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meint; und dann sieht die Vorstellung so lebhaft und ganz so aus wie eine Empfindung.

Allerdings ist noch ein Unterschied und ein grössererdenn ich suche mit jenen Ähnlichkeiten nicht die Phantasie zu verkörpern, sondern bloss die Sinne zu vergeistigen –; es ist nämlich der, dass unser bekanntes Ich die Sukzession in der Phantasie (wie das Simultaneum in der Empfindung) ordnet und regelt, sogar im Chaos des Traums, da die drei gesetz der Ideenassoziation bloss vom Körper auf keine Weise beobachtet werden könnten.

Zufolge jener Ähnlichkeit ist also Stärke der (fünfsinnigen) Empfindung immer um und neben der Stärke der Phantasie (dieser transzendenten und verpflanzten Empfindung). Daher sind beide in Wilden, Landleuten und Weibern kräftiger und feiner: denn Schauspiele, Erzählungen, Töne und Träume ziehen tiefere Furchen in ihren Seelen. Auch der Rausch macht zugleich die Phantasie und die Sinne schärfer. Freilich sind oft am dichterischen Genie alle äussere Sinnen-Nerven verdorret und abgewelkt; aber der Wuchs des einen Zweiges hatte nur die andern ausgesogen, so wie ja auch die Sinne – z.B. auge und Ohreinander gegenseitig berauben und erstatten. Unter den Wilden wird bloss das Genie die schärfsten Sinne haben.

Jetzt hab' ich zweierlei zu tun. Ich muss erweisen, wie diesem allen ungeachtet die Phantasie uns in ihren Ländereien mit Zauberspiegeln und Zauberflöten so süss betören und so magisch blenden könne; – zweitens muss ich vorher die meisten dieser magischen Kunststücke aufzählen.

Alle Personen, die bloss auf dem Zauberboden der Phantasie stehen, verklären sich unbeschreiblich vor uns, z.B. ToteAbwesendeUnbekannte. – Der Held einer Biographie sei uns noch so treu vorgezeichnet: gleichwohl fängt ihn unsere metamorphotische Einbildung grösser auf, als unsere plane Netzhaut ihn malen würde, wie in der Malerei ein treu abgemalter Menschenkopf grösser scheint als sein Urbild von gleichem Quadratinhalt. Daher stehet der Landmann auf dem elektrischen Isolatorium des Idyllendichters strahlend und mit einem Heiligenschein umzogen; ebenso steht auch der Wilde in Rousseaus Kopf und die Kinder in jedem dichterischen.

So zieht das Fernrohr der Phantasie einen bunten Diffusionsraum um die glücklichen Inseln der Vergangenheit, um das geliebte Land der Zukunft.

Die Personen aller dramatischen Gedichte, selber die bösen, empfangen in ihrem Dunst- und Zauberkreise Reize, die ihnen alle im kahlen lichten gemeinen Leben abfallen würden, wenn sie darin erschienen.

Der Traum ist das Tempe-Tal und Mutterland der Phantasie: die Konzerte, die in diesem dämmernden Arkadien ertönen, die elysischen Felder, die es bedekken, die himmlischen Gestalten, die es bewohnen, leiden keine Vergleichung mit irgend etwas, das die Erde gibt, und ich habe oft gedacht: "Da der Mensch aus mancherlei schönen Träumen erwacht, aus denen der Jugend, der Hoffnung, des Glücks, der Liebe: ach könnt' er nursie wären ihm dann alle wiedergegebenin den schönen Träumen des Schlummers länger bleiben!"

Noch grösser ist die phantasierende Kraft, wenn sie auswärts reicht und die Gegenwart selber zum Marmorblock oder Teige ihrer Gebilde macht. Ich will mehr als ein Beispiel geben. Das erste ist nicht das deutlichste: bei rauschenden Freudenfesten, auf Bällen, auf nächtlichen Freudengelagen schmückt sich jeder Augenblick mit dem Widerschein des nächsten künftigen; und solange dieses dauert, vermengen wir den süssen Durst des Herzens mit dem Trank; – denn der Mensch hat so wenig, dass er nur froh ist, wenn er stark begehren kann, und dass er die Stärke seiner Wünsche zu ihren Befriedigungen rechnet. – Aber es kommt eine trunknere Stunde, wo im langen Freudengelage unsere Phantasien unsere Sinnen übertönen, wo die Gegenwart mehr zum Traume, die Musik mehr zum Echo ermattet und wo wir im wirbelnden bunten Rauche um uns schwindeln und dann im Schwindel unsere Umkreisungen für fremde nehmen; dann sind wir gesättigt und voll, ach! fast vor Ermüdung! –

Im Rausche dringen die Wolken der innen brennenden Räucherkerzen hinaus und legen sich aussen an den Gegenständen an und geben ihnen eine vergrösserte, abgeründete, zitternde Gestalt.

In der Liebe ist das Amalgama der Gegenwart mit der Phantasie noch inniger. Schaue die Gestalt an, die du einmal geliebt hattest und die nun mit allen ihren Reizen nicht einmal den idealischen Zauber einer Bildsäule für dich hat! Warum sonst ist sie jetzt ein lackierter Blumenstab für dich, als bloss weil alle Rosen, die deine Phantasie an diesem Stabe hinaufgezogen, nun ausgerissen sind? – Ich wünschte, der Leser liebte eine Schwester, die besondere Familienähnlichkeit mit ihrem Bruder hätte, den er nicht leiden könnte: er würde dann am leichtesten das geliebte Gesicht von dem Brautschmuck, womit seine Phantasie als Folienschlägerin es blasoniert und übergoldet, trennen können. Kurz eine geliebte person hat den Nimbus einer abwesendeneiner gestorbeneneiner dramatischen. –

Noch mehr. Leute, deren Kopf voll poetischer Kreaturen ist finden auch ausserhalb desselben keine geringern. Dem echten Dichter ist das ganze Leben dramatisch, alle Nachbarn sind ihm Charaktere, alle fremde Schmerzen sind ihm süsse der Illusion, alles erscheint ihm beweglich, erhoben, arkadisch, fliehend und froh, und er kommt nie darhinter, wie bürgerlicheng einem armen Archivsekretär mit sechs Kinderngesetzt er wäre das selberzumute ist. Denn ist er selber bürgerlich unglücklich, z.B. ein Träger des Lazarus-Orden: so kommt es ihm vor, als mach' er eine Gastrolle in Gays Bettleroper; das Schicksal ist der Teaterdichter, und Frau und Kind sind die stehende truppe