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Gebäudes unseres unterirdischen Daseins treten sieht. –

Ich bekomme jetzt vor meinen Schreibtisch die lange Hochzeittafel gestellt, bei welcher zu bedauern ist, dass kein Gemälde davon an den mit Herkulaneum untergesunknen Vasen stehtman hätt' es mit herausgescharrt und in den herkulanischen Zeichnungen matt kopieret – – und diese Nachzeichnung könnt' ich dann statt alles hersetzen. Wenige haben eine bessere Meinung von dem Vermögen meiner Feder als ich selber; aber ich sehe völlig, dass es meines und ihres übersteigt, nur zur Hälfte und schlecht in schwarzer Manier darzustellen, wie es den Gästen schmeckte (es waren fast so viele da als Stühle) – wie noch dazu kein einziger Schelm unter den ehrlichen Leuten sass (denn der Vormund des Bräutigams, der Heimlicher von Blaise, hatte sich entschuldigen und sagen lassen, er vomiere) – wie der Haus- oder Mieterr, ein lustiger, schwindsüchtiger Sachse, durch sein Pudern und Trinken nicht in die Welt hinein lebte, sondern aus ihr hinauswie man an die Gläser mit der Gabel und auf die Teller mit den Markknochen schlug, um jene zu füllen, um diese zu leerenwie im ganzen haus niemand, weder der Schuster, noch der Buchbinder, arbeitete, ausser unter dem Essen, und wie sogar die alte unter dem mausfarbnen Tore verhökende Sabel (Sabine) heute ihren Kramladen nicht erst mit dem Tore geschlossen, sondern vorherwie nicht bloss ein gang aufgetragen wurde, sondern ein zweiter, ein Doppelgänger. Wer freilich an grossen Tafeln gegessen und da gesehen hat, wie fünf Schüsseln, wenn zwei Gänge sind, sich nach Ranggesetzen stellen müssen: dem ist es nichts Unerhörtes oder Überprächtiges, dass Siebenkäsdie Perückenmacherin hatte alles gemachtbeim ersten Gange stellen liess 1. ins Zentrum den Suppen-Zuber oder Fleischbrüh

Weiher, worin man mit den Löffeln krebsen konn

te, wiewohl die Krebse, wie die Biber, in diesem

wasser nicht mehr hatten als Robespierre damals

im Konvent, nämlich nur den Schwanz – 2. in die erste Welt-Ecke einen schönen Rind-Torso

oder Fleischwürfel als Postament des ganzen Ess

Kunstwerks – 3. in die zweite ein Eingeschneizel, eine vollständige

Musterkarte der Fleischbanksüsslich traktiert – 4. in die dritte einen Behemot von Teich-Karpfen,

der den Propheten Jonas hätte verschlingen können,

der aber das Schicksal des Mannes selber teilte – 5. in die vierte das gebackne Hühnerbaus einer Paste

te, worein das Geflügel, wie das Volk in einen

Landtagsaal, seine besten Glieder abgeschickt

hatte. – – Ich kann mir und den Leserinnen das Vergnügen nicht versagen, nur ein schwaches Küchenstück vom zweiten Gange zu entwerfen.

1. In der Mitte stand, wie ein Gartenblumenkorb, eine Panse von Kapuzinersalat – 2. dann stellten sich die vier syllogistischen Figuren oder vier Fakultäten in ihre vier Winkel. – Im ersten Tafelwinkel sass als erste Figur und Fakultät ein Hase, der als Gegenfüssler eines Barfüssers noch seinen natürlichen Pelzstiefel in der Pfanne anbehalten und der, wie Leibgeber richtig anmerkte, aus dem feld als Widerspiel des Fussvolkes trotz den feindlichen Flinten mit gesunden Beinen in die Schüssel gekommen. – Die zweite syllogistische Figur wurde von einer Rindzunge gemacht, die schwarz war, nicht durch Disputieren, sondern durch Räuchern. – Die dritte, Krauskohl, aber ohne die Strünke, sonst die Speise der beiden vorigen Fakultäten, wurde jetzt als das Zugemüse derselben verspeist; so steigt in der Welt der eine und fällt der andere. – Die Schlussfigur bestand aus den drei Figuren des Brautpaars und eines etwanigen Täuflings, in Butter gebacken; diese drei verklärten Leiber, die wie die drei Männer unversehrt aus dem feurigen Ofen kamen und Rosinen statt der Seelen hatten, wurden von den Menschenfressern der Gesellschaft, wie Untertanen, mit Haut und Haar aufgefressen, einige Ärmchen des Infanten ausgenommen, der wie der Vogel Phönix noch früher personifiziert wurde, als er da war. – –

Das Gemälde greift mich an. Inzwischen musst' es koloriert sein, und es war über den Schmaus-Luxus nicht etwa dadurch wegzuwischen, dass ich ihn leicht mit einem kurfürstlich-sächsischen verglichen und erläutert hätte. Es ist wahr, Kurfürsten dieses Kreises brauchen viel (daher man sie sonst alljährlich wog), und es ist mir recht gut bewusst, dass zu Anfang des 16ten Säkulums ein sächsischer Rendant folgenden Artikel in sein Rechnungbuch eingetragen: "Heute ist unser gnädiger Kurfürst mit seinem Hofstaat zum Weine gewesen, wofür ich fünfzehn Gulden habe zahlen müssen. Das heiss' ich schlampampen." Aber was würde der sächsische Rendant geschrieben, wie würde er die hände vor Erstaunen in die Höhe gehoben haben, wenn er in meinem ersten Kapitel ersehen hätte, dass ein Armenadvokat noch drei Gulden sieben Groschen mehr vertan als sein Kurfürst!

Die Quellen der Lust sprangen, wie manche physische, die am Tage stocken, abends immer höher in der Brust der Gäste auf. Die zwei Advokaten sagten zwar der Gesellschaft, es sei, wie sie sich von Universitäten her erinnerten, das Recht eines Deutschen, sich voll zu trinken, gar sehr beschnitten durch Kaiser und Reich, und die Reichsabschiede von 1512, 1531, 1548 und 1577 gestatteten keine Trunkenheit; aber sie verhielten auch nicht, dass Kuhschnappel wie jeder Reichsstand das Recht besitze, Reichsgesetze, insofern es Privatgesetze sind, auf seinem eignen Gebiete zu verwerfen. – Bloss der Schulrat wusste etwas (zwanzigmal schüttelte er darüber innerlich den Kopf) gar nicht, wie er es zu nehmen habe, dass nämlich zwei