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an, welche man zuerst stellt; die zuerst erzählte grundiert das Gemüt, und die zuletzt nachgemalte wird nur Nebenfigur und zum Schattenwurf. Firmian hätte schon auf der Gasse hinter Lenettens Versatz gelangen sollen, und erst oben hinter die Plauderei. So aber sass der Henker darin. "Wie – (das waren, wenn nicht seine Gedanken, doch seine Gefühle) wie, meinen Nebenbuhler macht sie zu ihrem Vertrauten und zu meinem Richterich bring' ihr eine versöhnte Seele wieder, und in diese macht sie einen neuen Rissund so ärgert sie mich noch den letzten Tag mit dem verhenkerten Geplauder?" Mit letztem meinten nämlich seine Gefühle etwas, was der Leser nicht versteht; denn ich hab' ihm noch nicht erzählt, dass Lenette die Unart hatte, übel erzogen zu sein, und dass sie daher gemeine Leute ihres Geschlechtes, z.B. die Buchbinderin, zu Einnehmern ihrer geheimen Gedanken und zu elektrischen Ausladern ihrer kleinen Gewitter machte; indes sie zugleich ihrem Mann verdachte, dass er Bediente, Mägde, Plebejer, zwar nicht in seine Mysterien einliess, aber doch in ihre eignen begleitete.

Stiefel las jetztnach der Sitte aller Leute ohne Welt, die alles lehren und nichts voraussetzenvon seinem Kanzelpult eine lange teologische Traurede über die Liebe christlicher Ehegatten ab und bestand zuletzt auf der Zurückberufung des Kattuns, gleichsam seines Neckers. Firmian wurde durch die Rede erbittert; und das bloss, weil seine Frau ohnehin dachte, er habe keine Religion oder nicht so viel davon wie Stiefel. "Es ist mir (sagt' er) aus der französischen geschichte erinnerlich, dass der erste Prinz vom Geblüt, Gaston, seinem Bruder einige unbedeutende Kriegunruhen gemacht, und dass er im Friedeninstrumente darauf in einem besonderen Artikel sich erboten, den Kardinal Richelieu zu lieben. Allerdings sollte dieser Artikel, dass Eheleute einander lieben wollen, einen ganzen geheimen Separatartikel in den Ehepakten ausmachen, da die Liebe zwar, wie Adam, anfangs ewig und unsterblich ist, aber nachher doch sterblich wird nach dem Schlangenbetrug. Was aber den Kattun anlangt, so wollen wir alle Gott danken, dass der Zankapfel aus dem haus geworfen ist." Stiefel, um der geliebten Lenette zu opfern und zu räuchern, drang auf den Rückmarsch des Rocks um so leichter, weil ihm Firmians bisherige sanfte Willfährigkeit zu kleinen Opfern und Diensten den Wahn seiner übermannenden Oberherrschaft in den Kopf gesetzet hatte. Der bewegte Ehemann sagte: "Wir wollen abbrechen." – "Nein", sagte Stiefel, "nachher! jetzt vor allen Dingen foder' ich, dass die Frau wieder zu ihrem Kleide komme." – "Hr. Rat, daraus wird nichts." – "Ich schiesse Ihnen (sagte Stiefel in heissester Erbosung über einen solchen frappierenden Ungehorsam) so viel Geld vor, als Sie, brauchen." Nun war es dem Advokaten noch weniger möglich, zurückzutreten: er schüttelte 80 mal. "Sie oder ich sind ganz bestürzt (sagte Stiefel); ich will Ihnen die Gründe noch einmal vorhalten." – "Sonst waren", versetzte Firmian, "die Advokaten so glücklich, Hauskapläne96 zu haben; es war aber keiner zu bekehrenund darum werden sie nicht mehr angepredigt."

Lenette weinte stärkerStiefel schrie deshalb stärkerer musste, in der ersten Verlegenheit über eine misslungene Erwartung, seine Foderung schroffer aufstellen, und der andre gegen sie stärker andringen. – Stiefel war ein Pedant, und niemand als so einer hat eine offnere, blindere Eitelkeit, gleichsam einen unaufhörlichen Wind, der aus allen 32 Ecken fortweht (denn ein Pedant kramt sogar den Körper aus). Stiefel musste, wie ein guter Schauspieldichter, seinen Charakter durchführen und sagen: "Entwederoder, Hr. Armenadvokat! Entweder das Trauerkleid kommt zurückoder ich bleibe wegaut, aut. Meine Besuche können zwar von keinem Belange sein; aber ich setz' auch einen geringen Preis darauf, bloss Ihrer Frau Gemahlin wegen." Firmian, doppelt erzürnterstlich über die herrschsüchtige Unhöflichkeit eines solchen eiteln Wechselfalles, und zweitens über den kleinen Marktpreis, wofür der Rat ihre Zusammenkünfte losschlugmusste sagen: "Nunmehr kann niemand mehr Ihren Entschluss bestimmen als Sie, aber nicht ichEs wird Ihnen sehr leicht, Hr. Rat, sich von uns zu trennen, und Sie könnten andersaber mir wird es schwer, und ich kann nicht anders." – Stiefel, dem so unvermutet und so nahe vor seiner Geliebten der wächserne Lorbeerkranz vom Kopf herabgeschmolzen wurde, konnte weiter nichts tun als scheiden; aber mit drei fressenden, scharfen Gefühlendass sein Ehrgeiz littseine Freundin weintesein Freund rebellierte und trotzte....

Und als der Schulrat seinen ewigen Abschied

nahm; stand in seiner Freundin Augen ein entsetzlicher Schmerz, den ich, ob ihn gleich die Hand der Vergangenheit bedeckt hat, noch starren sehe; und sie konnte den fliehenden Freund nicht die Treppe mit hinabbegleiten wie sonst, sondern ging mit dem überfüllten, brechenden Herzen allein in die unerleuchtete stube zurück.

Firmians Herz legte die Härte, obwohl nicht die

Kälte ab, da er seine verfolgte Frau in starrem, trocknem Gram über den Einsturz aller ihrer kleinen Plane und Freuden erblickte, und er tat ihr mit keinem einzigen Vorwurfe mehr weh: "Du siehst", sagt' er bloss, "ich bin nicht schuld, dass der Rat nicht mehr wiederkommter hätte freilich nichts