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technischen Kornuten, bei Erhebungen aus dem Pagenstandim Schwange gewesen und noch sind.

Inzwischen mag die gelehrte Welt es diesem ZerFleischer (nicht mir) beimessen, wenn ich nachheraus natürlichem Scheu vor ähnlichen MisshandlungenBedenken trug, von Haus zu Haus zu gehen und zum Vorteil der Landeshistorie (der wichtigsten Resultate zu geschweigen, die daraus zu ziehen wären) die Speichen der Weifen und Wagenräder und die Zacken der Querl zu zählen, ferner die Zylinder der Dreschflegel und der Sonntagsstöcke stereometrisch zu bestimmenman könnte dadurch freilich hinter die Kräfte derer, die sie bewegen, kommenund die Gabelweite der Stiefelknechte durch die Longimetrie und die Untiefe der Esslöffel und Suppenschüsseln mit Visierstäben auszu forschen, um aus der erstern auf die Grösse der Füsse, aus der letzteren auf die Grösse der Mägen die leichtesten Schlüsse zu ziehen. Ohne die Schläge würde' ich mich, ich gesteh' es, ganz gewiss dieser Mühe unterzogen haben; aber Behandlungen der vorigen Art und kleinere, wie die folgende, frischen wahrlich einen Gelehrten schlecht zur Landesgeschichte an. Ich teilte dem Wirte, als ich auf den Flachsrocken seiner Tochter hinsah, den guten Rat mit, von der Achse des Spinnrades ein dem Wegmesser ähnliches Rad treiben zu lassen, das die Umwälzungen des grossen Rades richtig auf einer Scheibe summierte. 'Er kann', setzt' ich hinzu, 'leicht wissen, wenn Er wieder nach haus kommt, wie viel seine Tochter gesponnen und ob sie nicht gefaulenzet hat.' Darauf lachte mir das junge Ding ins Gesicht und sagte: 'Gimpel! das sieht ja der Vater schon am Garne.' Aber Gelehrten leg' ich obiges Projekt zum Beurteilen vor. Überhaupt schränkte der Faustschlag des Fleischers meinen Eifer für die Wissenschaften sehr ein. Ich hatte aus wichtigen Gründen vor, den inhaftierten Postdieb Mergental zu besuchen; aber ich versagt' es mir. Ich mache nämlich nach meinen Kräften schon seit einigen Jahren ein ganz verwachsenes Feld der Landesgeschichte urbar: die Gerichtsplätze und Rabensteine; ich meine, ich werfe auf die Landesspitzbuben und Landesmörder die nötigsten historischen Blicke und liefere aus dem peinlichen Potosi von Kriminalakten und Diebslisten einen und den andern Ausbeutetaler, weil ich mich überhaupt überrede, jeder Schulmann müsse sich schämen, der nichts über sein Land oder seine Stadt herausgibt. Sollte nicht jede Schuldienerschaft sich in die Äste der SpezialGeschichte teilen? Könnte nicht der Rektor die Spitzbuben bearbeiten und liefern, die Dekollierten, die Gehenkten? Könnte nicht jeder Unterlehrer seine besondere Landplage nehmen? Der Konrektor die Pestilenzen oder blossen Epidemiender Tertius die Viehseuchender Kantor die Wassers – – der Quartus die Hungersnötender Quintus die Feuersbrünste?

Mir also, als Malefikanten-Plutarch, würde' es sehr wohl angestanden haben, ein historisches Subjekt, noch eh' es gehenkt wird, zu besichtigen; ich stellte aber denen, die mir es rieten, vor, ich führte in den peinlichen Memoires, die ich unter der Feder hätte, die geschichte eines armen Höfer Schullehrers auf, den ein Dieb, dem er einmal ein Almosen scheltend gereicht, in Leipzig als seinen Komplizen fälschlicherweise angegeben, worauf der ehrliche Schulmann abgeholt, in Leipzig torquiert und mit Not dem Sprenkel des Galgens entrissen worden. Das könnte nun mehrerern rechtschaffenen Leuten begegnenes könnte mich z.B. der Delinquent Mergental, wenn ich ihn besuchte und ihn entweder durch mein Trinkund Saufgeld oder durch mein Gesicht aufbrächte, aus Bosheit denunzieren und aussagen, ich hätte gestohlen mit ihm. Wer haftete mir für das Gegenteil, und wer nähme sich eines unschuldigen Rektors an, wenn ihn ein solcher Post und Ehrenräuber auf die Folter und Galgenleiter versetzet hätte? –

Nachmittags kam endlich der sehnlich erlauerte Herr Pflegevater des Monsieur Fechsers vom Fichtelberge herab und konnte mir sagen, ob ich hinauf könnte, Wetters halber. Er hielt anfangs an sich, und dieser gelehrte Herr äusserte sich zuletzt (viel zu bescheiden) nur dahin: 'er sei wider Willen ein (Wetter-) Prophet in seinem vaterland: er könne weissagen, aber mehr auf ganze Quatember voraus als auf den nächsten Tag, so wie die vier grossen Propheten leichter eine fremde, erst in Jahrhunderten einfallende Hinrichtung erblickten als ihre eigne, die sich noch bei ihren Lebzeiten begab, oder so wie (eigne Ausdrücke dieses Gelehrten) der Mensch richtiger den Weg der Vorsehung auf Jahrtausende als auf Jahrzehente voraussagt. Überdies; da wir (nach Kant) der natur die gesetz geben: so sei ihm wie dem Moralisten mehr daran gelegen, zu bestimmen, wie das Wetter (nach den einfachsten Prinzipien) sein sollte, als wie es wirklich sei, und er habe wohl nicht die Schuld, wenn es die besten Regeln übertrete, die er feststelle.' – Indessen verhielt mir es dieser meteorologische Augur doch nicht, dass es jetzt sich aufhelle. Auch trafs bis auf die kleinste Wolke ein: es will etwas sagen.

Inzwischen kam mir es nicht zustatten: der Herr Pflegevater des Monsieur Fechser eröffnete mir, dass ein anderer Gelehrter, Herr Konrektor Helfrecht aus Hof, das Fichtelgebirge, das ich bereisen und beschreiben wollen, schon völlig wörtlich abgeschildert und in Kupfer gestochen habe. Da nun niemand weniger als ich irgendeinem Menschen ein Rad aus seinem Triumphwagen aushebt: so war ich auf der Stelle bereit, auf den Fichtelberg, den ich nun doch nicht mehr beschreiben kann, keinen Fuss zu setzen; vielleicht sticht mir das Schicksal irgendeinen andern Berg zum Postament und Pindus meiner Feder aus."