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Blüte, wenn auch nicht das Laub, abfiel: so stand Lenettens ihre als eine ausgebreitete überständige Rose da, deren Schmuck ein Stoss auseinanderstreuet. Die ewigen Disputiersätze des Mannes ermüdeten endlich ihr Herz. Sie gehörte ferner unter die Weiber, deren schönste Blüten taub und unfruchtbar bleiben, wenn keine Kinder geniessend um sie schwärmen, wie die Blüte des Weins keine Trauben ansetzt, wenn nicht Bienen sie durchstreifen. Sie glich diesen Weibern auch darin, dass sie zur Spiralfeder einer Wirtschaft-Maschine, zur Schauspiel-Directrice eines grossen Haushaltdrama geboren war. Wie aber die Haupt- und Staatsaktionen und die Teaterkasse seiner Wirtschaft aussahen, das wissen wir leider alle von Hamburg bis Ofen. Kinder hatten beide, gleich Phönixen und Riesen, auch nicht, und beide Säulen standen abgesondert da, durch keine Fruchtschnüre aneinander gewunden. Firmian hatte schon in seiner Phantasie die scherzhaften Proberollen eines ernstaften Kindvaters und Gevatterbitters durchgemachtaber er kam nicht zum Auftreten.

Den meisten Abbruch tat ihm in Lenettens Herzen jede Unähnlichkeit mit dem Pelzstiefel. Der Rat hatte etwas so Langweiliges, so Bedächtliches, Ernstaftes, Zurückhaltendes, Aufgesteiftes, so Bauschendes, so Schwerfälliges wie diesedrei Zeilen; das gefiel unserer gebornen Haushälterin. Siebenkäs hingegen war den ganzen Tag ein Springhasesie sagte ihm oft: "Die Leute müssen denken, du bist nicht recht gescheut", und er versetzte: "Bin ichs denn?" – Er verhing sein schönes Herz mit der grotesken komischen Larve und verbarg seine Höhe auf dem niedergetretenen Sokkusund machte das kurze Spiel seines Lebens zu einem Mokierspiel und komischen Heldengedicht. Grotesken Handlungen lief er aus höhern Gründen als aus eiteln nach. Es kitzelte ihn erstlich das Gefühl einer von allen Verhältnissen entfesselten freien Seeleund zweitens das satirische, dass er die menschliche Torheit mehr travestiere als nachahme; er hatte unter dem Handeln das doppelte Bewusstsein des komischen Schauspielers und des Zuschauers. Ein handelnder Humorist ist bloss ein satirischer Improvisatore. Dies begreift jeder Leserund keine Leserin. Ich wollte oft einer Frau, die den weissen Sonnenstrahl der Weisheit hinter dem Prisma des Humors zersplittert, gefleckt und gefärbt erblickte, ein bunt geschliffenes Glas in die hände geben, das diese scheckige bunte Reihe wieder weiss brenntes war aber nichts. Das feine weibliche Gefühl des Schicklichen ritzet und schindet sich gleichsam an allem Eckigen und Ungeglätteten; diese an bürgerliche Verhältnisse angestängelte Seelen fassen keine, die sich den Verhältnissen entgegenstellen. Daher gibts in den Erblanden der Weiberan den Höfen und in ihrem Reiche der Schatten, in Frankreich, selten Humoristen, weder von Leder, noch von der Feder.

Lenette musste sich über ihren pfeifenden, singenden, tanzenden Gemahl ereifern, der nicht einmal vor Klienten eine Amtmiene zog, der leiderman erzählt' es ihr für gewissoft auf dem Rabenstein im Kreise herumging, von dessen Verstand recht gescheute Leute bedenklich sprachen, dem man, klagte sie, nichts anmerkte, dass er in einer Reichsstadt sei, und der sich nur vor einer einzigen person in der Welt schämte und scheuetevor sich. Kamen nicht oft Kammerjungfern mit Hemden, die zu nähen waren, aus den vornehmsten Häusern in seines und sahen ihn mir nichts dir nichts an seinem ein- und ausgespielten Klaviere stehen, das noch alle Tasten und fast ebenso viele saiten als Tasten hatte? Und hatte' er nicht eine Elle im Maule, auf deren herabgelassener Fallbrücke die Töne vom Sangboden zu ihm hinauf, zwischen das Fallgatter der Zähne hindurch und endlich durch die Eustachische Röhre über das Trommelfell hinweg bis zur Seele einstiegen? Die Elle zwischen seinen Zähnen hatte' er darum als einen Storchschnabel an seinem, um mit dem Schnabel das unaufhörliche Pianissimo seines Klaviers oben in einem Fortissimo hinaufzubringen. – Indes ist wahr, dass der Humor im Widerschein der Erzählung weichere Farben annimmt als in der grellen Wirklichkeit.

Der Boden, worauf die zwei guten Menschen standen, ging unter so vielen Erschütterungen in zwei immer entferntere Inseln auseinander; die Zeit führte wieder einen Erdstoss herbei.

Der Heimlicher erschien nämlich mit seiner Exzeptionhandlung, worin er weiter nichts verlangte als Recht und Billigkeit, nämlich die Erbschaft; es müsste und könnte denn Siebenkäs erweisen, dass erer sei, nämlich der Mündel, dessen Väterliches der Heimlicher bisher in seinen väterlichen Händen und Beuteln gehalten. Dieser juristische Höllenfluss versetzte unserem Firmiander über die vorigen drei Fristgesuche so leicht weggesprungen war wie der gekrönte Löwe im gotischen Wappen über drei Flüsseden Atem und trat ihm eiskalt bis ans Herz. Die Wunden, die die Maschinen des Schicksals in uns schneiden, fallen bald zu; aber eine, die uns das rostige stumpfe Marterinstrument eines ungerechten Menschen reisset, fängt zu eitern an und schliesset sich spät. Dieser Schnitt in entblösste, von so vielen rauhen Griffen und scharfen Zungen abgeschälte Nerven brannte unsern Liebling sehr; und doch hatte' er den Schnitt gewiss vorher gesehen und seiner Seele "gareKopf weg!" zugerufen. Aber ach! in jedem Schmerz ist etwas Neues. Er hatte sogar schon juristische Vorkehrungen voraus getroffen. Er hatte sich nämlich schon vor einigen Wochen aus Leipzig, wo er studiert hatte, den Beweis kommen lassen, dass er sonst Leibgeber geheissen und mitin Blaisens Mündel sei. Ein dasiger, noch nicht immatrikulierter Notarius, Namens Giegold, sein alter Stubenbursch und literarischer Waffenbruder, hatte ihm den Gefallen erwiesen, alle die Personen, die um seine Leibgeberschaft wusstenbesonders einen rostigen, madigen Magister legens, der oft bei