1796_Jean_Paul_050_64.txt

selber damals seinen achtjährigen Namen geschrieben, den er für seine Hand rekognoszieren musstedann den schwarz-samtnen Fallhutdann die rot-weissen Laufbändersein Kindermesser-Besteck mit einem Heft von Zinnblättchen seinen grünen Husarenpelz, dessen Aufschläge sich härtenund einen ganzen orbis pictus oder fictus der Nürnberger figurierten Marionetten-Welt....

Der Kranke erkannte den Augenblick diese vorragenden Spitzen einer im Strome der Zeit untergegangnen Frühlingsweltdiesen Halbschatten, diese Dämmerung versunkner Tage diese Brand- und Schädelstätte einer himmlischen Zeit, die wir nie vergessen, die wir ewig lieben und nach der wir noch auf dem grab zurücksehen.... Und als er das sah, drehte er langsam den Kopf umher, wie wenn ein langer trüber Traum aufgehöret hätte, und sein ganzes Herz floss in warmen Tränenregen herab, und er sagte, indem sich seine vollen Augen an die Augen der Mutter anschlossen: "Lebet denn aber mein Vater und mein Bruder noch?" – "Sie sind nicht längst gestorben", sagte die wunde Mutter; aber ihr Herz war überwältigt, und sie kehrte das Auge weg, und bittere Tränen fielen aus dem niedergebückten haupt ungesehen. Und hier übergoss auf einmal jener Abend, wo er durch den Tod seines Vaters bettlägerig und durch seine Spielwaren genesen war, seine Seele mit Glanz und Lichtern und Vergangenheit.

Nun färbte sich der Wahnsinn Rosenflügel in der Aurora unsers Lebens und fächelte die schwüle Seeleer schüttelte Schmetterlings-Goldstaub von seinem Gefieder auf den Steig, auf das Blumenwerk des Leidendenin der Ferne gingen schöne Töne, in der Ferne flogen schöne Wolken – o das Herz wollte sich zerlegen, aber bloss in flatternde Staubfäden, in weiche fassende Nerven; das Auge wollte zerfliessen, aber bloss in Tautropfen für die Kelche der Freudenblumen, in Blutstropfen für fremde Herzen; die Seele wallete, zuckte, stöhnte, sog und schwamm im heissen, lösenden Rosenduft des schönsten Wahns....

Die Wonne zügelte sein fieberhaftes Herz, und seine tobenden Pulse stillten sich. Am Morgen darauf wollte die Mutter, als sie sah, es gelinge alles, gar zur Kirche läuten lassen, um ihm weiszumachen, er sei schon beim zweiten Sonntag. Aber die Frau verwarf (vielleicht aus Scham vor mir) das Belügen und sagte, man könne ja, es sei dasselbe, den Datumszeiger an seiner Stutzuhr (aber anders wie Hiskias Sonnenuhr) um acht Tage vorwärtsrücken, um so mehr, da er bisher lieber aufstand und nach der Uhr schaute, "den wievielten er habe", als hinlangte und im Kalender nachsah. Ich meines Orts ging bloss hinauf zu ihm und befragte ihn: "ob er toll wärewas er denn mit seiner närrischen Todesfurcht noch haben wolle, da er so lange liege und sehe, dass er den Kantatesonntag schon hinter sich habe, und doch an der blossen Angst verdorre zu einer Dachschindel."

Eine herrliche Verstärkung stiess zu mir, der Fleischer oder Quartiermeister. Er brach ängstlich, ohne die Weiber zu salutieren, herein, und ich nahm sofort das laute Wort: "Mein Gevatter geht mir nahe genug, Herr Regimentsquartiermeister; gestern liess er sich einreden, er sei wenig älter als sein leiblicher Sohn, und hier ist noch der Fallhut, den er aufsetzen wollte." Der Vormund sakramentierte und sagte: "Mündel! ist Er denn ein Pfarrer oder ein Narr? – Hab' Ihms doch so oft vorgehalten, dass es hierin mit Ihm hapert!" –

Endlich sah er selber, er sei nicht recht gescheut, und wurde gesund; ausser den vormundschaftlichen Invektiven trugen viel meine Eide dazu bei, ich würde' ihn für keinen rechtschaffenen Gevatter erkennen und kein Wort von seiner Biographie edieren, wenn er nicht nächstens aufstände und genäse....

Kurz, er hatte gegen mich so viel Lebensart und Welt, dass er sich aufsetzte und genas. – Er kränkelte wohl noch am Sonnabend und konnte am Sonntage noch keine Predigt halten (etwas Ähnliches las der Schulmeister ab), aber doch eine Beicht am Sonnabend, und auf dem Altar teilte der Rekonvaleszent das Nachtmahl aus. Nach Endigung des Gottesdienstes wurde das Dankfest seiner Genesung begangen, in das noch mein Valetschmaus fiel, weil ich nachmittags gehen wollte.

Ich will diesen letzten Nachmittag so weitläuftig als möglich entwerfen und nachher den Riss doch noch mit dem Storchschnabel angenehmer Hommelscher Plapperei ins Grosse auszeichnen.

Unter dem Gedächtnismahle kamen Personensteuern von den Katechumenen ein und Messpräsente als Freudenfeuer bei seiner Genesung, welche bewiesen, wie sehr ihn die Gemeinde liebte und wie sehr er es verdiente: denn man wird von der Menge öfter ohne Grund gehasset als ohne Grund geliebt. Er war aber auch freundlich gegen jedes Kind, war keiner von den Geistlichen, die ihren Feinden nie anders vergeben als anGottes Statt, und lobte zugleich die ganze Welt, seine eigne Frau und sich.

Ich wohnte sodann seiner nachmittägigen Kinderlehre bei und sahwie er im ersten Zettelkastenim Chore hinter dem Flügel des hölzernen Cherubims hinunter. Hinter diesem Engel zog ich meine Schreibtafel heraus und stellte mich mehr hinter das schwarze Brett voll weisser Lieder-Ziffern und schrieb auf, was ich jetztdachte. Ich wusste, wenn ich heute, am fünfundzwanzigsten Mai, aus dieser salernitanischen Spinn-Schule, wo man den Lebensfaden auf eine schönere Weise ohne das Anfeuchten mit Mixturen länger ziehen lernt, ich wusste (sag' ich), wenn ich fortginge, ich würde mehrere