anwehe, die endlich, des Schwebens müde, einer beleibten Sitzstange von Körper zusinke, und die – es ist weiter kein anderer weiblicher bei der Hand – in Lenettens ihren mit angeschmiegten Schwingen niederfalle. So schien Lenette zu sein. Warum war sie aber heute so? – Gross war hierüber Stiefels Unwissenheit und Freude, klein beides in Firmian. Eh' ichs sage, will ich dich bedauern, armer Mann, und dich, arme Frau! Denn warum sollen denn immer den glatten Strom eueres (und unsers) Lebens entweder Schmerzen oder Sünden brechen, und warum soll er erst wie der Dnjepr-Strom nach dreizehn Wasserfällen im schwarzen Meer der Gruft einsinken? – Weswegen aber gerade heute Lenette ihr volles Herz für den Rat beinahe ohne das Klostergitter der Brust vorzeigte, das war, weil sie heute ihr – Elend fühlte, ihre Armut: Stiefel war voll gediegner Schätze, Firmian nur voll vererzter (d.h. Talente). Ich weiss es gewiss, sie hätte ihren Siebenkäs, den sie vor der Ehe so kalt liebte wie eine Gattin, in ihr so lieb gewonnen wie eine Braut, hätt' er etwas – zu brocken und zu beissen gehabt. Hundertmal bildet eine Braut sich ein, sie habe ihren Verlobten lieb, da doch erst in der Ehe aus diesem Scherze – aus guten metallischen und physiologischen Gründen – Ernst wird. Lenette wäre dem Advokaten in einer vollen stube und Küche – voll Einkünfte und zwölf Herkulischer Hausarbeiten treu genug geblieben, und hätte sich ein ganzes gelehrtes Kränzchen von Pelzstiefeln – denn sie hätte stündlich kalt gedacht und gesagt: "ich habe schon" – um sie herumgesetzt; aber so, in einer solchen leeren stube und Küche, wurden die Herzkammern einer Frau voll, mit einem Worte, es kommt nichts Gutes dabei heraus. Denn eine weibliche Seele ist natürlicherweise ein schönes, auf Zimmer, Tischplatten, Kleider, Präsentierteller und auf die ganze Wirtschaft aufgetragnes Freskogemälde, und mitin werden alle Risse und Sprünge der Wirtschaft zu ihren. Eine Frau hat viel Tugend, aber nicht viele Tugenden, sie bedarf einen engen Umkreis und eine bürgerliche Form, ohne deren Blumenstab diese reinen weissen Blumen in den Schmutz des Beetes kriechen. Ein Mann kann ein Weltbürger sein und, wenn er nichts mehr in seine arme zu nehmen hat, seine Brust an den ganzen Erdball drücken, ob er gleich nicht viel mehr davon umarmen kann, als ein Grabhügel beträgt; aber eine Weltbürgerin ist eine Riesin, die durch die Erde zieht, ohne etwas zu haben als Zuschauer, und ohne etwas zu sein als eine Rolle.
Ich hätte den ganzen Abend viel weitläufiger vormalen sollen, als ich tat; denn an diesem fingen die Räder des vis-à vis-Wagen der Ehe nach so vielen Reibungen an zu rauchen, und das Feuer der Eifersucht drohte sie zu ergreifen. Mit der Eifersucht ist es wie mit den Kinderpocken der Maria Teresia, welche die Fürstin unversehrt durch zwanzig Siechkobel voll Blatternpatienten durchliessen, bis sie ihr unter der ungarischen und deutschen Krone anflogen. Siebenkäs hatte die kuhschnappelische (vom Vogel) schon einige Wochen auf dem Kopf.
Seit diesem Abend kam Stiefel, der sich immer lieber in die immer höher steigende Sonne Lenettens setzte, immer öfter und sah sich für den Friedenrichter an, nicht für den Friedenstörer.
Es liegt mir nun ob, den letzten und wichtigsten Tag dieses Jahrs, den 31. Dezember, mit seinem ganzen Hinter- und Vorgrund und allem Beiwerk den Deutschen auf mein Papier recht ausführlich hinzumalen.
Schon vor dem 31. Dezember waren die hl. Weihnachttage da, die vergoldet werden mussten und die sein silbernes Zeitalter nach dem Königschusse vererzten und verholzten. Das Geld ging auf. Aber noch mehr: der arme Firmian hatte sich sowohl krank gekümmert als krank gelacht. Ein Mensch, der immer mit den Oberflügeln der Phantasie und mit den Unterflügeln der Laune über alle Prellgarne und Fanggruben des Lebens weggezogen ist, dieser schlägt, wenn er einmal an die reifen Spitzen der abgeblühten Disteln angespiesset wird, über deren Himmelblau und Honiggefässe er sonst geschwebet, blutig und hungrig und epileptisch um sich; ein Froher verfalbet unter dem ersten Sonnenstiche des Grams. Zum wachsenden Herzpolypen der Angst setze man noch seinen schriftstellerischen Taumel, weil er die Auswahl aus den Papieren des Teufels recht bald zu Ende haben wollte, um sein Leben und seinen Prozess vom Honorar zu führen. Er sass fast ganze Nächte und Sessel durch und ritt auf seiner satirischen Schnitzbank. Dadurch schrieb er sich ein Übel an den Hals, das der gegenwärtige Verfasser wahrscheinlich auf keine andre Art geholt als eben durch unmässige Freigebigkeit gegen die gelehrte Welt. Es befiel nämlich ihn, wie mich noch, eine schnelle Pause des Atemzugs und Herzschlags, darauf ein ödes Entfliegen alles Lebengeistes und dann ein stossender Aufschuss des Blutes in das Gehirn; und zwar am meisten vor seinem literarischen Spinn- und Spulrad91.
– Gleichwohl bietet uns beiden Autoren dafür kein Mensch einen heller Schmerzengeld an. Es scheint, dass Schriftsteller nicht lebendig, sondern abgeformt zu ihrer Nachwelt kommen sollen, wie man die zarten Forellen nur gesotten verschickt; man steckt uns nicht eher den Lorbeerreis, wie den wilden Sauen die Zitrone, in den Mund, als bis man uns gepürscht aufträgt. – Es würde mir und jedem Kollegen wohltun, wenn ein Leser, wenn wir dessen Herz und Herzohren bewegen, nur so viel sagte: "Diese süsse Bewegung des meinigen ging nicht ohne hypochondrisches Herzklopfen der ihrigen ab." Mancher Kopf