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mich im schmutzigen Glauben an einen allgemeinen Eigennutz aller Menschenund zuletzt der ganzen Schöpfung, weil die Beweise dieselben sindgewälzet hätte. Wahrlich ich wüsste nicht, was man an sich noch zu lieben hätte ausser jener Liebe für andere, und ob uns irgendein Eigennutz unausstehlicher sein könnte als eigner. Glücklich ist der Mann, dem ein reifendes Herz und gute Menschen wie er und ein Horizont ohne Gewitter endlich die Überzeugung bescheret haben, dassso wie die magnetische und elektrische Materie derselbe Universalgeist ist, der die Wolken, die Zitterfische und die Magneten zieht, der im Nordschein als milder Schimmer, im Gewitter als Wetterstrahl, im Menschen als Heiligenschein, in den Fischen44 als Zug und Schlag und in den Nerven als Lebensgeist wirktglücklich ist der, sag' ich, der immer mehr glaubt, dass die Liebe, dieser menschliche Magnetismus, immer dieselbe geistige Elektrizität und Desorganisation verbleibe, sie mag als Blitz in der Geschlechter-Liebeoder als sanfter Nord- und Heiligenschein in der Menschenliebeoder als Lichtmagnet in der Freundschaftoder als Nervengeist in der Mutterliebe erscheinen. – – Ich preise diesen Mann darum glücklich, weil er dann nicht nur Menschen wie Brüder, sondern auch Brüder wie Menschen lieben wird; ich meine, weil er, auf den Stufen der Blutsfreundschaft zu dem Gipfel der Geisterfreundschaft getragen, dann wieder jene durch diese veredeln und im Vater, Sohne, Geliebten, Freunde noch etwas Höheres ausser dem Genannten lieben wird – – den Menschen. – Es gibt hinter diesem hohen Namen noch etwas Höheres, das wir an der ganzen Geisterwelt lieben können: Gott. –

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Physische Note über den Zitteraal

Der Zitterfisch war gleichsam der erste Paragraph45, der magnetische und elektrische Materie verband, da er (nach Hunter) zugleich positiv und negativ elektrisch ist und ordentliche Batterien an sich hat, und da er, wie die Aale, Neunaugen, Quappen, Schleien, Karauschen, am Magnet erlahmt. Vielleicht wird der fisch auf eine bessere Art als der fisch Oannesder, nach einem Fragment des Berosus, alle Wissenschaften den Menschen gab der Lehrer der Physik, da an ihm in dieser Materie wegen der Einfachheit der Kombinationen leichter etwas zu lernen ist als am magnetisierten Menschen, so wie ich eben darum glaube, dass die Pflanzen uns mehr Fensterläden und Fenstervorhänge am Lehrgebäude der Erzeugung öffnen können als die niedern Tiere, und diese mehr als wir. So wird die tierische Elektrizität der Fackelträger des tierischen Magnetismus werden.

Ich habe mich oft geärgert, dass die Physiker meistens nur sehen und lesen, anstatt das Gelesene und Gesehene zu kombinieren; noch mehr aber über die Naturgeschichtsschreiber, um deren Köpfe oft mehr Heiligenschein ist als wissenschaftlicher innen, weil sie, bei ihrer Einschränkung auf einen Ast und Blattstiel ihrer Wissenschaft, so leicht ihrem optischen und mikroskopischen Fleisse den Schein des Scharfsinns zu erteilen wissen. – Ich würde mich schämen, wenn ich vor Franklin ein grosser Physiker gewesen wäre; – denn ich würde dann so gut wie andere zu meiner Schande die Witterung und die Gewitter beleuchtet und erkläret haben ohne das Licht der elektrischen Materie. Und so steht jetzt ein Montblanc von aufgehäuften elektrischen Erfahrungen vor allen Katedern, und allen fehlet noch das Senfkorn des Glaubens zum Heben des Bergs.

Ich habe zuweilen gewünscht, man sollte nach nichts fragen, sondern die physikalischen Data ordentlich zusammenwürfeln und kombinieren wie Lessing die philosophischen oder andere die Musiknoten. Man würde doch sehen, was herauskäme, wenn man z.B. den Zitterfisch an desorganisierte Menschen, an Gewitterstangen, an Magnetnadeln vor- und nachmittags (weil sie nach den Tagszeiten verschieden deklinieren) hielteoder wenn man in Hinsicht der elektrischen Fische bedächte, dass das wasser ein Leiter und ein Leidenscher Kondensator ist, dass die Fische in einem vom Blitz getroffnen Teiche sterben und also sich so kalt anfühlen wie ein isolierter Mensch, den einer ausser Rapport berührt. – – – Kurz ein Physiker sollte wie der Arzt wenig schreiben, wenn er nicht so viel wissenschaftlichen Witz zu physikalischen Kombinationen hätte alsLichtenberg, und dieser sollte seines Orts wieder mehr schreiben. –

4. Des Rektors Florian Fälbels und seiner

Primaner Reise nach dem Fichtelberg

Ich lese nichts lieber als Bücher von einigen Seiten. Jene alten Folianten-Goldbarren, die man nur auf zwei Sesseln öffnen kann, sollten in mehrere Goldkörner zerlegt, ich meine, jedes Blatt sollte in ein Bändchen eingebunden werden: jeder käme dann leicht mit ihnen durch. Jetzt aber muss der Gelehrte die Quartanten aus Ratsbiblioteken entsetzlich lange behalten, weil er sie nicht heftweise zurücktragen kann. Ja, da der anomalische Fortius auf seinen Reisen nichts von Büchern bei sich führte als die besten Stellen, die er vorher herausschnitt, eh' er die kastrierte Ausgabe verkaufte: so schlag' ich mit Vorbedacht akademischen Senaten ordentliche Universitätsbiblioteken aus solchen ausgerissenen Blättern vor.

Den Vorzug der Kleinheit, der den grössten Werken fehlet, besitzt nun das Programm des Herrn Rektors, das ich hier der Welt einhändige. Es teilt gut geschriebene Nachrichten von einer Reise mit, die ein Muster sein kann, wie Schulleute mit den Säuglingen und Fechsern ihrer Seele zu reisen haben; auch sind verständige Schulmänner von jeher so gereiset. Ich wollte anfangs das Programm aus dem Deutschen insDeutsche vertieren; aber ich glaubte, es hiesse den Schwanengesang und den letzten Akt der Schulgelehrsamkeit gar absichtlich beschleunigen, wenn man den lateinischen und ciceronianischen Stil vollends aus dem deutschen würfe, da er ohnehin aus lateinischen Werken längst entwichen ist.