wollte. Ich bekenn' es, einen Mann, der für klassischen Purismus ist, kränken Donatschnitzer, die er nicht korrigieren darf, auf eine eigne Art; so dass ich, als der Delinquent sein militärisches Testament im schnitzerhaftesten Hungarlateine verfertigte, aufgebracht zu meiner Prima sagte: 'Schon für sein Kauderwelsch verdient er das Arkebusieren; auf syntaxin figuratam und Idiotismen dring' ich nicht einmal, aber die Felonien gegen den Priszian muss jeder vermeiden.' Gleich darauf warfen ihn drei Kugeln nieder, deren ich mich gleichsam als Saatkörner des Unterrichts oder als Zwirnsterne bediente, um eine und die andere archäologische Bemerkung über die alten Kriegsstrafen daran zu knüpfen und aufzuwickeln. Ich zerstreuete damit glücklich jenes Mitleiden mit dem Malefikanten, gegen das sich schon die Stoiker so deutlich erklärten und das ich nur dem schwächern Geschlechte zugute halte; daher wird es der Billige mit dem Augen-Tauwetter meiner Tochter wegen des Inkulpaten nicht so genau nehmen." – – Als ich damals vom Fichtelberg zurückkam: fragt' ich in Marktleuten selbst das kurze Martyrologium des armen Ungars bei einem Metzger aus, der vor fünf Jahren in Klein-Rom oder Tirnau (der Vaterstadt des Unglücklichen) geschlachtet hatte: der Unglückliche zog mich schon durch das Arkebusieren an, das für meine Phantasie die grausendste Todesart ist, und ich mag einen solchen knienden Armen kaum gemalt sehen. Der grösste Verstoss des arkebusierten Warlimini war, dass er dreimal davonlaufen wollte nicht vor den Feinden, sondern vor seinen Kameraden, die ihn eben deswegen erlegen mussten. Ein Gemeiner sollte meines Bedünkens den Bruch seines militärischen Taufbundes wenigstens versparen, bis er Generalissimus oder so etwas würde. Einem Fürsten, einem Generalfeldmarschall bringt es keinen Vorteil, wenn er die Kapitulation hält, weil das so viel ist, als reduziert' er die Regimenter; hingegen dem Füselier, Grenadier etc. bringt das Halten der seinigen wahren Nutzen: er tritt dadurch mit seinen edlern Teilen einer exekutierenden Kugel-Terne aus dem Weg und sparet mitin allezeit seine Brust und sein Kranium einer feindlichen und ehrenvollen Kugel auf, die ihn ins Bette der Ehren herabschiesset.
Warlimini war ein guter Narr. Ich und der Fleischer haben nichts davon, dass wir ihn loben und seinem zersplitterten schlaffen kopf noch einige LorbeerStreu unterbetten; aber warum sollen wir es dem Gelehrten- und Militärstande verbergen, dass der gute Kerl wöchentlich von seinem Mädchen ein oder zwei Schustaks zu Lausewenzel überkam – denn das ganze Mobiliarvermögen bestand in einem warmund ehrlichschlagenden Herzen – dass sein Wirt, bei dem er sein Traktament vertrank, ihm keinen heller zu viel anschrieb – dass der Regimentsfeldscher ihm bei jedem Verbande seiner Hiebwunde eine Pfote voll recht gutem Tabak zusteckte – und dass er in seinem ganzen Leben über niemand einen Fluch ausstiess als über sich? Es tat jedem weh, sagte der Fleischer, der eine Flinte auf ihn halten musste. "Drüben" (sagt'er; denn er ging ein wenig mit mir aus Marktleuten heraus) "sitzt ein Schafjunge auf seinem grab, der pfeift: gleich darneben haben sie ihn nun erschossen. – Als wir den Abend vorher ihn bedauerten, sagt' er, es gehör' ihm nichts Bessers als eine Kugel vor den Kopf, aber er hätte doch, schwur er, für tausend Gulden nicht länger beim Regimente bleiben können." Ich wollte, ich wäre dazugekommen; ich hätte dem armen Teufel durch die hereinhängende, stinkende Pestwolke auf der letzten Lebensstrecke statt des elenden Lausewenzels oder statt des noch elendern hier gedruckten Weihrauchs echten Knaster hineingelangt, ob ich gleich nicht rauche. Aber den andern Tag hätt' ich nicht abwarten und es etwa von meiner Anhöhe herunter ansehen mögen, wie der arme Kerl in seinem blinkenden Kreise so allein seine Kleider für seine Wäscherin auszog, eine Viertelstunde vor der Ewigkeit – wie man ihm die weisse Binde um die Augen legte, die nun die ganze grüne Erde und den leuchtenden Himmel gleichsam in sein tief ausgehöhltes Grab vor ihm vorauswarf und alles mit einer festen Nacht wie mit einem Grabstein zudeckte Und wenn sie nun vollends über sein tobendes, von quälendem Blute steigendes Herz das papierne kalte gehangen hätten, um das warme gewisser hinter diesem zu durchlöchern: so wäre ja jeder weiche Mensch wankend den Hügel auf der andern Seite hinuntergegangen, um den Umsturz des Zerrissenen nicht zu erblicken, und hätte sich die Ohren verstopft, um den fallenden Donnerschlag nicht zu hören – Aber die Phantasie würde mir dann den Armen desto düsterer gezeigt haben, wie er dakniet in seiner weiten Nacht, abgerissen von den Lebendigen, entfernt von den Toten, von niemand in der Finsternis umgeben als vom witternden Tod, der unsichtbar die eisernen hände aufzieht und sie zusammenschlägt und zwischen ihnen das blutige Herz zerdrückt nach Äonen müsste, wenn der Mensch über das Grab hinauslitte, diese bange Minute noch wie eine düstre Wolke allein am ausgehellten Eden hängen und nie zerfliessen!
Alle diese dunkeln Phantasien kommen mir wieder, wenn ich draussen gehe und höre: hier haben sie den erschossen, dort jene Schlacht geliefert; und es ist ein Glück, dass die Zeit die Gräberhaufen der Erde abträgt und die Kirchhöfe der Schlachtfelder eindrückt und unter Blumen versenkt; weil wir sonst alle von unsern Spaziergängen mit einer Brust voll Seufzer zurückkämen.
Ich überlass' es dem Leser, sich den Halbschatten selber hineinzumalen, über den sein Auge leichter den Weg von meinem Erdschatten zu Fälbels Lichtern nimmt. In unserem Leben ist die Zeit der Halbschatten zwischen Lust und Schmerz, der Zwischenwind zwischen Orkan und Zephyr. "Da der Himmel noch immer voll