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gutes Weib hatte seine fieberhafte Hand und stand am platz des Engels.

Das Fieber setzte am Morgen ab; aber der Glaube ans Sterben pulsierte im ganzen Geäder des Armen. Er liess sich sein schönes Kind in das Krankenbette reichen und drückte es schweigend, ob es gleich zu schreien anfing, zu hart an seine väterlich beklommene Brust. Dann gegen Mittag wurde seine Seele ganz kühl, und das schwüle Gewölk zog in ihr zurück. – Und hier erzählt' er uns eben die bisherigen (gleichsam arsenikalischen) Phantasien seines sonst beruhigten Kopfes. Aber eben die straffen Nerven, die sich nicht so wie die eines Dichters unter den Griffen und Rissen einer poetischen, den Schmerz abspielenden Hand gezogen haben, springen und reissen unter der gewaltsamen Faust des Schicksals leichter, die den Misston heftig in die angespannten saiten greift.

Aber gegen Abend rannten seine Ideen wieder in einem Fackeltanz wie Feuersäulen um seine Seele: jede Ader wurde eine Zündrute, und das Herz trieb brennende Naphtaquellen in das Gehirn. Jetzt wurde alles in seiner Seele blutig; das Blut seines ertrunknen Bruders floss mit dem Blute, das aus Tiennettens Aderlasswunde längst gedrungen war, in einen Blutregen zusammen ihm kam immer vor, er sei in der Verlobungsnacht in dem Garten, und er begehrte immer Schrauben zum Blutstillen und wollte sein Haupt in den Turmknopf verstecken. Nichts tut weher, als einen mässigen vernünftigen Menschen, ders sogar in Leidenschaften blieb, im poetischen Unsinn des Fiebers toben zu sehen. Und doch, wenn nur die kühle Verwesung das heisse Gehirn besänftigt und wenn, während der Qualm und Schwaden eines aufbrausenden Nervengeistes und während die zischenden Wasserhosen der Adern die erstickte Seele umfassen und verfinstern, wenn ein höherer Finger in den Nebel dringt und den armen betäubten Geist plötzlich aus dem Brodem auf eine Sonne hebt: wollen wir denn lieber klagen als bedenken, dass das Schicksal dem Augen-Wundarzte gleicht, der gerade in der Minute, eh' er dem einen blinden Auge die Lichtwelt aufschliesset, auch das andere sehende zubindet und verdunkelt?

Aber der Schmerz tut mir zu wehe, den ich von Tiennettens blassen Lippen lese, wiewohl nicht höre. Es ist nicht das Verziehen eines Marter-Krampfes, noch das Entzünden eines versiegten Auges, noch das laute Jammern oder das heftige Bewegen eines geängstigten Körpers, was ich an ihr sehe: sondern das, was ich an ihr sehen muss und was das mitleidende Herz zu heftig zerreisset, das ist ein bleiches, stilles, unbewegliches, nicht verzognes Angesicht, ein blasses blutloses Haupt, das der Schmerz nach dem Schlage gleichsam wie das Haupt einer Geköpften leichenweiss in die Luft hinhält; denn o! auf dieser Gestalt sind alle Wunden, aus denen sich der dreischneidige Dolch gezogen, fest wieder zugefallen, und das Blut quillet verdeckt unter der Wunde in das erstickende Herz. O Tiennette, gehe vom Kranken weg und verbirg das Angesicht, das uns sagt: "Nun weiss ich doch, dass ich niemals auf der Erde glücklich sein sollnun hoff' ich nicht mehrmöchte' es nur bald vorüber sein mit diesem Leben!"

Man begreifet meine Betrübnis nicht, wenn man das nicht weiss, was mir vor einigen Stunden die zu laut klagende Mutter gestanden. Tiennette, die längst und immer vor seinem zweiunddreissigsten Jahre gezittert hatte, war diesem Aberglauben mit einem andern edlern entgegengegangen: sie war nämlich absichtlich am Traualtar weiter zurückgestanden und in der Brautnacht früher eingeschlafen als er, um dadurchwie es der volkes-Wahn istzuwege zu bringen, dass sie auch früher sterbe. Ja, sie ist entschlossen, wenn er stirbt, seiner Leiche eines ihrer Kleidungsstücke mitzugeben, um früher in die Nachbarschaft seiner kalten Höhle hinabzukommen. Du gute, du treue Gattin, aber du unglückliche. –

Letztes Kapitel

Ich bin aus Hukelum und mein Gevatter aus dem Bette, und einer ist so gesund wie der andere. Die Kur war so närrisch wie die Krankheit.

Ich fiel zuerst darauf, ob nicht, wie Boerhaave Konvulsionen durch Konvulsionen heilte, bei ihm Einbildung durch Einbildung zu kurieren wäre, durch die nämlich, er sei noch kein Zweiunddreissiger, sondern etwa ein Sechser, ein Neuner. Phantasien sind Träume, die kein Schlaf umgibt, und alle Träume tragen uns in die Jugend zurück: warum nicht auch Phantasien? – Ich befahl also allen die Entfernung vom Patienten: bloss die Mutter sollte, während die feurigsten Meteoren vor seiner fieberhaften Seele flögen und zischten, allein bei ihm sitzen und ihn anreden, als wenn er ein Kind von acht Jahren wäre. Auch sollte sie den Bettspiegel verhängen. Sie tatsmachte ihm weis, er habe das Ausbruchsfieber der Blatternund als er sagte: "Der Tod steht mit zweiunddreissig spitzigen Zähnen vor mir und will damit mein Herz zerkäuen" so sagte sie: "Kleiner, ich gebe dir deinen Fallhut und dein Schreibbuch und dein Besteck und deinen Husarenpelz wieder und noch mehr, wenn du fromm bist." Etwas Vernünftiges hätt' er weniger aufgefasset und begriffen als dieses Närrische.

Endlich sagte siedenn im grössten Schmerze werden einer Frau Rollen der Verstellung leicht –: "Ich wills nur noch einmal probieren und dir deine Spielwaren geben; aber komme mir wieder, Schelm, und werfe dich so im Bette herum mit deinen Blattern!" – Und nun schüttete sie aus der gefüllten Schürze alle Spiel und Kleidungswaren, die ich in dem Schränklein des ertrunknen Bruders gefunden, in das Bette hinein. Zuallererst sein Schreibbuch, worauf er