1796_Jean_Paul_050_67.txt

deinen Leib, um nicht dich und andere aufzureiben. Aber warum soll ichs tun, warum soll ichs nicht geradezu bekennen, was ich in der weichsten Rührung zu den zwei Menschen sagte? "Es gehe euch recht wohl, ihr sanften Menschen" – sagt' ich, denn ich dachte an keine Höflichkeit mehr – "die Vorsehung trage wiegend euere zerritzten Herzender gute Gott über allen den Sonnen, die zu uns jetzt herunterblicken, lasse euch immer verknüpft und heb' euch nur verbunden an sein Herz und an seinen Mund." – "Sein Sie nur auch recht glücklich und froh", sagte Tiennette. "Und Ihnen, Tiennette," (fuhr ich fort) "ach Ihrer bleichen Wange, Ihrem gedrückten Herzen, o Ihrer langen kalten gemisshandelten Jugend kann ich niemals, niemals genug wünschen. Nein! Aber alles, was eine wunde Seele laben, was einer schönen wohlgefallen, was den verborgenen Seufzer stillen kann, ach alles, was Sie verdienen, das falle Ihnen zu, und wenn Sie mich wieder sehen, so sagen Sie: ich bin jetzt viel glücklicher!"

Wir wurden alle zu sehr bewegt. Wir rissen uns endlich aus wiederholten Umarmungen, und mein Freund entwich mit der Seele, die er liebtich blieb allein zurück bei der Nacht. Und ich ging ohne Ziel durch Wälder, durch Täler und über Bäche und durch schlafende Dörfer, um die grosse Nacht zu geniessen wie einen Tag. Ich ging und sah, gleich dem Magnet, immer auf die Mitternachtsgegend hin, um das Herz an der nachglimmenden Abendröte zu stärken, an dieser heraufreichenden Aurora eines Morgens unter unsern Füssen. Weisse Nachtschmetterlinge zogen, weisse Blüten flatterten, weisse Sterne fielen, und das lichte Schneegestöber stäubte silbern in dem hohen Schatten der Erde, der über den Mond steigt und der unsere Nacht ist. Da fing die Äols-Harfe der Schöpfung an zu zittern und zu klingen, von oben herunter angeweht, und meine unsterbliche Seele war eine Saite auf dieser Laute. – Das Herz des verwandten ewigen Menschen schwoll unter dem ewigen Himmel, wie die Meere schwellen unter der Sonne und unter dem Mond. – Die fernen Dorfglocken schlugen um Mitternacht gleichsam in das fortsummende Geläute der alten Ewigkeit. Die Glieder meiner Toten berührten kalt meine Seele und vertrieben ihre Flecken, wie tote hände Hautausschläge heilen. Ich ging still durch kleine Dörfer hindurch und nahe an ihren äussern Kirchhöfen vorbei, auf denen morsche herausgeworfene Sargbretter glimmten, indes die funkelnden Augen, die in ihnen gewesen waren, als graue Asche stäubten. – Kalter Gedanke! greife nicht wie ein kaltes Gespenst an mein Herz: ich schaue auf zum Sternenhimmel, und eine ewige Reihe zieht sich hinauf und hinüber und hinunter, und alles ist Leben und Glut und Licht, und alles ist göttlich oder Gott...

Gegen Morgen sah' ich deine späten Lichter, kleine Wohnstadt, in die ich gehöre diesseits des Sarges; ich kam auf die Erde zurück, und in deinen Türmen schlug es, hinter der vorüber

gezogenen grossen Mitternacht, halb drei Uhr: da ging um diese Stunde 1794 der Mars in Westen unter und der Mond in Morgen auf; und meine Seele wünschte, beklommen vom Bedauern des edlen kriegerischen Bluts, das noch auf die Frühlingsblumen strömt: "Ach, blutiger Krieg, weiche wie der rötliche Mars, und, stiller Friede, komme wie der milde zerteilte Mond!" –

Einige Jus de tablette für

Mannspersonen

1. Über die natürliche Magie der

Einbildungskraft

Gedächtnis ist nur eine eingeschränktere Phantasie. Erinnerung ist nicht die blosse Wahrnehmung der Identität zweier Bilder, sondern sie ist die Wahrnehmung der Verschiedenheit des räumlichen und zeitlichen Verhältnisses gleicher Bilder. Folglich breitet sich die Erinnerung über die Verhältnisse der Zeit und des Orts und also über Reih und Folge aus; aber blosses Ein- und Vorbilden stellet einen Gegenstand nur abgerissen dar.

Die fünf Sinne heben mir ausserhalb, die Phantasie innerhalb meines Kopfes einen Blumengarten vor die Seele; jene gestalten und malen, diese tut es auch; jene drücken die natur mit fünf verschiedenen Platten ab, diese als sensorium commune liefert sie alle mit einer. Die Phantasie ist zwar nicht der matte Nachklang der Sinne, wie Helvetius meint, aber doch das Unisono derselben. Wie die Fühlfäden der Sinnennerven zu den Empfindungen, so verhalten sich die Gehirnkügelchen (oder welches körperliche adjuvans wir gleich nur diese zu erzeugen, und jene zu empfangen glauben: so ist es doch bei den Empfindungen falsch, die wir, wie Kant genug erwiesen, ebensogut (nach und mit einer unbegreiflichen plastischen Form in uns) erzeugen als innere Bilder. Da der Spielraum der Sinne enger ist als der Phantasie: so entsteht die Täuschung, dass wir uns jene nur in den Ketten des Körpers und diese nur in den Zügeln des Willens denken, da wir doch ebensowohl in einem fort phantasieren als empfinden müssen. Die Empfindung stellet mit dem Kolorit der Schmelz- oder Musivmalerei z.B. einen Menschen vor mich, die Phantasie tuts mit der Blässe der schwarzen Kunst oder (in einem Dichter) mit aqua tinta. Dass beide sich bloss im Kolorit unterscheiden, sieht man am meisten dann, wenn die Lebhaftigkeit der Phantasie diesen Unterschied der Farbengebung aufhebtich meine im hitzigen Fieber, wo der bleiche Leichnam (ich meine die Vorstellung von einem Menschen) in dem kopf mit so viel Lebensgeistern und Blut ausgesprützet wird, dass ihn der Fieberkranke wirklich als einen Lebendigen ausser seinem kopf zu erblicken