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Und wahrlich, der Philosoph und der Mensch dürfen hier nicht anders denken als der Dichter; und der, für den das äussere (bürgerliche, physische) Leben mehr ist als eine Rolle: der ist ein Komödiantenkind, das seine Rolle mit seinem Leben verwirrt und das auf dem Teater zu weinen anfängt. Dieser Gesichtspunkt, der metaphorischer scheint, als er ist, erhebt zu einer Standhaftigkeit, die erhabener, seltener und süsser ist als die stoische Apatie und die uns an der Freude alles empfinden lässt, ausgenommen ihren Verlust.

Belesene Mädchen, die im Sommer aufs Land gehen, machen aus den Landleuten wandelnde Gessnerische Idyllen-Ideale. Die Landleute idealisieren ihrerseits wieder die Mädchen zu Prinzessinnen der Marionetten und der Historienbücher hinauf. Und ebenso hab' ich im dreizehnten Kapitel der vorigen Biographie den Pfarrer und den mir sonst verhassten Zwinger und Schuldturm des bürgerlichen Lebens gepriesen, weil ich an ihm und an seinem Notstall schon den biographischen und idealischen Mondschein glimmen sah, den ich nachher auf ihn warf Auch im Komischen kann man wirkliche Toren, die man handeln sieht, insgeheim zu komischen Akteurs und zu gut durchgeführten komischen Charakteren idealisieren. – –

Woher kommt nun, da die Phantasie nur der goldene Abendwiderschein der Sinne ist, dieser Reiz eigner Art, der an Träumen, Abwesenden, Geliebten, entrückten zeiten und Ländern, an Kinderjahren undwas ich kaum zu nennen brauchtean den von den Dichtern in die Welt geschickten Blumengöttinnen und Blumenparterren haftet? – Wenn wir heraushaben, warum uns die Dichter gefallen: so wissen wir das übrige auch.

Davon könnte man mehrere Ursachen angeben, die richtig wären, ohne zureichend zu sein. Z.B. Wir denken das ganze Jahr weniger mit Bildern als mit Zeichen, d.h. zwar mit Bildern, aber nur mit dunklern kleinern, mit Klängen und Lettern: der Dichter aber rücket nicht nur in unserem kopf alle Bilder und Farben zu einem einzigen Altarblatte zusammen, sondern er frischet uns auch jedes einzelne Bild und Farbenkorn durch folgenden Kunstgriff auf. Indem er durch die Metapher einen Körper zur Hülle von etwas Geistigen macht (z.B. Blüte einer Wissenschaft): so zwingt er uns, dieses Körperliche, also hier "Blüte", heller zu sehen, als in einer Botanik geschähe. Und wieder umgekehrt gibt er, wie vermittelst der Metapher dem Körperlichen durch das Geistige, ebenso vermittelst der Personifikation dem Geistigen durch das Körperliche höhere Farben.

Ferner könnte manund kann auchsagen: der dramatische Dichter überwältigt uns durch die Verwandlung der Wochen in Minuten und erweckt, indem er die tragische, vielleicht über Jahre hingesponnene geschichte in wenige Stunden zusammenzieht, unsere Leidenschaften bloss darum, weil er ihnen gleicht, da sie auch wie Taschenspieler und Heerführer uns durch Geschwindigkeit berücken.

Aber ich eile zu dem, was mich befriedigt. Die arme des Menschen strecken sich nach der Unendlichkeit aus: alle unsere Begierden sind nur Abteilungen eines grossen unendlichen Wunsches. Es ist sonderbar, dass man von der Phantasie, deren Flügel einen unendlichen Raum und eine unendliche Zeit bedecken wollen, weil sie über jede endliche reichen, und von der Vernunft, die keine endliche Kausalreihe denken kann, nicht weiter fortgeschlossen hat auf den Willen. Alle unsere Affekten führen ein unvertilgbares Gefühl ihrer Ewigkeit und Überschwenglichkeit bei sichjede Liebe und jeder Hass, jeder Schmerz und jede Freude fühlen sich ewig und unendlich. So gibt es auch eine Furcht vor etwas Unendlichen, wovon die Gespensterfurcht, wie ich anderswo42 bewiesen, eine Äusserung ist. Wir sind unvermögend, uns nur eine Glückseligkeit vorzuträumen, die uns ausfüllte und ewig befriedigte. – Dein Genius entführe dich und lege dich in der schönsten Pappelinsel dieser Erde niederer ziehe Lustaine durch die Insel, und Gärten um die Haine, und Blumen um die Gärtener öffne dein Auge und zeige dir alles, was du hast: einen stillen Himmel und zwei Menschen, die du liebster fliege in dein Herz zurück und wohne darin unter dem Namen der Tugend und Weisheit; – Glücklicher! wirst du niemals seufzen? Und steigt dein erster Seufzer als Übersättigung auf, mit der sich ja kein Wunsch, kein Hunger gesellen könnte? – All unser Ringen nach Freude soll nur unser Schmachten übertäuben: wir liegen brütend auf der kalten Erde wie die Vögel auf Kreide, nicht um etwas auszubrüten, sondern um die Brutitze der siechen Brust zu lindern.

Was nun unserem Sinne des Grenzenlosenso will ich immer der Kürze wegen sagendie scharfabgeteilten Felder der natur verweigern, das vergönnen ihm die schwimmenden nebligen elysischen der Phantasie. Kant setzet schon das Erhabene der Dichtkunst und der natur in ein angeschauetes Unendliche. Die natur zwar selber als Sinnengegenstand ist nicht erhaben, d.h. unendlich, weil sie alle ihre massen wenigstens mit optischen Grenzen scharf abschneidet, das unabsehliche Meer mit Nebel oder Morgenrot, den unergründlichen Himmel mit Blau, die Abgründe mit Schwarz. Gleichwohl sind das Meer, der Himmel, der Abgrund erhaben; aber nicht durch die Gabe der Sinn der Phantasie, die sich an die optischen Grenzen, an jene scheinbare Grenzenlosigkeit hinstellet, um in eine wahre hinüberzuschauen. Man könnte fragen: warum tut sie es nicht bei jedem Blau, bei jedem Schwarz? – Man könnte antworten: weil nicht jedes Blau einen so grossen Gegenstand umschliesset. Man könnte wieder fragen: warum denn eine dem Meere an Grösse gleiche Blumenebene sich mit Nebeln schliesse, ohne so erhaben zu sein wie