macht und die doch, wenn sie sich im letzten Menschen einsetzt, nur gerade so viel von allen ihren Schulreisen noch im kopf mitbringt, als sie in der Minute besass, da sie ins erste Tier einstieg, nämlich platterdings nichts.
Wenn ein grosser Cäsar in seinen Kommentarien oder Friedrich II. in den seinigen bescheiden das Ich mit der dritten person vertauschten: so geziemet es mir noch mehr, an die Stelle meines Ichs nur meinen Amtsnamen zu setzen.
Den zwanzigsten Juli brach der Rektor (der Verfasser dieses) mit seinen Nomaden auf, nachdem er ihnen vorher eine leichte Rede vorgelesen, worin er ihnen die Anmut der Reisen überhaupt dartat und von den Schulreisen insbesondere foderte, dass sie sich vom Lukubrieren in nichts unterschieden als im Sitzen. Auf dieses Marschreglement und Missiv wies er nachher auf dem ganzen Wege absichtlich zurück. Es ist mehr stadt- als landkündig, dass eine hübsche acerra – nicht philologica, sondern – culinaria, nämlich ein vierrädiges Proviantschiff samt dem darauf fahrenden Küchen-Personale, welches die Tochter des Rektors war, und die Strafkasse von 12 fl. fränk. als Diätengelder gleichsam die fröhliche Morgenröte waren, zu der die Reisegesellschaft auf ihrer Türschwelle hoffend aufsah. Jeder Primaner führte statt einer elenden Badinen-Gerte oder statt der Narrenkolbe eines Geniepfahls einen nützlichen Messstab – denn Messtisch und – schnüre lagen samt einigen Autoren schon im Kabriolett –, weil ja der Fichtelberg und die Strasse dahin von den herrlichsten Gegenständen zum Messen wimmeln.
Am ersten Morgen hatte man zwei Reisen auf einmal zu tun, die auf dem Wege und die auf der Karte davon, welches ungemein beschwerlich und lehrreich ist. Der Exkurrens47 trug eine aufgeschlagene Spezialkarte vor sich hin, auf der Fälbel allen leicht das Dorf zeigte, wo sie jedesmal waren; und da man auf diese Weise allemal den Füssen mit den Fingern (wiewohl vier Schuhe höher auf der Karte) nachreisete: so war vielleicht Motion mit Geographie nicht ungeschickt verkettet. Gegenden, Merkwürdigkeiten, Gebäude, die natürlich nicht auf der Karte vorzuweisen waren und vor denen man doch eben vorbeipassierte, mussten aus dem Büsching geschöpft und gelehret werden, den der vife Pflegsohn des Herrn **48, Monsieur Fechser, der Gesellschaft allezeit über die Ortschaften vorlas, wodurch sie eben zog. Der Rektor würde von Herzen gern von den meisten Dörfern neben der neuern Geographie auch die mittlere und alte mitgenommen haben: wären beide letztere Geographien von ihnen zu haben gewesen; aber leider zeigen nur wenige europäische Länder, wie etwa die Türkei, Ortschaften mit doppelten Namen auf. übrigens ist der Rektor seitdem vollkommen überzeugt, dass die homannischen Karten nichts taugen – in der Tat, wenn auf ihnen (nicht auf der Gegend) ganze Einöden, Wasenmeisterhütten, ausspringende Winkel der Ufer entweder ganz mangeln (wie z.B. ein Pulvermagazin nahe bei Hof und ein etwas weiter abgelegenes Spinnhaus) oder doch dasitzen in ganz falschen Entfernungen: so kann man wohl fragen: ob, wenn man von diesen Gegenden mit der camera obscura einen Aufriss nähme und dann die Karte über den Aufriss legte, ob da wohl beide einander decken würden wie zwei gleiche ∧? –
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Abends wanderte die pädagogische Knappschaft und ihr Ladenvater im adeligen Pfarrdorfe Töpen in Voigtland ein. Das allgemeine Logement war im Wirtshaus, das der Vatikan oder das Louvre des adeligen Rittergutsbesitzers stets anschauet – ich sage Louvre, nicht in Vergleichung mit dem Palast des Nero, der ein kleines Rom im grossen war, eine Stadt in der Stadt (conf Voss. var. observat.), sondern in Vergleichung mit den zellulösen Kartausen und vier Pfählen und Hattonischen Mäusetürmen eines und des andern Schulmannes. Sapienti sat! – –
Als der Rektor hinter seiner Tochter und seinen Söhnen eintrat: stiess ihm das Unglück zu, dass er seinen Wirt nicht grüssen konnte. Die sämtlichen Hunde der Reisenden hatten zwei Töpener (es war der Spitz – des Hauswirts und der Hühnerhund des Jägers) bei den Haaren und Ohren. Die Tierhatze wurde allgemein, und kein Hund kannte mehr den andern. Der Wirt, ein Mann von Mut und Kopf, legte sich zuerst zwischen die beissenden Mächte als Mediateur und suchte sich zuvöderst den Schwanz seines Hundes herauszufangen und wollte ihn an diesem Hefte aus der verdrüsslichen Affäre ziehen. Mehrere folgten nach, und jeder ergriff den Schwanz des seinigen. Und in diesem Wirrwarr, als die Tochter des Rektors dareinschrie – als der Jäger dareinschlug mit einer Reichsexekutionspeitsche auf Menschen und Vieh – als die Eigner dastanden und gleichsam die sechs Schwanzregister herausgezogen hatten und als daher sozusagen das Schnarrwerk des Orgelwerks ging und die Tumultuanten bollen – und als der Rektor selber bei diesem Friedenskongress ein Friedensinstrument, nämlich den Schwanz seines Saufinders, in Händen hatte: so war er mit Not imstande, das Salutieren nachzuholen und zum Wirte zu sagen: 'Guten Abend!' – Plutarch, der durch Kleinigkeiten seine Helden am besten malet, und die Odyssee und das Buch Tobias, die beide Hunde haben, müssen hinreichen, gegenwärtige Aufnahme einer kleinen scherzhaften Gato- und Onoskia-Machie zu decken."
– Herr Fälbel triffts. Ich ärgere mich, wenn die Menschen mit dem Namen "Kleinigkeiten" schelten. Was habt ihr denn anders? Ist denn nicht das ganze Leben – bloss seine erste und seine letzte Minute ausgenommen – daraus gesponnen, und kann man nicht alles Wichtige in einen zusammengedrehten Strang von mehrerern Bagatellen zerzausen? – Unsere Gedanken ausgenommen, aber nicht unsere Handlungen, kriecht alles über Sekunden, jede grosse Tat, jedes grosse Leben zerspringt