), weil wir droben nichts zu machen hätten als wenige leise elegante Bewegungen.
Ich liess es nämlich schon lange durch einen meiner Schüler (des grösseren Eindrucks wegen) in einer öffentlichen Redeübung feststellen, dass der äussere Anstand nicht ganz ohne sei. Fremde Menschen sind gleichsam das Pedal und Manual, welches gelenk zu bearbeiten ohne eine Bachische Finger- und Füssesetzung nicht möglich ist. Ich merke am allerersten, wie sehr ich dadurch von sonst gelehrten Männern abweiche, die solche poetische Figuren des äussern Körpers nicht einmal anempfehlen, geschweige damit selber vorzuleuchten wissen. Es sagt aber Seneka c. 3. de tranquill. ganz gut: 'Niemals ist die Bemühung eines guten Bürgers ganz unnütz; denn er kann durch blosses Anhören, Ansehen, Aussehen, Winken, durch stumme Hartnäckigkeit, sogar durch den Einhergang selber fruchten (prodest).'50 Und sollte so etwas denn nicht zuweilen einen Schullehrer erwecken, immer seinen Kopf, Hut, Stock, Leib und Handschuh so zu halten, dass seine Klasse nichts einbüsset, wenn sie sich nach dieser Antike modelt? – 'Wir werden heute', sagt' ich in der obern stube zu den Mimikern, 'Menschen von dem vornehmsten stand sehen müssen, wir werden uns ins Schulgebäude und in das Billard verfügen – überhaupt werden wir in einer Stadt auf- und abschreiten, die den Ruhm äusserer Politur schon lange behauptet und in der ich am wenigsten wollte, dass ihr den eurigen verspieltet – zum Beispiel: wie würdet ihr lächeln, wenn ihr auf Ansuchen in Gesellschaft etwas zu belächeln hättet? Monsieur Fechser, lächl' Er saturisch!' Er trafs nicht ganz – ich linierte ihnen also auf meinen Lippen jenes feine, wohl auseinandergewundne Normal-Lächeln vor, das stets passet; darauf wies ich ihnen das beccierende lachen, erstlich das bleirechte, wo der Spass den Mund, wie ein Pflock den Eber-Rüssel auf dem Pürschwagen, aufstülpt, zweitens das waagrechte, das insofern schnitzerhaft werden kann, wenn es den Mund bis zu den Ohrlappen aufschneidet.
Mein Auditorium kopierte mein Lächeln nach, und ich fand solches zwar richtig, aber zu laut. Nun wurden Verbeugungen rekapituliert, und ich nahm alle gymnastische Übungen der Höflichkeit bis auf die kleinste Schwenkung durch. Ich zeigte ihnen, dass ein Mann von echter Lebensart selten den Hintern vorweise, welches ihm freilich entsetzliche Mühe macht. Ich ging daher zur tür hinaus und kam wieder herein und zog sie mit der leeren Hand so nach der Anstands-Syntaxis zu, dass ich nichts zeigte – 'man soll', sagt' ich, 'da man das Ende des Menschen wie das eines Garten durchaus verstecket halten muss, lieber mit dem Ende selber die tür zudrücken oder gar sie offen lassen, welches viele tun.' Jetzt musste ein Detachement so hinausrücken, dass es mir immer ins Gesicht guckte, und so wieder herein. 'In meiner Jugend' (sagt' ich) 'hab' ich mich oft Viertelstunden lange herumgeschoben und rückwärts getrieben, um nur diese Rückpas in meine Gewalt und Füsse zu bringen.'
Der eitle Gallier trauet uns nicht zu, dass wir Generalverbeugungen an ein ganzes Zimmer leicht und zierlich zutage fördern; ich aber schwenkte wenigstens eine allgemeine Verbeugung als Paradigma flüchtig vor und war schon beruhigt, dass meine Leute nur die Spezial-Verbeugung an jeden dasigen Sessel, die fasslicher ist, leidlich nachbrachten. Nach diesen syntaktischen Figuren trabte man eiligst die Treppe hinab, und meine Mimiker repetierten und probierten (zum Spasse) beim Eintritte vor dem Wirte die obige Gestikulation.
Unten in der stube hatten die zwei Kinder des Wirts eine Brezel angefasset und zerrten spielend daran, wer unter dem Abreissen den grössten Bogen behielte. Das Mädchen hatte schon vor dem Essen die linke Hand auf eine rechte Fingerspitze gelegt und andern gewiesen, 'so lang nur hätte sie den Mann (mich) lieb; hingegen die Frau (Kordula) hätte sie so lang lieb', wobei sie die linke Hand oben an den Ellenbogen einsetzte. Ich verbargs als Erzieher dem Wirte nicht, dass es seinen Kindern an allgemeiner Menschenliebe fehle, und das Brezelreissen verdürbe sie vollends und nährte Zerstreuung, Eigennutz und Hang zu läppischen Dingen. 'Wo habt ihr euere Schreiboder Schmierbücher? Setzt euch und schreibt euer Pensum!' sagt' ich gebieterisch." – – Erwachsene, zumal Weiber, haben sich ordentlich angewöhnt, den Kindern immerfort zu verbieten – wenigstens vorher, eh sie es ihnen erlauben – und alle ihre kleinen Unternehmungen zu schelten, zumal ihre Freuden.
Aber seid doch froh, dass sie sich noch selber keine vergällen! Könnt ihr ihnen denn eine einzige vom mund weggerissene späterhin wiederholen? Und wär's auch: könnt ihr ihnen denn den jungen durstigen Mund und Gaumen wiederbringen, womit sie sonst jeder süssen Frucht einwuchsen und sich ansogen an sie? Der ewig sparende Mensch, der jedes spätere Vergnügen für ein grösseres und weiseres hält, der im Frühling nur wie im Vorzimmer des Sommers lauert und dem an der Gegenwart nichts gefället als die Nachbarschaft der Zukunft, dieser verrenkt den Kopf des springenden Kindes, das, ob es gleich weder vornoch rückwärts blicken kann, doch bloss vor- und rückwärts geniessen soll. Wann mir Eltern durch Gesetzeshämmer und Ruten das Laubhüttenfest der goldnen Kindheit in einen Aschermittwoch verkehret haben und den freien Augarten in einen bangen Getsemane-Garten: wer reibt mir denn die Farben und malet mir, sobald nur hektische Jugenderinnerungen wie Martyrologien vor mir sitzen, meinen düstern