der Einfahrt der vormundschaftlichen Registerschiffe war, ferner den Briefträger oder Lotsen, der sie in den Hafen wies, und den Hauswirt und einige andere recht gut unterrichtete Leute, die alle das Juramentum credulitatis (den Eid der Selberüberzeugung) schwören wollten – diese hatte der junge Giegold sämtlich verhört und dann dem Armenadvokat das Ganggebirge ihres Zeugenrotuls zugefertigt. Das Postporto dafür zu entrichten, war Siebenkäsen leicht, als er König wurde in der Vogelbeize.
Mit dem dicken Zeugenstock beantwortete und bestritt er seinen Vormund und Dieb.
Als die Blaisische Weigerung ankam: glaubte die furchtsame Lenette sich und den Prozess verloren; die dürre Dürftigkeit umfasste nun, in ihren Augen, sie beide mit einem Gestrick von Schmarotzerefeu, und sie hatte keine Aussicht, als zu verdorren und umzufallen. Ihr erstes war, über Meiern zu zanken; denn da er ihr selber neulich berichtet hatte, er habe seinem künftigen Schwiegervater die drei Fristgesuche abgenötigt, um sie zu schonen: so konnte sie die Blaisische Exzeptionhandlung für den ersten Dornenableger von Rosas rachsüchtiger Seele halten, weil er in Siebenkäsens wohnung erstlich Festungstrafe und Säkken, welches er alles halb Lenetten beimass, erduldet, und zweitens so viel verloren hatte. Er hatte bisher nur den Unwillen des Mannes, nicht der Frau vorausgesetzt; aber das Vogelschiessen hatte seine süsse Eitelkeit widerlegt und erbittert. Da indessen der Venner ihrem Zorne nicht zuhören konnte: so musste sie ihn gegen ihren Gatten kehren, dem sie alles schuldgab, weil er seinen Namen Leibgeber so sündlich verschenkt hatte. Wer geheiratet hat, der wird mir gern den Beweis – denn er schläft bei ihm – erlassen, dass es gar nichts half, womit sich der Gatte verantwortete und was er vorbrachte von Blaisens Bosheit, der als der grösste Ischariot und Kornjude im irdischen Jerusalem der Erde ihn gleichwohl, auch wenn er noch Leibgeber hiesse, ausgeraubt und tausend Holzwege des Rechtens zur Plünderung des Mündels würde ausgefunden haben. Es griff nicht ein. Endlich entfuhr es ihm: "Du bist so ungerecht, als ich sein würde, wenn ich deinem Betragen gegen den Venner im geringsten die Folge daraus, die Blaisische Schrift, aufbürden wollte." Nichts erbittert Weiber mehr als eine heruntersetzende Vergleichung: denn sie nehmen keine Unterscheidung an. Lenettens Ohren verlängerten sich, wie bei der Fama, zu lauter Zungen; der Mann wurde zugleich überschrieen und überhört.
Er musste heimlich zum Pelzstiefel abschicken und ihn befragen lassen, wo er so lange sitze, und warum er ihr Haus so vergesse. Aber Stiefel war nicht einmal in seinem eignen, sondern auf Spaziergängen an einem so prächtigen Tage.
"Lenette", sagte Siebenkäs plötzlich, der häufig lieber mit dem Springstabe eines Einfalls über ein Sumpfmeer setzte, als aus ihm mühsam watende lange Stelzen von Schlüssen zog, und der wohl auch die über Rosa herausgefahrene unschuldige, aber von Lenetten missverstandene Äusserung ganz aufheben wollte, "Lenette, höre du aber, was wir diesen Nachmittag machen! Einen starken Kaffee und Spaziergang; heute ist zwar kein Sonntag in der Stadt, aber doch in jedem Falle Mariä Empfängnis, die jeder Katolik in Kuhschnappel feiert; und das Wetter ist doch beim Himmel gar zu hold. Wir sitzen dann oben in der ungeheizten Honoratiorenstube im Schiesshaus, weils draussen zu warm ist, und schauen hinunter und sehen die sämtlichen Irrgläubigen der Stadt im grössten Putze auf- und abspazieren, und vielleicht unsern Luteraner Stiefel auch dazu."
Besonders müsst' ich mich täuschen, oder Lenette war sehr selig überrascht; denn Kaffee – das Taufwasser und der Altarwein der Weiber schon am Morgen – wird vollends nachmittags Liebetrank und Haderwasser zugleich, obwohl letztes nur gegen Abwesende; aber welches schöne treibende wasser auf alle Mühlräder der Ideen musste ein wirklicher Nachmittagkaffee an einem blossen Werkeltage für eine Frau wie die arme Lenette sein, welche ihn selten anders getrunken als nach einer Nachmittagpredigt, weil er schon vor der Kontinentalsperre zu teuer war.
Weiber in wahrhafter Freude brauchen wenig Zeit, ihren schwarzen Seidenhut aufzusetzen und ihren breiten Kirchenfächer zu nehmen und gegen alle ihre Gewohnheit sogleich reisefertig für den Schiesshausgang angezogen dazustehen, indes sie sogar unter dem Ankleiden noch den Kaffee gekocht, um ihn fertig samt der Milch in die Honoratiorenstube mitzunehmen.
Beide Eheleute rückten um zwei Uhr ausgeheitert aus und hatten alles Warme in der tasche, was später aufzuwärmen war.
Wie mit einem Abendglanze waren schon so früh am Tage alle westlichen und südlichen Berge von der gesenkten Dezembersonne übergossen und die im Himmel umhergelagerten Wolkengletscher warfen auf die ganze Gegend freudige Lichter und überall war ein schönes Glänzen der Welt, und manches dunkle enge Leben wurde gelichtet.
Schon von weitem zeigte Siebenkäs Lenetten die Vogelstange als den Alpenstock oder die Ruderstange, womit er neulich über die nächste Not hinweggekommen. Im Schützengebäude führte er sie in den Schiessstand – sein Konklave oder Frankfurter Römer der Krönung –, wo er sich zu einem Vogelkaiser hinauf geschossen und aus der Frankfurter Judengasse der Gläubiger heraus, indem er bei seiner Tronbesteigung wenigstens einen Schuldner losgelassen, sich selber. Oben in der weiten Honoratiorenstube konnten beide sich recht ausbreiten, er sich an einen Tisch zum Schreiben vor das rechte Fenster setzen, und sie sich an ein anderes zum Nähen ans linke.
Wie der Kaffee das Dezemberfest in beiden erwärmte, lässt sich nicht beschreiben, aber nachfühlen.
Lenette zog einen Strumpf des Advokaten nach dem andern an, nämlich an den linken Arm, weil der rechte die Stopfnadel führte, und sass mit dem unten oft offnen Strumpfe wenigstens einarmig einer jetzigen Dame ähnlich da, welche der lange dänische