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– – – Seit Herr Rektor Fälbel jenes geschrieben, hat der gelehrte und rechtschaffene Mann, von dem ich mit ihm sprach, den Anfang zu seinem Werke geliefert; aber ich wünschte, er möchte seine mit einer so fleissigen, wahrheitsliebenden, kenntnisreichen und uneigennützigen Pünktlichkeit entworfene Ichnographie des erhabnen natur-Festungswerkes, die einen wichtigern Beifall als meinen verdient, endlich ganz unter die Augen des Publikums bringen, damit ihn wenigstens der Unterschied zwischen dem Publikum und einer Stadt aufmunterte, wo man dem eignen individuellen Wohl nicht mehr schaden kann als durch (besonders pädagogische) Verdienste ums allgemeine... Ich könnte ebensogut jede andere deutsche Stadt dafür setzen; denn nur vom Verdienste wird das Verdienst erkannt, und es gehöret oft mehr Patriotismus dazu, Verdienste zu belohnen, als sie zu haben. – "Was mich ferner vom Fichtelberg herabgezogen hielt, war, dass unser metallenes Schwungräder-Werk zu stocken anfing, das Geld; um aber Fersen-Geld zu geben, muss man vorher HandGeld haben, wie alle Regimenter wissen. Ja wir konnten nicht nur nicht vorwärts, sondern auch nicht einmal rückwärts. Und als ich dem Wirte fruchtlos meinen Handschlag als ein Faustpfand und mein Ehrenwort als ein Expektanzdekret ehrlicher Bezahlung offerieret hatte: musst' ich nur froh sein, dass er meine Tochter als eine Pfandschaft und ein Grundstück zum Versatz annahm und behielt, und ich hatte das Glück, den Ägyptern (den heutigen Kopten) zu ähnlichen, bei denen einer gegen Verpfändung seiner einbalsamierten Blutsverwandten schöne Privatanleihen machen konnte. Ich fuhr daher auf dem leeren Kabriolett, so schnell als meine Klasse und mein Pferd laufen konnten, nach haus und konnte sowohl der Eile als des Rasselns wegen nicht so viel dozieren, als man wünschen mochte. Hier hatte der Herr Pflegevater des Monsieur Fechsers die ungemeine Güte, mir für eine schwache Beschreibung unserer mühsamen und lehrreichen Klassen-Reise einen Platz in seinen herrlichen Werken auszuleeren und einzuräumen und mir den Ehrensold dafür schon vor der Messe vorzuschiessen, damit ich mit dem Gratial meine versetzte Tochter beim Tiersheimer Wirte auslösete. Curate ut valeatis!" –

5. Postskript

Wahrhaftig ich wollte mich anfänglich, so nahe an der Schlussvignette und dem Retraiteschuss des buches, noch mit den Lesern überwerfen: man wird durch hundert Dinge aufgebracht, wovon ich nur zwei nenne. Erstlich dadurch, dass sie alle Bücher wie die Gebetbücher nur in der Not ergreifen, wie der Gastof in Dover eine schöne Bibliotek bloss für Leute dotiert, die darin so lange lesen, als ungünstiger Wind bläset. Zweitens dadurch, dass sie schlecht lachen: ich weiss, der Nordpol verderbt den meisten Spass51, und die physische Kälte schadet dem lachen so viel, als ihm die moralische nützt. Aber mich kränkt hier etwas im Namen des deutschen Reichs. Ich weiss besser als ein andrer, welches reiche Warenlager von schönen Materialien zum Lächerlichen dieses Reich ohne sein Wissen aufbehält und welche Frachten von diesem satirischen Stoff ganz roh gegen alle Staatswirtschaft ins Ausland gehen, das uns nachher unsre eigne rohen Produkte, in Satiren verarbeitet, für Sündengeld wieder verkaufet. Könnten wir denn nicht diese Satiren auf uns hier in Deutschland selber verfertigen, um doch den Schlagschatz einzustecken? – Aber satirische Münzmeister werden schlecht aufgemuntert: wie die Fabriken auf die Gefässe von Semilor ein "s" einzeichnen müssen, um dasselbe vom wahren Golde zu unterscheiden: so muss ein solcher Münzer den Anfangsbuchstaben der Satire (auch ein, "s") überall einhauen, weil das Publikum alles in der Welt eher versteht (sogar seinen Kant) als Spass, und dieses buchstäbliche Signieren (damit das Publikum nicht aus Spass Ernst mache) verdirbt jedes Subjekt, es sei Schafwolle, oder Satire, oder eine Menschenstirne. – – Darüber würde ich mit dem Ensoph der Lesewelt, dessen Hirnschale wie (nach dem R. Ismael im Talmud) die des rabbinischen Gottes dreissigtausend Meilen lang und breit ist, da die Beinchen der Schale wieder ganze Köpfe sind, darüber würde' ich, sag' ich, mit diesem mystischen Riesen-Körper hier im Postskript unerschrocken angebunden haben, hätt' es meine Weichheit erlaubt...

Diese verbot es: hier unter der Schwelle, indem die Abendglocke meines Buches läutet, würde' es mir wie eine zersplitternde Bleikugel im Herzen sitzen bleiben, wenn ich etwas anders etwa: leset wohl! – zu den Lesern sagte als: lebet wohl! – Beim Himmel! ich mag nicht: schon ein Mensch, der mit Sack und Pack aus einer Stadt in die andere zieht, machet fast mit allen Gassen Friede, eh' er in den Postwagen steigt; und drinnen denkt er noch dazu, indem er die öffentlichen Zisternen und ihre Danaiden ansieht: hätt' ichs eher bedacht, ich wäre geblieben.

Lebt also wohl! – Vergebet mir, wenn ich, da an den Wagen meiner Psyche so verschiedene Pferde angeschirret sind, Engländer, Polacken, Rosinanten, sogar Steckenpferde, wenn ich im Bündel so vieler Zügel für einen ganzen Marstall zuweilen fehlgreife oder ermatte. – kommt recht fröhlich wieder vor mein künftiges Titelblatt! – Ertragt Bücher, Menschen und euch! – Und da der Stachel des lang vergangnen Unglücks noch in der Erinnerung sticht, wie der ausgerissene Stachel einer zerquetschten Wespe: so behaltet nichts im Gedächtnis alsAutoren! – Und übrigens wünsch' ich euch einen kalten, aber blauen Morgen des Lebens, worin keine Blume zugeschlossen bleibtgegen zehn Uhr hin eine Wolke voll warmer Regentropfenin der Mittagshitze