Wir liessen unter abscheulichem windigen Wetter den Marktflecken hinter uns; dennoch hielt uns – da heute lateinischer Dialog getrieben werden sollte, wozu ich ihnen abends vorher den Terenz und Plautus zum Präparieren hergegeben – nichts ab, durch den ganzen Kirchenlamitzer Wald Lateinisch zu sprechen. Es ist aber wenig durch blosse Kollegien für den Humanisten erbeutet, wenn man nicht wie ich die Materien der Diskurse eigensinnig aushebt und absondert, wie die Grammatiken neuerer Sprachen wirklich tun. Ein Lehrer muss, wenn er das Fruchtorn sachdienlicher Phrasesbücher bis an die Spitze ausschütten will, heute z.B. bloss über die Verehrung der Gotteit oder Gotteiten – morgen bloss über Kleider – übermorgen über Haustiere in der herrlichen Staatsund Hofsprache der Alten reden und jeden andern, für die heutigen Phrases fremden Gedanken verweisen. Nach diesem Normal hatten wir heute – als eines der gewöhnlichsten Entrevuen-Kapitel im gemeinen Leben – lateinisch das Fluchen und Schwören vorzunehmen und abzutun, womit ich noch das Schimpfen verband. Mr. Fechser tat schöne Flüche, die wohl zeigten, dass er den Plautus nicht bestäuben lassen; wieder andere stachen durch Schwüre und mehrere durch Schimpfreden hervor, je nachdem die Memorie glücklich war oder der Fleiss anhaltend oder beide eisern.
In Kirchenlamitz trieb uns ein Guss ins Wirtshaus, wo wir das Fluchen fortsetzten. Ich beobachtete mit einiger Belustigung das Erstaunen so pöbelhafter Menschen, als Wirtsleute sind, das sie befiel, da ich meinen Schülern – an einem solchen Schimpffeste, als die Alten wirklich am Bachusfeste und die Ephesier am 22. Januar begingen und jetzt noch die Neuern an Weinlesen und auf der Temse – schwere Schimpfreden und Flüche aus Sachsenhausen zum Vertieren vorlegte, als: 'Der Teufel soll dich zerreissen, das Donnerwetter soll dich neun Millionen Meilen in den Erdboden schlagen'; wobei der Lehrer immer mit Phrasen dem Lehrling unter die arme greifen muss. Ich zog meinen Vorteil davon, als zwei Schüler sich über ihr scherzhaftes Schimpfen im Ernste entzweiten, und verstattete ihnen gern, aufeinander loszuziehen, aber nur in toter Sprache.
Der Himmel durchstach ordentlich seine Dämme, und das Regenwasser hielt uns wie belagerte Holländer im wirtshaus, wo anfangs kein heller verzehret werden sollte, auf achtzehn Stunden fest. Ich schreibe mit Bedacht nur achtzehn Stunden. Wir wurden nach und nach dem Wirte verdächtig durch mein Fluchen sowohl als durch unser 'Rotwelsch und Judendeutsch', um so mehr da ich meiner Tochter – sie hat einige Latinität – alles in lateinischer Mundart anbefahl, was sie – als lebende versio interlinearis – vom Garkoche in deutscher fordern sollte. Dieser Mensch zweifelte, ob es richtig mit uns sei. O dreimal selig ist der Mann, der in einer lateinischen Stadt, die Maupertuis zu bauen angeraten, das Bürgerrecht hat und ein Haus! Dreimal elend ist es in Deutschland, wo der gelehrte Mann neben dem allerdümmsten in einer Gasse wohnen muss, indes den Leviten im Alten Testament vierzig eigne Städte zu ihrer Behausung ausgeworfen waren! – Da die Zwecke meiner Herodotschen Reise auch statistisch waren: so wollt' ich ganz natürlich auch hinter die volkes- oder Pöbelmenge in Kirchenlamitz kommen, befragte aber nicht den Restaurateur darum – ich wünsche mir jetzt selber Glück zu dieser und der andern Vorsicht –, sondern schickte meine Kompagnie (aber in Piketts zerstückt, um keinem aufzufallen) im Flecken hausieren herum, um das Personale jeder Familie von weitem auszukundschaften. Dennoch wurde man aufmerksam: abends rottierten sich die Bauern in der Wirtsstube zusammen – schöpften Verdacht aus unserm fahrenden Hundestall und aus unsern geometrischen Sturm- und Laternenpfählen – und sahen sie an spitzten vollends die Ohren, da ich sie (zum Schein) mit schmeichelnden Nachrichten von der Glückssonne der sich auf gleiche Weise rottierenden Franzosen bestach – und gingen (ich wartete es vergeblich ab und blieb auf) nicht von der Stelle. Ich liess uns eine stube geben und berichtete leise meinen Leuten: 'ich wäre nur heraufgegangen, um ihnen zu sagen, dass hier unsers Bleibens nicht wäre, sondern dass wir, wenn wir nicht totgeschlagen sein wollten, im ersten Schlafe uns noch mitten in der Nacht aufmachen müssten.' Kurz wir wagten es und brachen nach Mitternacht sämtlich kühn genug auf, ohne dass sich die Biergäste – es sei nun wegen unseres matematischen Gewehrs, oder weil ich wie der grosse Marius aussah, der bloss mit Mienen seinen Mörder von sich hielt – getraueten, uns im geringsten anzupacken.
Als wir in Marktleuten eintrafen, wusst' ich im Finstern, dass die brücke, worüber wir gingen, auf sechs Bogen liegen musste nach Büsching; es freuet aber ungemein, gedruckte Sachen nachher als wirkliche vor sich zu sehen. Wir schliefen in einem anständigen Wirtshaus bis um neun Uhr auf dem Stroh, weil der Regen auf den Dächern forttrommelte, bis uns ein anderes Trommeln aufstörte. Es sollte nämlich ein Hungar erschossen werden, der von seinem nach den schismatischen Niederlanden gehenden Regimente mehrere Male deserteuret war. Als ich und mein Kollegium hinauskamen, war schon ein Kreis oder ein Stachelgürtel aus Säbeln um den Inquisiten geschlossen. Ich machte gegen einen vornehmen Offizier die scherzhafte Bemerkung, der Kerl ziehe aus der Festung seines Lebens, die man jetzt erobere, ganz ehrenhaft ab, nämlich mit klingendem Spiel, brennender Lunte und einer Kugel im mund, wenn man ihn anders dahin treffe. Darauf hielt der Malefikant in lateinischer Sprache an: man möchte ihm verstatten, einige Kleidungsstücke, eh' er angefasset und ausgezogen würde, selber herunterzutun, weil er sie gern der alten Waschfrau beim Regimente an Zahlungsstatt für Wäscherlohn vermachen