auf: ich habe es nicht verschworen, in diese biographische Kommode noch nach Jahren einen neuen Kasten einzuschieben. "Und meinem Patchen, Herr Gevatter, wird es eben auch nichts verschlagen, dass man das Kind der Lesewelt schon präsentieret, wenn das liebe nicht mehrere Monate hat, als Horaz Jahre zu einem literarischen fordert, nämlich neun."
Unter dem Nachhausegehen pries ich seine Frau. "Wenn die Ehe", sagt' ich zu ihm, "der Krapp ist, der an Mädchen wie an Kattunen die Farben sichtbar macht: so verfecht' ich, Tiennette war als Mädchen schwerlich so gut wie jetzt als Frau. Beim Himmel! in einer solchen Ehe wollt' ich Bücher schreiben nämlich ganz andere, göttliche – in einer Ehe mein' ich, wo neben dem Schreibetisch (wie neben den grossen Votiertafeln des Regensburger Reichstages kleine Konfekttischchen sind) – wenn auch dergleichen, sag' ich, auch eine Ingwermarmelade neben mir stände, nämlich ein abgesüssetes, herrliches, in den Zettelkästenskribenten vernarrtes Gesichtchen, Gevattersmann! Ihre Ehe wird gerade der Akazienlaube gleichen, auf die wir zugehen, an der sich das Laub eben in der Hitze und im Sommer verdichtet, wo andere Gewächse nur dürre poröse Schatten werfen."
Da wir durch die obere Gartentüre in diese Laube traten, war wahrhaftig schon das Essen und das gute Weib darin. Nichts ist moralischer und zärter als die achtung, womit eine gute Ehefrau den Wohltäter oder Spiessgesellen ihres Mannes behandelt – und glücklicherweise war eben der Biograph dieser Spiessgesell und das Objekt dieser achtung. Unsere gespräche waren fröhlich, aber mein Inneres beklommen. Die Fesseln, die den blossen Leser an meine Helden binden, werden dreifach bei mir, indem ich zugleich ihr Gast und ihr Porträtmaler bin. Ich sagte zum Pfarrer, er werde älter als ich, weil sein temperiertes Temperament gleichsam von einem arzt gleich zwischen Nervenschwäche der Kultur und zwischen dem feurigen dichten Blute des Landmanns abgewogen sei. Fixlein sagte, wenn er nur noch einmal so lange lebe als bisher, nämlich zweiunddreissig Jahre: so betrage es ohne die Schalttage doch 280 320 Stunden, welches etwas Ansehnliches sei; und er Überzähle oft mit Vergnügen die vielen Tausend Zweiunddreissiger, die mit ihm gehen müssten.
Endlich musst' ich doch aufbrechen, da die roten Lichter der fallenden Sonne an der Laube aufstiegen und uns immer tiefer in den Nachtschatten eintauchten: der Abendtau hätte die Wöchnerin erkältet. Ich ersuchte verwirrt den Pfarrer, bald in die Stadt zu kommen, wo ich ihm nicht bloss alle Zimmer des Schlosses zeigen wollte, sondern auch den Fürsten. Frohers gab es heute auf der alten Welt nichts als das Gesicht, dem ichs sagte, und als das andere, das der milde Widerschein von jenem war. Der Biograph hätte zu viel eingebüsset, wenn ihm jetzt in der Minute, wo ihm seine Phantasie wie die Spiegelteleskopen alle Gegenstände nur zitternd vorstellt, hätte davonlaufen müssen, ich will sagen, wenn ihm nicht beigefallen wäre, dass es der Kindbetterin wenig schaden (aber viel nutzen) würde, wenn sie zu einer kleinen Motion käme und noch über den Garten hinaus den Verfasser und Bauherrn gegenwärtiger Zettelkästen begleiten hälfe.
Kurz ich nahm in jede Hand statt unter jedem Arm eine vom Ehepaar und zog mit ihnen zum Garten hinaus auf den Flachsenfinger Steig. Ich drehte oft gewaltsam zwischen ihnen meinen Kopf zurück, als ob ich jemand uns nachschreiten hörte; aber in der Tat wollt' ich nur noch einmal, obwohl wehmütig, ins glückliche Dörfchen zurückschauen, das aus lauter Wohnungen einer stillen satten Sabbatsfreude bestand und das glücklich genug ist, obgleich über seine weit auseinandergelegten Pflastersteine nur alle Wochen ein Raseur, alle Festtage ein Friseur und alle Jahre ein Parasol-Ausrufer zieht. Dann musst' ich freilich den Kopf wieder umwenden und die zwei Beglückten mit Augen anblicken, die bald übergingen. Mein sonst guter Gevatter konnte sich nicht recht in diese Trauerzeichen schicken; aber in deinem Herzen, du gutes, so oft gequältes Geschlecht, trifft jede Trauerglocke leicht ihren Einklang an, und die mit dem dünnen zitternden Resonanz*boden einer nachtönenden Brust veredelte Tiennette gab mir alle Töne mit den Schönheiten eines Echo wieder. – – Endlich standen wir auf dem Grenzhügel, über den man Tiennetten nicht lassen durfte, und ich musste nun von dem Gevatter, mit dem ich alle Morgen so lustig zusammen gesprochen – jeder aus seinem Bette heraus –, und aus dem stillen Kreise bescheidener Hoffnung weichen, um in den gärenden bellenden Hof-Cercle zurückzutreten, wo man dem Schicksal ein Lebens-Süssholz abtrotzt und abfordert, so armsdick wie das botanische an der Wolga, weniger um die süssen Balken selber auszukäuen als um andere damit totzuschlagen.
Als ich mir dachte, ich würde zu ihnen sagen: lebet wohl! so traten alle künftige Plagen, alle Leichen und alle Wünsche dieses geliebten Gespanns vor mein Herz, und ich dachte daran, dass nichts als einschlummernde Freudenblumen ihren (wie meinen und jeden) Lebenstag abmarken. – Und doch ist es schöner, wenn sie ihre Jahre nicht nach der Wasseruhr fallender Tränen, sondern nach der Blumenuhr41einschlafender Blumen ausmessen, deren Kelche, ach! vor uns Armen von Stunde zu Stunde zufallen. –
Ich wollte eben jetzt – weil ich mich noch daran erinnere, wie ich mit einem strömenden Auge über den zwei Geliebten wie über Leichen hing – mich anreden und sagen: viel zu weicher Jean Paul, dessen Kreide immer auf dem Flor der Melancholie die Modelle der natur nachzeichnet, härte dein Herz ab wie