1796_Jean_Paul_050_62.txt

seinem eignen Blitze erschlagen kann.... Alle teologische Wünsche, die ich ihm auf dem damit bedruckten Patenzettel an seinen jungen Busen steckte, glühten in meinem noch einmal geschrieben.... Aber die weisse Federnelke meiner Freude hatte dann wieder wie allemal einen blutigen Punktich trug gleich einem Spechte wieder wie allemal in einen Totenschädel zu Nest.... Und da ichs leider jetzt auch wieder tue: so soll die Schilderung des Tauftages heute aus sein und morgen fortschreiten....

Vierzehnter Zettelkasten

O so ist es immer! So zündet das Schicksal das Teater unserer kleinen Lustspiele an und den schön gemalten Vorhang der Zukunft! So windet sich die Schlange der Ewigkeit um uns und unsere Freuden und zerdrückt wie die Königsschlange durch ihre Ringe, was sie nicht vergiftet! Du guter Fixlein! – Ach ich konnte gestern nachts mir nicht vorstellen, dass du Armer, indem ich neben dir schrieb, schon in den giftigen Erdschatten des Todes rücktest.

Er machte gestern noch so spät die im alten Turmknopf gefundne Bleibüchse aufdas Verzeichnis derer, die zum vorigen Turmbau gegeben hatten, war darin, und er las es erst jetzt, weil ihn bisher meine Gegenwart und seine Geschäfte darin gestöret hatten. – O wie soll ichs nennen, dass er gerade sein Geburtsjahr, das ich in den neuen Knopf verhehlet, in dem alten finden musste, dass im Register der Leute, die den Bau unterstützet hatten, gerade der Name seines Vaters mit dem Zusatz eingeschrieben stand: "er schenk' es für seinen neugebornen Sohn Egidius etc."? –

Dieser Schlag ging tief in seine Brust bis zum Spaltenin dieser warmen Stunde voll Vaterfreude, nach so schönen Tagen, nach so schönen Einrichtungen, nach so oft überlebter Todesangst steigt in das helle glatte Meer, das ihn wiegend führte, schnaubend das Seeungeheuer des Todes aus dem vermoderten Abgrund heraufund des Untiers Rachen klafft, und das stille Meer zieht in Wirbeln in den Rachen und nimmt ihn mit.

Aber der Geduldige legte still und langsam und mit einem, obwohl tödlich-erkälteten, doch schweigenden Herzen die Blätter zusammenblickte sanft und fest über den Gottesacker, auf dem er im Mondschein den Hügel seines Vaters unterscheiden konnteschaute furchtsam auf zum Himmel voll Sterne, über den sich ein weisser Wetterbaum ausstreckteund ob er sich gleich ins Bette sehnte, um sich einzubauen und alles zu verschlafen, so betete er doch vorher am Fenster für Weib und Kind, im Falle diese Nacht die letzte wäre.

Hier schlug es auf dem Turm zwölf Uhr; aber eine ausgebrochene Eisenzacke liess die Gewichter in einem fort rollen und den Glockenhammer fortschlagenund er hörte schauerlich die Drähte und die Räder rasseln, und ihm war, als liesse jetzt der Tod alle längere Stunden, die er noch zu leben gehabt, hintereinander ausschlagenund nun wurde' ihm der Gottesacker beweglich und zitternd, das Mondslicht flakkerte an den Kirchfenstern, und in der Kirche schossen Lichter herum, und im Gebeinhause fings an, sich zu regen.

Da schauerte ihn, und er legte sich ins Bette und schloss die Augen, um nichts zu sehen; – aber die Phantasie blies jetzt im Dunkel den Staub der Toten auf und trieb ihn zu aufgerichteten Riesen zusammen und jagte die hohlen aufgerissenen Larven wechselnd in Blitze und Schatten hinein. – Dann wurden endlich farbige Träume aus den durchsichtigen Gedanken, und es träumte ihn: er sehe aus seinem Fenster in den Gottesacker, und der Tod krieche klein wie ein Skorpion darauf herum und suche sich seine Glieder. Darauf fand der Tod Armröhren und Schienbeine auf den Gräbern und sagte: "Es sind meine Gebeine", und er nahm ein Rückgrat und die Knochen und stand damit, und die zwei Armröhren und griff damit, und fand am grab des Vaters von Fixlein einen Totenschädel und setzte ihn aufAlsdann hob er eine Grassichel neben dem Blumengärtchen auf und rief: "Fixlein, wo bist du? Mein Finger ist ein Eiszapfen und kein Finger, und ich will damit an dein Herz tippen." – Jetzt suchte das zusammengestoppelte Gerippe den, der am Fenster stand und nicht weg konnte, und trug statt der Sanduhr die ewig ausschlagende Turmuhr in der andern Hand und hielt den Finger aus Eis weit in die Luft wie einen Dolch....

Da sah er den Sohn oben am Fenster und richtete sich so hoch bis an den Wetterbaum auf, um ihm den Finger gerade in die Brust zu stossenund schritt wider ihn. Aber so wie er weiterschritt, wurden seine gebleichten Knochen röter, und Düfte flossen wollicht um seine stechende Gestalt. – Blumen schlugen schnellend auf, und er blieb, verklärt und ohne Knochenerde, über ihnen schweben, und der Balsamatem aus den Blumenkelchen hauchte ihn wiegend weiterund als er näherkam, war Uhr und Sichel weggeflossen, und er hatte im Brust-Gerippe ein Herz und auf dem Knochenschädel einen roten Mundund noch näher fing ein weichendes, durchsichtiges, in Rosenduft getauchtes Fleisch gleichsam den Widerschein eines hinter dem Sternenblau fliegenden Engels aufund am nächsten war es ein Engel mit geschlossenen schneeweissen Augenlidern....

Das wie eine Harmonikaglocke zitternde Herz meines Freundes zerfloss selig in die weite Brustund als der Engel die himmlischen Augen aufschlug: so wurden seine von der schweren Himmelswonne zugedrückt, und sein Traum zerrann. – –

Aber sein Leben nicht: er öffnete die heissen Augen, undsein