nicht wie die Allg. deutsche Bibliotek und der Papst erst nach 100 Jahren heilig sprechen." – Wär' er nur imstande gewesen, sich noch eine Minute in der künstlichen Kälte zu erhalten: so hätte er Lenettens Aussummen erlebt. Aber er konnte nicht. "So soll doch", fuhr er auf und sprang mit Hinwerfen der Feder in die Höhe, "lieber der Teufel dich und mich holen und den Götterboten! – Ich weiss nicht", fuhr er gefasset und gelähmt fort und setzte sich entnervt, als wäre er mit lauter Schröpfköpfen umsetzt, nieder, "was ich übersetze, und schreibe' ich hin Stockflet oder Lang. Es ist dumm, dass ein Advokat nicht so taub93 sein soll wie ein Richter; als Tauber wär' ich torturfrei – weisst du, wieviel nach den Rechten zu einem Tumulte Leute gehören? – Entweder zehn oder du allein in deiner musikalischen Wasch-Akademie." Ihm war weniger darum zu tun, billig zu sein, als den spanischen Gastwirten zu gleichen, die den Gästen allezeit das Geschrei, das sie gemacht, mit in Rechnung setzen. Sie hatte ihren Willen gehabt, also war sie still in Worten und Werken.
Er vollendete vormittags das kritische Urteil und schickte es dem Vorsteher Stiefel; dieser schrieb zurück, abends händige er ihm selber die Sportuln dafür ein; denn er haschte jetzt jeden Anlass zu einem Besuche auf. Unter dem Essen sagte Firmian, in dessen Kopf der schwüle stinkende Nebel einer übeln Laune nicht fallen wollte: "Ich fass' es nicht, wie du so wenig Reinigkeit und Ordnung liebst. Es wäre doch besser, du übertriebest es in der Reinlichkeit als im Gegenteil. Die Leute sagen: es ist nur schade, dass ein so ordentlicher Mann, wie der Armenadvokat ist, eine so unordentliche Frau hat." Dieser Ironie setzte sie allemal, ob sie gleich wusste, sie sei eine, gute förmliche Wiederlegungen entgegen. Er brachte sie nie dahin, seinen Spass, anstatt zu widerlegen, ordentlich zu schmecken oder gar die menschliche Gesellschaft an seiner Seite auszulachen. So lässt eine Frau ihre Meinung, sobald sie auch der Mann annimmt, fahren; sogar in der Kirche singen die Weiber, um mit den Männern in nichts eintönig zu sein, das Lied um eine Oktave höher als diese.
Nachmittags rückte die grosse Stunde heran, worin der Ostrazismus oder die Land- und Hausverweisung des grillierten Kattuns endlich vorfallen sollte als die letzte, aber grösste Tat des Jahres 1785. Er hatte dieser Losung zum Zank, dieser feindlichen roten Timurs- und Muhammeds-Fahne, dieser Ziskas-Haut, die sie immer zusammenhetzte, jetzt recht von Herzen satt; er wollte lieber, der Kattun wär' ihm gestohlen, um nur von dem langweiligen, abgeschabten Gedanken an den Lumpen loszukommen. Er übereilte sich nicht, sondern unterstützte seine Petition mit aller Beredsamkeit, die ein Parlamentredner zu haus hat; er liess raten, welches der grösste Gefallen gegen ihn sei, womit sie das alte Jahr beschliessen könne – er sagte, es wohne neben ihm unter einem dach ein Erbfeind und Widerchrist, ein Lindwurm, ein vom bösen Feind in seinen Weizen geworfnes Unkraut, das sie ausreuten könne, wenn sie wolle. Er zog endlich mit helldunklem Jammer den grillierten Kattun aus der Schublade: "Das ist", sagt' er, "der Stossvogel, der mir nachsetzt, das Steckgarn, das mir der Teufel aufstellt, sein Schafkleid, mein Marterkittel, mein Casems-Pantoffel – Teuerste, tue mir nur das zu Gefallen und verpfänd es! – Antworte mir noch nicht", sagt' er, sanft die Hand auf ihre Lippen dekkend, " – überlege vorher, was doch eine dumme Gemeinde tat, deren einziger Hufschmied im dorf gehangen werden sollte. Sie schlug lieber einige unschuldige Schneidermeister für den Galgen vor, die eher zu entraten waren. Und du, als eine klügere person, solltest ja die blosse Näharbeit der Meister, da wir den Trauerkattun bei unsern Lebzeiten nicht brauchen, lieber hergeben als metallene Möbeln, aus denen wir täglich speisen! – Jetzt sage aber, was du denkst, Gute?" –
"Ich habe es schon lange gemerkt", versetzte sie, "dass du mich um meinen Trauerrock zu bringen suchst. Ich geb' ihn aber nicht her. Wenn ich nun zu dir sagte: versetz deine Uhr, Firmian! Es wär' ebenso." – Vielleicht gewöhnen sich die Männer darum an, gebieterisch ohne Gründe zu befehlen, weil diese wenig verfangen und sie gerade die Widerspenstigkeit, statt zu brechen, nur waffnen. – "Beim Henker!" sagt' er, "nun hab' ichs genug. Ich bin kein Trutahn und Auerochs, der sich ewig über den farbigen Lappen erbosen will. Es wird heute versetzt, so wahr ich Siebenkäs heisse." –
"Du heissest ja auch Leibgeber", sagte sie. "Es soll mich der Teufel holen, wenn der Kattun da bleibt", sagt' er. jetzt fing sie an zu weinen und über das bittere Geschick zu wimmern, das ihr nichts mehr lasse, auch ihren Anzug nicht einmal. Gedankenlose Tränen fallen oft so ins siedende männliche Herz wie andere Wassertropfen in geschmolzenes wallendes Kupfer: die flüssige Masse springt krachend auseinander. "Himmlischer, guter, sanfter Teufel", sagt' er, "fahr herein und brich mir den Hals! Gott erbarme sich über eine solche Frau