von andern in der wärmsten Stunde des Seelenvereins, und er und sein Freund waren darüber einstimmig, in der Freundschaft gelte nicht nur ein roter heller einem Goldstücke gleich, sondern auch ein Goldstück einem heller, und das grösste Geschenk müsste man so willig empfangen, als sei es das kleinste; daher rechnete er es unter die unerkannten Seligkeiten der Kinder, dass sie unbeschämt sich können beschenken lassen.

In geistiger Erstarrung setzte er sich in den Grossvaterstuhl und deckte die Hand auf die Augen undvon der Zukunft flog jetzt der Nebel auf und entblösste darin ein langes dürres Land voll Brandstätten, voll verdorrter Gebüsche und voll Tiergerippe im Sand. Er sah, die Kluft oder der Erdfall, der sein Herz von ihrem abreisse, werde immer weiter klaffen; er sah es so deutlich und so trostlos, seine alte schöne Liebe komme nie wieder, Lenette lege ihren Eigensinn, ihre Launen, ihre Gewohnheiten nie abdie engen Schranken ihres Herzens und Kopfes blieben immer festsie lern' ihn so wenig verstehen als liebgewinnenauf der andern Seite nehme nun ihre Abneigung gegen ihn mit dem Aussenbleiben seines Freundes zuund mit beiden die Liebe gegen diesen, dessen Reichtum, dessen Ernst und Religiosität und Zuneigung das schneidende Band der Ehe mit einem vielfachern und weichern Bindwerk entzweirissener sah trübe in lange schweigende Tage voll versteckter Seufzer, voll stummer feindlicher Anklagen hinaus.

Lenette arbeitete still in der kammer, denn das wundgerissene Herz floh Worte und Blicke als kalte grimmige Winde. Es war schon sehr finstersie brachte kein Licht. Auf einmal fing unten im haus eine wandernde Sängerin mit einer Harfe und ihr kleines Kind mit einer Flöte an zu spielen. Da war unserem Freunde, als wenn das von Blut geschwollene, gespannte Herz tausend Schnitte bekäme, um sanft zusammenzufallen. Wie Nachtigallen am liebsten vor einem Echo schlagen, so spricht unser Herz am lautesten vor Tönen. O als der gleichsam dreifach besaitete Ton ihm seine alten fast unkenntlichen Hoffnungen vorüberführteals er tief zu dem schon hoch vom Strom der Jahre überdeckten Arkadien hinuntersah und sich drunten mit seinen jungen frischen Wünschen erblickte, unter seinen lang verlornen Freunden, mit seinen freudigen Augen, die sich voll Zuversicht im Kreise umschaueten, und mit seinem wachsenden Herzen, das gleichsam seine Liebe und seine Treue für ein künftiges warmes sparte und nährteund als er jetzt in einen Misston hineinrief: "und ein solches hab' ich nicht gefunden, und alles ist hin" – und als die grausamen Töne wie eine dunkle kammer die regen beweglichen Bilder blühender Lenze, blumiger Länder und liebender Zirkel vorüberführten vor diesem einsamen, der nichts hatte, heute nicht eine Seele in diesem land, die ihn liebte: so fiel sein fest stehender Geist darnieder und legte sich auf die Erde, wie zergangen, zur Ruhe, und jetzt tat ihm nichts mehr wohl, als was ihn schmerzte. Plötzlich verschwand die Nachtwandlung des Getöns, und die Pause griff, wie eine stille Nachtleiche, härter ins Herz. In dieser melodischen Stille ging er in die kammer und sagte zu Lenetten: "Trag ihnen das wenige hinunter!" Aber die zwei letzten Worte konnte' er nur stotternd sagen, weil er im Widerschein, den das Zunderbrennen aus einem haus gegenüber gab, ihr ganzes glühendes Angesicht voll laufender, ungetrockneter Tränen sah; denn bei seinem Eintritte hatte sie sich im Abwischen der Fensterscheiben, die von ihrem warmen Atem angelaufen waren, begriffen gestellt. Sie liess das Geld auf dem Fenster. Er sagte noch sanfter: "Lenette, du musst es wohl gleich bringen; eh' sie gehen." Sie nahm es – – ihre verweinten Augen glitten im Umwenden vor seinen verweinten vorübersie ging, aber beide wurden darüber fast trocken, so geschieden waren ihre Seelen schon. Sie litten in jener schrecklichen Lage, wo nicht einmal die Stunde einer gegenseitigen Rührung mehr versöhnt und wärmt. Seine ganze Brust schwoll von quellender Liebe, aber ihrer gehörte seine nicht mehr anihn drückte in derselben Minute der Wunsch und das Unvermögen, sie zu lieben, die Einsicht ihrer Mängel und die Gewissheit ihrer Kälte. – Er setzte sich in den eingemauerten Fenstersitz und lehnte den Kopf auf und rührte zufällig ihr nachgebliebenes Schnupftuch an, das feucht und kalt von Tränen war. Die Gekränkte hatte sich nach dem langen Drucke eines ganzen Tages recht mit dieser milden Ergiessung erquickt, wie man nach starken Quetschwunden die Ader öffnen lässt. Bei dem Antasten des Tuchs lief es eiskalt über seinen rücken, wie ein Gewissenbiss; aber sogleich darauf brühendheiss, da er dachte, sie habe nur über den Verlust einer ganz andern person geweint als der seinen. Nun fing, aber ohne die Harfe, der Gesang und die Flöte wieder an, und beide walleten in einem langsamen lied ineinander, dessen Strophen immer schlossen: "Hin ist hin, tot ist tot." Ihn umfasste der Schmerz