Handschuh mit Fingerklappen aufschmückt. Doch zog sie den Armstrumpf nicht so hoch empor, dass ihn Spaziergängerinnen auf der höher liegenden Kunststrasse sehen konnten. Aber unaufhörlich nickte sie ihre "untertänigsten Mägde und gehorsamsten Dienerinnen" zum offnen Fenster hinaus. Mehre der vornehmsten Ketzerinnen sah sie unten ihre eignen künstlichen Haubenbauten durch die Spaziergänge tragen, um Mariä Empfängnis feierlich zu begehen; und mehr als eine grüsste selber zuerst verbindlich zu ihrer Dachdeckerin herauf.
Nach der reichsmässigen Parität des Reichsmarktfleckens gingen an dem katolischen Feste auch Protestanten von Stand spazieren, und ich steige hier von dem Landschreiber Börstel über den Frühprediger Reuel bis zum Obersanitätrat Oelhafen hinauf.
Und doch war der Armenadvokat vielleicht so selig als selber seine Frau. Zugleich beschrieb er seine Teufels Papiere und besah nicht die Hohen, sondern die Höhen des Orts.
Schon bei dem Eintritte in das Honoratiorenzimmer empfing ihn eine dagebliebene vergessne lackierte, noch nicht abgeleckte Kindertrompete erfreuend, nicht so sehr durch ihren Quäk-Klang als durch ihren Farbengeruch, der ihn in diesem Christmonattage ordentlich in die dunklen Entzückungen des Christfestes zurück hauchte. Und so kam denn eine Freude zur andern. Er konnte von seinen Satiren aufstehen und Lenetten mit dem Schreibfinger die grossen Krähennester in den nackten Bäumen und die unbelaubten Bänkchen und Tischchen in den Gartenlauben und die unsichtbaren Gäste zeigen, die allda an Sommerabenden ihre Sitze der Seligen gehabt, und die sich der Sache noch heute erinnern und schon dem Wiederhinsetzen entgegensehen. Auch war es ihm ein Leichtes, Lenetten auf die Felder hinzuweisen, wo überall heute in so später Jahrzeit Salat von freiwilligen Gärtnerinnen für ihn geholt werde, nämlich Ackersalat oder Rapunzeln, die er abends essen konnte.
Nun sass er vollends an seinem Fenster noch den rötlichen Abendbergen gegenüber, auf welche die Sonne immer grösser zusank und hinter denen die Länder lagen, wo sein Leibgeber wandelte und das Leben abspielte. "Wie schön ist es, Frau", sagte er, "dass mich von Leibgeber keine breite platte Ebene mit blossen Hügel-Verkröpfungen scheidet, sondern eine tüchtige hohe Bergmauer, hinter der er mir wie hinter einem Sprachgitter steht." Ihr kam es freilich halb so vor, als freue ihr Mann sich der Scheidewand, da sie selber an Leibgeber wenig Behagen und an ihm nur den Kipper und Wipper ihres Mannes gefunden, der diesen noch eckiger zuschnitt, als er schon war; indes in solchen Dunkelfällen schwieg sie gern, um nicht zu fragen. Aber er hatte freilich umgekehrt gemeint, von geliebten Herzen sehe man sich am liebsten durch die heiligen Berge geschieden, weil wir nur hinter ihnen wie hinter höhern Gartenmauern das Blütendickicht unseres Edens suchen und schauen, hingegen am rand der längsten Tenne von Plattland nichts Höheres erwarten als eine umgekrümmte längere. Dies gilt sogar für Völker; die Lüneburger Heide oder die preussischen Marken werden sogar dem Italiener nicht den blick nach Welschland richten; aber der Märker wird in Italien die Apenninen anschauen und sich nach den deutschen Geliebten hinter ihnen sehnen.
Von der sonnigen Gebirgscheide zweier getrennten Geister floss freilich mitten unter dem satirischen arbeiten dem Armenadvokaten manches in die Augen, was aussah wie eine Träne; aber er rückte bloss ein wenig seitwärts, damit ihn Lenette nicht darüber befragte; denn er wusste und mied sein altes Auffahren über eine Frage, was ihm fehle, dass er weine. War er heute denn nicht die leibhafte Zärte lebendig und drückte vor der Frau das Komische nur durch die ernstaftesten Mitteltinten aus, weil er sich selber über den frischen Wachstum ihrer von ihm gesäeten Freude ergötzte? – Sie erriet zwar dieses weiche Schonen nicht; aber so wie er zufrieden war, wenn niemand als er wusste – sie aber nicht –, dass er die feinsten Ausfälle auf sie gemacht, so war er es auch bei den feinsten Verbindlichkeiten.
Endlich verliessen sie warm ausgefüllt die weite stube, als die Sonne sie ganz mit Purpurfarben überkleidet hatte; im Heraustreten aus dem Schiesshause zeigte er Lenetten noch den flüssigen Goldblick auf den langen Glasdächern zweier Gewächshäuser, und der schon vom Gebirge entzwei geteilten Sonne hing er sich selber an, um mit ihr zu dem Freunde in der Ferne niederzugehen. Ach wie liebt sichs in die Ferne, sei es die des Raums oder der Zukunft oder Vergangenheit, und sei es vollends in die Doppel-Ferne über der Erde! – Und so hätte an sich der Abend sehr trefflich schliessen können; aber etwas kam dazwischen. Es hatte nämlich ein oder der andere böse Geist von Verstand den Heimlicher Blaise genommen und ihn so unter den freien Himmel als Spaziergänger hinausgestellt, dass ihm der Advokat in der Schuss- und Grussweite gerade an einem Feste der Empfängnis nur schöner Seelen aufstossen musste. Als der Vormund ihn vollständig gegrüsst – obwohl mit einem Lächeln, das zum Glück nie auf einem Kinderangesichte erscheinen kann –, so antwortete Siebenkäs höflich, obwohl mit blossem Zerren und rücken des Hutes, ohne ihn jedoch abzuheben. Lenette suchte sogleich das Erniedrigen des Hutes einzubringen durch ihr eigenes verdoppeltes, hielt aber, sobald als sie sich umgesehen, dem Gatten eine kleine Gardinen- d.h. Gartenbretterwandpredigt, dass er den Vormund vorsätzlich immer heimtückischer mache. "Wahrlich, ich konnte nicht anders, Liebe", sagte er, "ich meint' es nicht böse, am wenigsten heute."
Der Umstand ist freilich der, dass Siebenkäs schon vor einiger Zeit seiner Frau geklagt, sein Hut leide als ein feiner Filz schon lange durch das unablässige Abziehen in dem kleinstädtischen Marktfleckchen, und dass er keinen anderen Hut-Schirm und Panzer sehe