wir doch nicht lange mehr beisammenwohnen. Ich gönn' ihrs gern, dass meine arme vermodernd von ihr fallen, und dass ihr Freund sie in seine nimmt."
Er stieg auf das Blut- und Trauergerüste, auf dem sein Freund Heinrich seine Umarmungen geendigt hatte. Von dieser Höhe eilten seine Blicke, sooft sein Herz zu schwer wurde, dem Wege Leibgebers bis an die Berge nach; aber heute wurden sie feuchter so als sonst, weil er nicht den Frühling wiederzusehen hoffte. Diese Höhe war der Hügel, auf den der Kaiser Hadrian den Juden jährlich zweimal zu steigen erlaubte, damit sie hinüber nach den Trümmern der heiligen Stadt blicken und das beweinen könnten, was sie nicht betreten durften94. Die Sonne schloss das alte Jahr mit Schatten ab, und als nun abends die Sterne auftraten, die im Frühling sonst den Morgen schmükken: so brach das Schicksal die schönsten LianenZweige voll Blüte von seinem geist weg, und helles wasser quoll aus ihnen: "Ich erlebe und sehe nichts mehr vom künftigen Frühling", dachte' er, "als sein Blau, das an ihm, wie in der Schmelzmalerei, unter allen Farben zuerst fertig wird." Sein zur Liebe erzognes Herz ruhte ohnehin immer von Satiren, von trocknen Geschäften und zuweilen von der Kälte Lenettens an der ewigen, warmen und umfangenden Göttin aus, an der natur. Hier in das freie, entüllte, blühende All, unter den grossen Himmel, trug er gern seine Seufzer und seinen Kummer, und er machte in diesen Garten, wie sonst die Juden in kleine, alle seine Gräber. – Und wenn uns die Menschen verlassen und verwunden: so breitet ja auch immer der Himmel, die Erde und der kleine blühende Baum seine arme aus und nimmt den Verletzten darein auf, und die Blumen drücken sich an unsern wunden Busen an, und die Quellen mischen sich in unsere Tränen, und die Lüfte fliessen kühlend in unsere Seufzer – das Weltmeer von Betesda erschüttert und beseelet ein hoher Engel, und wir tauchen uns mit allen tausend Stichen in seine heissen Quellen ein und steigen zugeheilet und mit abgespannten Krämpfen aus dem Lebenwasser wieder heraus.
Firmian ging mit einem Herzen voll Versöhnung und mit Augen, die er im Dunkeln nicht mehr trocknete, langsam nach haus; er sagte sich jetzt alles, womit er seine Lenette entschuldigen konnte – er suchte sich auf ihre Seite zu ziehen durch den Gedanken, dass sie nicht, wie er, den Minervens-Helm, den Fallschirm und Fallhut des Denkens, Philosophierens und der Autorschaft gegen die Stösse und Steine des Lebens nehmen könne – er setzte sich noch einmal vor (er hatte' es sich schon 30 Male vorgesetzt), so verbindlich gegen sie zu sein, wie man es gegen eine Fremde ist95– ja er legte über sein Ich schon das Fliegennetz oder das Panzerhemd der Geduld, im Falle der grillierte Kattun wirklich unversetzt zu haus läge. – So machts der Mensch, so drücket er, um nur in den Mittagschlaf der Seelenruhe zu kommen, mit zwei Händen die Ohren zu – so wirft unsere Seele in der leidenschaft allezeit, wie Spiegel- oder Wasserflächen, den Sonnenschein der Wahrheit nur mit einem blitzenden Punkte zurück, indes die Fläche um die widerscheinenden Stellen sich nur desto tiefer einschattet.
Wie ging alles anders! Gravitätisch und mit einem Kirchenvisitation-Gesicht voll Inspektionpredigten trat ihm der Pelzstiefel entgegen; Lenette richtete ihre geschwollnen Augäpfel kaum gegen die Windseite seines Eintritts. Stiefel hielt das Mienen-Gestrick seines Gesichtes fest, damit es nicht vor Firmians freundlich aufgelöstem zerführe, und hob an: "Herr Armenadvokat, ich wollt' eigentlich das Geld für die Langische Rezension abtragen. Aber die Freundschaft heischet von mir etwas Wichtigeres: Sie zu ermahnen, dass Sie sich gegen Ihre arme Frau hier betragen wie ein wahrer Christ gegen eine Christin." "Oder noch besser", sagt' er; "aber wovon ist denn die Rede, Frau?" Sie schwieg verlegen. Sie hatte von dem Rat in dem Kattun-Prozess Rat und hülfe begehrt, weniger, um beides zu bekommen, als um den Prozess zu erzählen. Sie hatte nämlich, als sie der Rat im bittersten Gusse ihrer Augen überfallen, eben vorher den grillierten stachlichten Raupenbalg wirklich in Versatz gesandt, weil sie nach dem Ehrenschwure ihres Mannes vorauswusste – da sie sein Wortalten sowie seine Kälte gegen das Scheinen kannte, die gerade in der Not am grimmigsten wurde –, dass er ohne Bedenken das lächerliche Gehörn auf seinem kopf feiltragen werde durch den ganzen Ort. Sie hätte vielleicht vor dem Seelsorger geweint und geschwiegen, hätte sie ihren Willen und ihren Rock gehabt; da sie aber beides aufgeopfert hatte, so begehrte sie einen Ersatz, eine Rache. Sie hatte' ihm anfangs nur Beschwerden in unbenannten Zahlen vorgerechnet; als er aber weiter andrang, sprang ihr überfülltes Herz auf, und alle Leiden strömten heraus. Stiefel gab, zuwider den Rechtsregeln und manchen Universitäten, immer dem Kläger Recht, weil dieser eher – sprach: die meisten Menschen halten die Unparteilichkeit ihres Herzens für die Unparteilichkeit ihres Kopfes. Stiefel schwur, er wolle ihrem mann sagen, was zu sagen wäre, und der Kattun kehre noch heute zurück.
Dieser Beichtiger klingelte vor dem Armenadvokaten mit seinem Bind- und Löseschlüsselbund und erzählte dem Gatten die allgemeine beichte der Frau und dann den Versatz des Rocks. Wenn man von einer person zwei verschiedene Handlungen zu berichten hat, eine ärgerliche und eine willkommene: so kommt die Hauptwirkung darauf