Regen war, erachtete ich es für nötig, aufzubrechen und dem Herrn Pflegevater des Mr. Fechsers bis nach Tiersheim, wo er eintreffen musste, entgegenzureisen, um es lieber einen Tag früher als später zu erfahren, was er vom Wetter halte. Auch wollt' ich da noch ausserdem einen allda gehenkten Posträuber in Augenschein nehmen, weil ich einige Moralen aus ihm für die Meinigen ziehen wollte. Aber wir taten uns vor Tiersheim vergeblich nach einem Galgen um: der Spitzbube sass noch und hing noch an nichts als an Ketten.
Hier mussten wir nun zu meinem grössten Schaden fünfzehn volle Tage mit Hunden und Pferden liegen bleiben und kostbar zehren, im fruchtlosen Lauern auf dürres Wetter und auf den Herrn Pflegevater des Mr. Fechsers. Und doch soll ich, gleichsam zum Danke für meine Einbusse, hier vor dem Publikum die Handlungsbücher dessen, was ich da mit meiner Klasse getrieben, aufschlagen und extrahieren, weil einige (zu meiner grössten Befremdung) sich, wie ich höre, darüber aufgehalten haben, dass ich für jene fünfzehn Tage, die in meine Hundsferien einfielen und in denen ich doch dozieren musste wie in der Klasse, mich durch eine fünfzehntägige Erweiterung der Kanikularferien meines Schadens hab' erholen müssen: solche Zungen-Kritikaster sollen hier beschämt werden durch den fünfzehntägigen Lektionskatalog eines Mannes, dem man gern die Hälfte seines Hundstags-Sabbats verkürzte.
Am ersten Hundstag musste die Klasse schriftlichen Rapport von den Personalien und Realien unserer Reise erstatten. – Am zweiten korrigiert' ich den Rapport – setzte die Korrektur am dritten fort – und schloss die Zensur am vierten.
Den fünften liess ich an einer Tiersheimer Flora arbeiten, den sechsten an einer dergleichen Fauna. Der siebente Tag ist überall frei und des Herrn Ruhetag. Den achten wurde der Plan, gleichsam die DidosKühhaut, zu einem neuen Idiotikon der Sechsämter auseinandergebreitet, und der geringste Bauer wurde durch die Lieferung eines einzigen Provinzialismus zum Mitarbeiter daran angenommen. – Ein solcher Idiot hilft sich nur durch einen Idiotismus, den er Gelehrten zinset, wieder ein wenig aus seiner Verächtlichkeit auf. Da ich vor der ganzen Gemeinde unsern verreckten Wachtelhund ungescheuet anfasste, hinaustrug und einscharrte – wie Prosektores geköpfte Kadaver handhaben –, so nahm ich das allgemeine Erstarren über meine Kühnheit wahr und zugleich die allgemeine Verblendung; ein solcher Abstand aber zwischen dem Vorurteil und der Aufklärung macht es oft einem Gelehrten, der ihn fühlet, sauerer, als man denkt, bescheiden zu sein.
Den neunten setzt' ich bloss aus Liebe zum Gymnasium mein Leben aufs Spiel oder auf den Spielteller. Der Mond setzte nachmittags, als er im Nadir stand, den Güssen einen kleinen Damm, und ich zog daher eilends mit meinem peripatetischen Auditorium, armieret mit geometrischem Heergeräte, aus Tiersheim hinaus, des Vorhabens, Felder zu messen. Draussen war nun noch auf keinem geschnitten; und Boshafte sahen mir überhaupt mit einer so langen anfeindenden Aufmerksamkeit nach – welches mich auf Platos Diktum brachte, gegen einen Rechtschaffenen verschwüre sich am Ende die ganze Welt –, dass ich es nicht probieren wollte, einen Pfahl einzustecken. Zum Glück lagen zwei Fleischersknechte unter entfernten Bäumen auf Rainen im Schlafe. Ich sagte zu meinen Geometern (und zeigte auf die Metzger): 'Wir wollen leise die Weite zweier Örter oder Schlucker messen, zu deren keinem man kommen kann.' Wir nahmen auf dem Gemeindeanger alles in der grössten Sonnenferne von den zwei Schliffeln vor (man verzeihe: denn indignatio facit versus). Von fernen und still bohrt' ich selber den Messstab ein und setzte die Mensul in den zweiten Standort. Ich visierte nach dem Stabe und nach dem schlafenden groben Bloch A und nach dem andern Bloch B, liess den Abstand zwischen dem Stabe und Tische messen und verjüngte ihn richtig auf letzterem. Kurz (denn Nichtfeldmessern würde' ich doch nicht fasslich) wir kamen Wolfen, Kästnern und allen grossen Messern pünktlich nach; und hatten endlich wirklich den zwei schnarchenden Grobianen A und B die Ehre angetan, die Schuss- und Brennweite zwischen ihnen akkurat (war nicht Kästner unser Flügelmann?) herauszumessen. Unglücklicherweise wollt' ich meinen Zöglingen die sinnliche Proba über das Exempel vormachen und befahl Monsieur Fechsern, mit der Messschnur zum Fleischer A zu schleichen, indess ich mich mit dem Ende der Schnur zum Fleischer B hinaufmachte. Mein Fechser mochte (der Mensch kann nichts dafür) etwa, indem er sich mit der Schnur an den groben Knopf und Kopf A niederkauerte, mit dem Degen dessen Nase leicht überfahren: kurz der Kerl fuhr wie ein Flintenschuss auf und schrie, da er mich über seinen Schlafgesellen mit der Messschnur hereingeneiget erblickte, die ich an sein Gesicht applizieren wollte, seinem Räubergenossen zu: 'Michel! es verschnürt dir einer den Hals!' – Urplötzlich erwacht der Wüterich B – schnellet den Faust-Fallbock gegen mein zu tief hereinsehendes Angesicht – fängt mich mit der andern Klaue wie mit einer Fussangel bei meinem Stiefel und wirft mich durch seinen Wurzelheber notwendig aus dem Gleichgewicht auf den Rain hin – und würde mich vermutlich maustot gemacht haben, wären mir nicht redliche Zöglinge gegen den Meuchelmörder beigesprungen.
Dem Unmenschen (ich meine seiner Moralität) schaden meine passiven Prügel mehr als mir selber, da ich, als Märtyrer der Geometrie, wie der ältere Plinius als einer der Physik, nichts davon habe als – Ehre; auch säuberte ich unterweges die denkart meiner Leute über die Ohrfeigen, indem ich ihnen bewies, dass diese nur bei den grössten Feierlichkeiten und Standeserhebungen – bei Zeugschaften, Manumissionen, Freisprechungen der