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Elementarkenntnisse der Glückseligkeitslehre hinwegbringen, als das ganze Kammerherrn Piquet im kopf führet. Ich notierte den ersten Eindruck in folgende Lebensregeln für mich und die Presse auf:

Kleine Freuden laben wie Hausbrot immer ohne Ekel, grosse wie Zuckerbrot zeitig mit Ekel. – Wir sollten uns von den Kleinigkeiten nicht bloss plagen, sondern auch erfreuen lassen, nicht bloss ihre Gift-, sondern auch ihre Honigblase auffangen; und wenn uns oft die Mücke an der Wand irren kann, so sollten uns auch die Mücken wie den Domitian belustigen, oder wie einen noch lebenden Kurfürsten beköstigen. – Man muss dem bürgerlichen Leben und seinen Mikrologien, wofür der Pfarrer einen angebornen Geschmack hat, einen künstlichen abgewinnen, indem man es liebt, ohne es zu achten, indem man dasselbe, so tief es auch unter dem menschlichen stehe, doch als eine andere Verästung des menschlichen so poetisch geniesset, als man bei dessen Darstellungen in Romanen tut. Der erhabenste Mensch liebt und sucht mit dem am tiefsten gestellten Menschen einerlei Dinge, nur aus höhern Gründen, nur auf höhern Wegen. – Jede Minute, Mensch, sei dir ein volles Leben! – Verachte die Angst und den Wunsch, die Zukunft und die Vergangenheit! – Wenn der Sekundenweiser dir kein Wegweiser in ein Eden deiner Seele wird, so wirds der Monatsweiser noch minder, denn du lebst nicht von monat zu monat, sondern von Sekunde zu Sekunde! – Geniesse dein Sein mehr als deine Art zu sein, und der liebste Gegenstand deines Bewusstseins sei dieses Bewusstsein selber! – Mache deine Gegenwart zu keinem Mittel der Zukunft, denn diese ist ja nichts als eine kommende Gegenwart, und jede verachtete Gegenwart war ja eine begehrte Zukunft! – Setze in keine Lotterienbleibe zu hausgib und besuche keine grossen Gastmahleverreise nicht zu halben Jahren! – Verdecke dir nicht durch lange Plane dein Hauswesen, deine stube, deine Bekannten! – Verachte das Leben, um es zu geniessen! – Besichtige die Nachbarschaft deines Lebens, jedes Stubenbrett, jede Ecke, und quartiere dich, zusammenkriechend, in die letzte und häuslichste Windung deines Schneckenhauses ein! Halte eine Residenzstadt nur für eine Kollekte von Dörfern, und ein Dorf für die Sackgasse aus einer Stadt, den Ruhm für das nachbarliche Gespräch unter der Haustüre, eine Bibliotek für eine gelehrte Unterredung, die Freude für eine Sekunde, den Schmerz für eine Minute, das Leben für einen Tag und drei Dinge für alles: Gott, die Schöpfung, die Tugend! – –

Und wenn ich mir selber und diesen Regeln folgen will: so muss ich auch nicht so viel aus dieser Lebensbeschreibung machen, sondern sie einmal wie ein mässiger Mensch ausklingen lassen.

Nach der Kinderlehre stieg ich herab zum weit- und schwarzröckigen Gevatter. Wir trabten nach Abfluss der Pfarrgemeinde alle Emporen hinauflasen die Bleche der Kirchenstühleich blätterte am Altare in der mit dem Sediment der Zeit inkrustierten Agende (ich rede nicht metaphorisch) – ich orgelte, der Gevatter trat den Balgich erstieg die Kanzel und war so glücklich, da einen Rosenstock zu treffen, den ich in der Valetminute noch in den Rosengarten meines Fixleins setzen konnte. Ich nahm nämlich droben an einem hölzernen Apostel den Namen Lavater wahr, den der Zürcher eigenhändig als eine Votivtafel am heiligen Torso hatte lassen wollen im Durchmarsch. Fixlein kannte die Hand nicht, aber ich; – denn ich hatte sie öfters in Flachsenfingen nicht nur auf der Wandtapete einer Hofdame, sondern auch auf seiner Handbibliotek40 und in vielen Landeskirchen angetroffen, die gleichsam der Adresskalender und Vokabelnsaal dieses wandernden Namens waren, weil Lavater in Kanzeln, wie eine Schäferin in Bäume, gern den Namen des Geliebten schreibt. Ich konnte also meinem Gevatter wohl raten, aus dem Apostel den Namen samt dem Hobelspan, worauf er sitzt, vorsichtig herauszuschneiden und die Handschrift gut zu verwahren.

Beim Eintritte ins Pfarrhaus wollt' ich Hut und Stock nehmen, aber das Dessein, gleichsam die Projektion und der Kontur eines Abendessens in der Akazienlaube war schon von Tiennetten entworfen. Ich beteuerte, ich bliebe bis abends, falls nur die Wöchnerin auch mit zum dekretierten Souper hinaufginge... und wahrhaftig der Biograph behielt endlich über das Kindbetterin-Marschreglement die Oberhand.

Ich nötigte darauf den Pfarrer, seine Kräutermütze, die er sich zur Roboration seiner Memorie ausfüttern lassen, aufzusetzen: "Wollte Gott," sagt' ich, "die Fürsten täten statt der Fürstenhüte, die Doktores und Kardinäle statt der ihrigen, die Heiligen statt der Märtyrerkronen solche Gedächtnis-Mützen auf den Kopf!" Alsdann marschierten wir allein, unter dem Braten und Kochen, auf die Pfarrfelder hinaus und sprachen gelehrt. Wir verfügten uns ins ruinierte Raubschloss hinein, von dem mein Gevatter das bekannte Werk unter der Feder hat. Ich billigte es sehrzumal da das Kaper-Schloss einmal einem von Aufhammer eigentümlich zugehöret hatte –, dass er die Beschreibung dem Dragonerrittmeister zueignen wollte: dieser lässt lieber, denke' ich, der Schrift als dem Pudel seinen Namen vorsetzen. Ich sprach auch meinem Handwerksgenossen überhaupt literarischen Trost ein und sagte: "Herr Gevatter, keck geschrieben! Sei auch der Subrektor Hans von Füchslein der apokalyptische Drache, der auf die Entbindung des flüchtigen Weibes auflauert, um die Geburt zu verschlucken: so bin ich auch da und habe meinen Freund, den Redakteur der Literaturzeitung, zur Seite, der mir gern verstattet, eine Antikritik gegen Inseratgebühren einzuschicken." – Besonders munterte ich ihn zu neuen Inseraten und Retourladungen seiner Zettelkästen