mussten, rein und redlich abzuschreiben: so würde er doch immer sehr vom leeren kopf verschieden bleiben, dessen obere toricellische Leere wie in der Physik der beste Leiter der Funken ist. – Hingegen im System selbst muss man die Lükken, worin keine Wahrheiten sind, durch die Gewänder derselben, durch lange neue Termen, abwenden, wie denkende Maler durch Draperie ihren leeren Raum. –
Etwas anders ist es mit der Moral, worin wie in der Medizin der Teorist sich ganz vom Empiriker trennt. Wie in dem alten Teater der eine Akteur den Gesang hatte und der andere die körperliche Aktion dazu machte und wie die Kunst eben durch diese Teilung höher stieg, so kann es in der schweren Kunst der Tugend nicht eher zu etwas getrieben werden, als bis (wie jetzt häufiger geschieht) die Teorie und die Praxis gesondert werden, und der eine sich auf das Reden über die Tugend einschränkt, indes der andere die dazu gehörigen Handlungen versucht."
Die Fortsetzung der Vorrede folgt.
Denn nun sanken wir in das grünende Tempe von Berneck hinein, und ich sperrte die Schreibtafel zu: sonst hätt' ich ohne Grobheit weiter darin schreiben können, weil es ja so viel war, als spräch' ich mit dem Kunstrat selber, da ich ihn darin meinte. Der Kron-, der Elias- und der Sonnenwagen hielt vor der Post, und die Direktrice meines weges stieg heraus. Ich sprang an wer hätt' es gedacht (ich wohl am wenigsten), dass es nichts geringers war als eine Primadonna, die schon einmal in einer von meinen Vorreden11 agierend aufgetreten war, nämlich die gute, die liebe, bekannte – Pauline, des sel. Hauptmanns und Kaufherrns Oehrmann nachgelassene Tochter. Ich ward ordentlich ein Kind vor Freuden, wie alle Bernecker wissen. "Herr Jean Paul, wie kommen wir da zusammen?" sagte die Miss, deren Angesicht jetzt im Brautstand ein höheres Rot als im Laden hatte, gleichsam die rote Soldatenbinde des nahen Ehedienstes, die Band- und Vorsteckrose auf dem ehelichen Bande.
Fraischdörfer sott sich gleichfalls rot zu einem warmen Krebs: er hörte nun, ich sei wirklich der Autor selber, den er auf dem Strassendamm rezensiert hatte. Er sagte, es sei nur ein Glück für die Kunst, dass ich bloss in der Wirklichkeit, und in keinem Druck gelogen hätte, wo mehr daran gelegen wäre, den Charakter des wahrhaften Mannes durchzusetzen und zu halten. In drei Terzien war er weg wie Mai-Schnee. Er wird mir es aber gedenken und sich wenigstens in den Busch und Jägerschirm der allgemeinen deutschen Bibliotek stellen und daraus mit Windbüchsen nach seinem Reisegefährten schiessen. Ich hielt es daher für nötig, dem Publikum schon vorher davon Nachricht zu geben: es ist nun auf jeden Pfeil seiner Armbrust (wie nach Montesquieu die Tatarn tun mussten) der Name geschrieben, der Schütze heisst Fraischdörfer. Es ist im ganzen ein Mann von Betracht und gut genug, er besieht die bambergischen Kriegstroublen und macht sich, wie ich an seinen Fingern12 sah, seine nötigen deutlichen Begriffe und noch spitzige Einfälle dabei, und wir schätzen einander. – Ich will einen davon hereinsetzen, der zugleich ein Beweis sein mag, wie gern ich seinen Lorbeer aussäe: "Die Feile," sagte der lose Kunstrat, "welche die Autoren ihren Werken zu geben unterlassen, brauchen ihre Verleger fleissig an den Goldstücken, die sie ihnen dafür zahlen." Recht gut turniert! –
Ich dinierte froh mit der Jungfer Braut, deren künftiger Ehemann und Ehe-Peischwa oder Ehe-Bei und maitre des plaisirs niemand wird als der uns allen recht gut bekannte Herr Gerichtalter Weierman.13Ich lass' es zu, ich suchte die Braut mehr, als dass ich sie floh, und glich mehr dem weisen Ulysses, der sich mit offnen Ohren an den Mastbaum schnüren liess und sie dem Sirenengesange gelassen schenkte, als seinen Begleitern, die ihre mit Wachs wie hohle Stockzähne plombierten. Aber sie war auch das leuchtende Christuskind, das die fatale Correggios-Nacht, die der Kunstrat in mein Herz gemalet hatte, mit dem schönsten Widerschein versilberte: sie war doch unschuldig und gut und weich und ohne die poetischen Härten der Empfindelei, und die vielen scharfen zweischneidigen Leiden bei ihrem Vater hatten ihrem Herzen mehr gegeben als ihrem kopf genommen; sie duftete gleich dem Rosenholz auf der scharfen Drechselbank des Unglücks so süss wie Rosen selber. Ihr knausernder Vater hatte' ihr freilich nur die VorgrundsKultur, die äussere oder körperliche, nämlich vornehme Kleidung, aber nicht vornehme Bildung verstattet (die gute Gerichtalter abends gratis in biographischen Berichten anboten), und sie glich den meisten Mädchen um mich her, an denen wie in Wien die Vorstädte modern sind, die innere Stadt selber aber mit allen ihren Vierteln verdammt altväterisch. Indes hatten ich und sie doch wie alle Freunde – und wie alle zusammengewachsene Menschen nach Haller – nur ein Herz, obwohl zwei Köpfe. Das tut denn vieles.
Wir fuhren spät ab, und ich sass ihr im Vis-à-vis – vis-à-vis. Hinter unsern grünen Bergen lag die Wüste der Kinder Israel und vor uns das gelobte Land der sanften Baireuter Ebene. Ich und die Sonne sahen Paulinen immerfort ins Angesicht und mit gleicher Wärme, und mich rührte endlich die kleine stille Gestalt. Woher kam das? Nicht bloss daher, weil ich über das gewöhnliche herrnhutische Ehe-Loseziehen der Mädchen nachsann, die in gewissen Jahren grössere Gefühle als Kenntnisse und im