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! – Nun so behalt deinen Kattun und dein Hungertuch. Aber des Henkers bin ichich gebe mein Ehrenwort –, wenn ich nicht das alte Hirschgeweih aus meines Vaters Nachlass noch heute wie ein gestrafter Wilddieb auf den Kopf stülpe und zum Verkaufe am lichten hellen Tag durch den ganzen Flecken trage, so lächerlich es allen Kuhschnapplern erscheinen mag, und ich will bloss sagen, du hast mir es aufgesetzt. Das tu' ich, zum Teufel!"

Knirschend ging er ans Fenster und sah ohne Augen auf die Gasse. Ein Dorfleichenbegängnis marschierte mit Stöcken unten vorbei. Die Leichenbahre war eine Achsel, und auf ihr wankte ein schiefer Kindersarg.

Dieser Anblick ist überhaupt schon rührend, wenn man über einen kleinen verborgnen Menschen nachsinnt, der aus dem Fötusschlummer in den Todesschlaf, aus dem Amnioshäutchen dieser Welt in das Bahrtuch, das Amnioshäutchen der andern, übergehtdessen Augen vor der glänzenden Erde zufallen, ohne die Eltern gesehen zu haben, die ihm mit feuchten nachblicken der geliebt wurde, ohne zu liebendessen kleine Zunge verweset ohne gesprochen, wie sein Angesicht, ohne je gelächelt zu haben auf unserem widersinnigen Rund. Diese abgeschnittnen Laubknospen der Erde werden schon irgendeinen Stamm finden, auf welchen sie das grosse Schicksal impft; diese Blumen, die wie einige sich schon in den Morgenstunden zum Schlafe zuschliessen, werden schon eine Morgensonne antreffen, die sie wieder öffnet. – Als Firmian dies kalte überhüllte Kind vorübergehen sahin dieser Stunde, wo er über das Trauerkleid, das ihn betrauern sollte, strittjetzt neben dem letzten Tropfen des abrinnenden Jahrs, wo ihm sein mit flüchtigen Ohnmachten vertrautes Herz die Vollendung eines neuen absprachjetzt unter so vielen Schmerzen: so hörte er gleichsam den Todesfluss überdeckt unter seinen Füssen murmeln, wie die Sineser den Boden ihrer Gärten mit brausenden Strömen unterhöhlen, und die dünne Eisrinde, die ihn hielt, schien bald mit ihm in die winterlichen Wellen hinabzubrechen. Er sagte unaussprechlich gerührt zu Lenetten: "Vielleicht hast du am Ende recht, dass du den Trauerrock behältst, und es ahnet dich mein Untergehen. Tu, was du magstich will mir den letzten Dezember nicht weiter verbittern, da ich nicht weiss, ob er nicht in einem andern Sinne für mich der letzte ist, und ob ich in einem Jahre dem armen Säugling nicht näher bin als dir. Ich geh' jetzt spazieren." –

Sie schwieg betroffen. Er entzog sich eilig einer endlichen Antwort. Seine Abwesenheit musste seine beste Oratorie sein. Alle Menschen sind besser als ihre Aufwallungenals ihre schlimmen nämlich, denn alle sind auch schlechter als ihre edlen –, und räumt man jenen eine Stunde zum Auseinanderfallen ein: so hat man etwas Bessers als seine Sache gewonnen, seinen Gegner. übrigens hinterliess er Lenetten noch ein starkes Nachdenken über sein Ehrenwort und über das Hirschgeweih.

Ich hab' es schon einmal geschrieben: dass der Winter nackt ohne den Lailach und das Westerhemd von Schnee auf der Erde lag, neben der trocknen dürren Mumie des vorigen Sommers. Firmian sah mit einem unbefriedigten Gefühl über die ausgekleideten Gefilde hinweg, über welche noch die Wiegendecke des Schnees und der Milchflor des Reifs geworfen werden musste, und an die Bäche hinunter, die noch gelähmt und sprachlos werden sollten. Helle, warme letzte Dezembertage weichen uns zu einer Schwermut auf, in der vier oder fünf bittere Tropfen mehr sind als in der Schwermut des Nachsommers; bis um 12 Uhr in der Nacht und bis zum 31ten des 12ten Monats macht uns das winterliche und nächtliche Bild des Vergehens enge, aber schon um I Uhr nach Mitternacht und am 1. Januar wehen lebendige Morgenwinde das Gewölke über die Seele hinüber, und wir schauen nach dem dunkeln, reinen Morgenblau, dem Aufsteigen des Morgen- und Frühlingsternes entgegen. An einem solchen Dezembertage beklemmt uns die falbe stockende Welt von starren blutlosen Gewächsen um uns und die unter sie niedergefallnen, mit Erde bedeckten Insektenkabinette und das Sparrwerk blosser, runzliger, verdorrter Bäumedie Dezembersonne, die am Mittag so tief hereinhängt als die Juniussonne abends, breitet, wie angezündeter Spiritus, einen gelben Totenschein über die welken, bleichen Auen aus, und überall schlafen und ziehen, wie an einem Abende der natur und des Jahrs, lange riesenhafte Schatten, gleichsam als nachgebliebene Trümmer und Aschenhaufen der ebenso langen Nächte. Hingegen der leuchtende Schnee überzieht nur, wie ein um einige Schuh hoher weisser Nebel, den blühenden Boden unter uns, der blaue Vorgrund des Frühlings, der reine dunkle Himmel, liegt über uns weit hinein, und die weisse Erde scheint uns ein weisser Mond zu sein, dessen blanke Eisfelder, sobald wir näher antreten, in dunkle wallende Blumenfelder zerfliessen.

Weh wurde dem traurigen Firmian auf der gelben Brandstätte der natur ums Herz. Die täglich wiederkommende Stockung seines Herz- und Pulsschlages schien ihm jenes Stillestehen und Verstummen des Gewitterstürmers in der Brust zu sein, das ein nahes Ausdonnern und Zerrinnen der Gewitterwolke des Lebens ansagt. Er schrieb das Stottern seines Uhrwerks einem zwischen die Räder gefallenen Pflock, einem Herzpolypen zu; und seinen Schwindel dem Anzuge des Schlagflusses. Heute war der 365te Akt des Jahrs, und sein Vorhang war im Niederfallen; was konnte' ihm dies anders zuführen als düstere Vergleichungen mit seinem eignen Epiloge, mit dem Wintersolstitium seines abgekürzten verschatteten Lebens? – Das weinende Bild seiner Lenette stellte sich jetzt vor seine vergebende, wegziehende Seele; und er dachte: "Sie hat wohl nicht recht; ich will ihr aber nachgeben, weil