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voraussah, die blühende Predigt werde mir einiges Vergnügen reichen; und nun sehe' ich mich seit der Vesperpredigt in das Gotteshaus inhaftiert, und das Schicksal weiss, wenn ich hinausgelassen werde. Denn ich kann weder Tür noch Fenster ausbrechen, und das grösste Unglück ist, dass gerade heute Busstag ist, wo keine Magd auf den Gottesacker geht; unter allen meinen dummen Schreibern hat ohnehin keiner so viel Verstand, dass er mich in der Sakristei aufsuchte. Diese Kirche ist mir überhaupt aufsätzig; ich habe darin schon ein Unglück gehabt, und es war heute nichts als der Widerschein eines alten, dass ich unter der Hand der ganzen Gemeinde abgefangen wurde, indem ich still und vergnügt in meinem Kirchenstuhle sass und meine ungedruckte Anweisung zu einem gerichtlich-blühenden Stil in Gedanken prüfte. Denn ich bin leider in viele Sättel gerecht, eben weil mich der Dämon immer aus jedem hebt.

Ich habe mich sonst mit Versen abgegebenwelches jetzt wenigstens meinem Stile zuschlägtund nachher umgesattelt: denn ich wollte ein Pfarrer werden, und kein Amtsvogt. Die geschichte ist im grund unterhaltend, obwohl auf meine Kosten. Ich wollte nämlich als Student in meinem Geburts-dorf (eben hier in der Kirche) mit einer Gastpredigt ausstehen und hatte deshalb eine grosse Perücke mit einem hohen Toupet-Gemäuer meiner Mutter zuliebe aufgesetzt. Gleich im Exordio stiess ich auf ein Abenteuer, indem ich die Nutzanwendung, die sich auch wie jenes mit: "teuerste etc. Zuhörer" anhebt, unglücklich mit dem Eingange verwechselte; aber ich hieltleicht und mit zweckmässigen Veränderungenden Zuhörern den Schwanz so in meiner Hand hin wie ein Endchen Kopf. Tausend andere hätten von der Kanzel gemusst; ich hingegen kam wohlbehalten vor dem Kanzelliede an und sagte: "Nun wollen wir ein andächtiges Lied miteinander singen" und das war mein Unglück. Denn da ich michwie es auf den meisten Kanzeln Sitte istso mit dem kopf aufs Pult hinlegte und niederkrempte, dass ich nichts mehr sehen konnte als den Kanzel-Frackso wie von mir auch nichts zu sehen war als mein Knauf, die Perücke mit dem Wall –: so musst' ich (wollt' ich nicht dumm sein und ins Kanzeltuch hineinsingen) aus Mangel an Gesichtsempfindungen während dem Singen denken. – Ich suchte also auf dem Pulte den Eingang, womit ich schliessen wollte, zur Nutzanwendung umzufärbenich wurde von einer Subdivision auf die andere verschlagenich hatte mich wie ein Nachtwandler unter meine Gedanken verstiegen, als ich plötzlich mit Erstarren vermerkte, dass schon längst nichts mehr sänge und dass ich nachdächte, während die sämtliche Kirche auflauerte. Je länger ich erstaunte in meiner Perücke, desto mehr Zeit verlief, und ich überlegte, ob es noch schicklich sei, so spät das Toupet-Fallgatter aufzuheben und darunter den Kirchleuten wieder zu erscheinen. Jetzt wardenn der Kanzel-Uhrsand lief in einem fortnoch mehr Zeit verstrichen; die ausserordentliche Windstille der Gemeinde lag ganz schwül auf meiner Brust, und ich konnte, so lächerlich mir zuletzt der ganze, Ohr und Fuss spitzende Kirchenhaufe vorkam und so sicher ich hinter meinem HaarStechhelm lag, doch leicht einsehen, dass ich weder ewig niedergestülpet bleiben noch mit Ehren in die Höhe kommen könnte. Ich hielts also für das Anständigste, mich zu hären und mit dem kopf langsam aus der Perücke wie aus einem Ei auszukriechen und mich heimlich mit blossem haupt in die an die Kanzeltreppe stossende Sakristei hinunterzumachen. Ich tats und liess die ausgekernte ausgeblasene Perücke droben vikarieren. Ich verhalt' es nicht: indes ich in der Sakristei mit dem unbefiederten kopf auf- und abging: so passete jetzt (denn mein brachliegender Adjunktus und Geschäftsträger schaute in einem fort schweigend auf die Seelen herunter als An- fang eines Seelenhirten), so passete, gesteh' ich, jetzt Gross und Klein, Mann und Weib darauf, dass der Kopf-Socken anfinge sich aufzurichten und ihnen vorzulesen und jeden so zu erbauen, wie ja homiletische Kollegien uns alle, hoff' ich, abrichten. Ich brauche den Lesern nicht zu sagen, dass die erledigte Perücke nicht aufstand, beraubt aller Inlage und ihres Einsatzes. Zum Glück stellte sich der Kantor auf die Fusszehen und sah in die Kanzel hereiner stieg sans façon herab und hinauf und zog meine Kapuze beim Schwanze in die Höhe und zeigte der Parochie, dass wenig oder nichts drinnen wäre, was erbauen könnte, kein Seelensorger – "die Fülle ist schon aus der Pastete heraus", bemerkt' er öffentlich bei diesem Kopf-Hiatus und steckte meinen Vikarius zu sich. – Und seitdem hab' ich diese Kanzel nicht mehr gesehen, geschweige betreten....

Wahrlich ich schreibe' ihr jetzt gerade gegenüber, und ich sah heute hinauf; ich wollt' aber, ich könnte hinaus, und ich muss schon lange geschrieben haben. Beiläufig! gerade diese Historie, die ich ausschweifungsweise beigebracht, dient mehr als eine, das Dasein eines Dämons, der den mit den besten Projekten schwangern Menschen in Retten-Form unter die Füsse schiesset, zu beglaubigenaber Muttermale sind die Nachwehen davon.

Ich schwamm wohl niemals mehr im Wonnemeer als einmal, da der hiesige regierende Bürgermeister zur Erde bestattet wurdedennoch wusste mir mein Dämon Unrat in meine Leichensuppe zu schmeissen. Ich würde abkommen von dem Leichenbegängnis, wenn ich weitläuftig berichten wollte, wie wenig dieser Hausteufel darnach fragt, wenn er mich um eine Hinrichtungum eine Krönungum